Ach, die gute alte Zeit, damals im Juni 1975. Im Land der absoluten Parlamentssouveränität waren die britischen Wähler erstmals aufgefordert, in einem Referendum Regierungshandeln abzusegnen. Zwei Jahre zuvor, 1973, hatten die Konservativen unter ihrem Premier Edward Heath Großbritannien in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft geführt. Nun war Labour wieder dran, und deren Basis passte das liberale europäische Wirtschaftsmodell so gar nicht in den Kram. Die Bevölkerung jedoch bestätigt den Beitritt mit einer Zustimmungsrate, die heute nahezu fabulös wirkt – 67%!
Großbritannien steuert in den 70er Jahren zielsicher auf den wirtschaftlichen Kollaps zu. Die ehemalige Werkbank der Welt war nicht mehr wettbewerbsfähig. Nicht nur West-Deutschland oder Frankreich, selbst Italien war auf den Weltmärkten am einstigen Primus vorbeigezogen. Großbritannien hatte lange auf Empire und gegen Europa gesetzt – und verloren. Die Industrien lagen größtenteils am Boden, das britische Modell hatte sowohl die technologische als auch organisatorische Modernisierung der Wirtschaft während der „fetten“ 50er und 60er regelrecht verhindert. Nun sollte es die enge Anbindung an den europäischen Markt richten. Aber auch der Beitritt konnte die Abwärtsspirale zunächst nicht stoppen.

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Heute, 41 Jahre nach dem ersten Referendum, scheint diese Epoche wie eine weit entrückte Vergangenheit. Die grundlegenden Wirtschaftsreformen unter Margaret Thatcher bescherten Großbritannien ab 1979 ein völlig neues Geschäftsmodell, das in seinen Grundzügen von allen Nachfolgregierungen, ob Tories oder Labour, konsequent fortgesetzt wurde – mit dramatischen sozialen Folgen für die gesamte britische Gesellschaft. Thatcher gab den Kampf um mehr Wettbewerbsfähigkeit in den klassischen Industrien früh verloren. Vielmehr baute sie einseitig auf den privaten Dienstleistungssektor und setzte jegliche staatliche Einmischung in die Wirtschaft mit Sozialismus gleich. Mit Privatisierung, Deregulierung und Steuersenkung stellte sie den sozialen Marktwirtschaften auf dem Festland ein radikales Marktmodell entgegen.
Mit dem neuen Geschäftsmodell kamen Wachstum und Jobs zurück auf die britischen Inseln. London wurde zum Finanzdienstleistungszentrum einer völlig deregulierten Weltwirtschaft und dank unglaublicher Steuerprivilegien zum heiß begehrten Standort der globalen Superreichen. Heute ist Greater London die reichste EU-Region und das britische Pro-Kopf-Einkommen höher als in fast allen anderen EU-Mitgliedsstaaten, Deutschland und Frankreich eingeschlossen. Aber der soziale Preis für das neue Geschäftsmodell ist hoch: Millionen prekärer Beschäftigungsverhältnisse, massiver Rückzug des Sozialstaates bei steigenden Lebenshaltungskosten und Lebensrisiken, eine dramatisch ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, unbezahlbare Immobilienpreise in London und teils verwahrloste Städte in der Provinz. Das Dogma, der Reichtum der wenigen (oft ausländischen) Reichen komme irgendwann auch der Mittelschicht und schließlich gar den Armen zugute, bewahrheitet sich zunehmend nicht.

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Vor diesem Hintergrund geht Großbritannien am 23. Juni 2016 in sein zweites Europa-Referendum. Aber die EU-28 von heute hat mit der EG-6 von 1973 kaum noch etwas zu tun. Aus dem gemeinsamen Markt ist eine hochkomplexe Wirtschaftsunion geworden, die zunehmend auch andere Politikfelder erfasst, fast immer gegen den Willen Großbritanniens. Und das Land ist heute nicht mehr Schlusslicht, sondern neben Deutschland das einzig verbliebene, große wirtschaftliche Zugpferd der Union. Permanente EU-Schelte ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem bewährten britischen Markenzeichen geworden, quer durch nahezu alle politischen Lager. Zu zentralistisch, zu intransparent, zu ineffizient, zu teuer, zu sozial, kurz, zu wenig „Value for money“. Selbst viele Streiter für einen Verbleib in der EU erkennen nur einen plausiblen Grund für die EU-Mitgliedschaft an: ohne ist es noch schlechter. Das britische Geschäftsmodell brauche schließlich den uneingeschränkten Zugang zum europäischen Markt. Wie aber die Vorteile retten ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen? Premier David Cameron hat es mit dem Aushandeln neuer Sonderregelungen versucht. Soziale Beschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit, Schutzbestimmungen für die City of London, garantierte Rückzahlung von Hilfsleistungen für kriselnde Euroländer und – hochsymbolisch – das britische Nein zum „Prozess der Schaffung einer immer engeren Union der Völker Europas“. Wird es reichen? Während die Umfragewerte ein Kopf-an-Kopf Rennen voraussagen, sind sich die Buchmacher weitgehend einig – die Briten werden auch diesmal wieder mehrheitlich für die EU votieren, wie schon 1975, und genau wie damals nicht aus Begeisterung für das Projekt Europa, sondern aus wirtschaftlichem Pragmatismus.

Ach, und die Kirchen? Während die Church of England – wie alle anderen großen Religionsgemeinschaften in England – offiziell keine Festlegung vornimmt, bekennt sich die Church of Scotland klar zu einem Verbleib Großbritanniens in der EU. Immerhin betreiben die beiden Kirchen aber einen gemeinsamen Blog als Diskussionsplattform zum Referendum mit dem suggestiven Titel „Reimagening Europe“. Vielleicht ist dies ja der zarte Beginn für ein neues europäisches Narrativ „made in Britain“, das zumindest ein wenig über die Abwägung nationaler Interessen hinausgeht.

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