„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6)

Pfarrer Dr. Jochen Gerlach, Leiter des Referats Wirtschaft-Arbeit-Soziales der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Hinführung zu Beginn des Gottesdienstes

Der Buß- und Bettag ist eine Gelegenheit zur persönlichen und zur gesamtgesellschaftlichen kritischen Besinnung. Wir können heute die biblischen Grundlagen des Tages für uns entdecken. Der jüdische Versöhnungstag war ein Fest des Volkes Israel mit Schuldbekenntnis, Zusage der Vergebung und einem Neuanfang. Daher begehen wir den Buß-und Bettag als Tag der selbstkritischen Besinnung, die immer die beiden Aspekte umfasst: unsere Verantwortung für unser persönliches Leben und die sozialpolitische Verantwortung für das Gesamtgefüge unserer Gesellschaft.

In diesem Jahr steht die Kampagne unserer Kirche zum Buß-und Bettag unter dem Motto: „Um Gottes Willen“. Ich möchte das Motto für uns heute zuspitzen: Um Gottes Willen: Arbeit hat ihren Wert.

Predigt: Um Gottes Willen: Arbeit hat ihren Wert

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6)

Liebe Gemeinde,

ein Paketzusteller erzählt: „Ich mache Marathontraining, hebe Gewichte. Aber mit den Paketen im Arm ist alles ganz anders. Und das bei weit über 100 Stopps am Tag. Die Arbeit als Paketauslieferer im Dauerlauf und Dauerstress hat mich an meine Grenzen gebracht. Obwohl ich durchtrainiert bin und harte Arbeit kenne. Ich schäme mich fast, darüber mehr als einen Satz zu verlieren. Denn die Männer und die wenigen Frauen, die sich diesen Job antun, ertragen in den Monaten und Jahren, in denen sie durchhalten, ein Vielfaches. Dahinter verblasst meine Erschöpfung, sie wird nichtig. Denn was mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat – ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr, und wenn, dann auf anderen Kontinenten, die wir „Dritte Welt“ nennen“. [www.zeit.de; 31.Mai 2012]

Augustine – so heißt der Mann – will gar nicht nachrechnen, auf welchen Stundensatz er kommt. „Dann hab‘ ich überhaupt keinen Bock mehr“, sagt er. Schaut er dann doch mal genauer hin, kriegt er „die Krise“. Wenn er kurz nach fünf im Depot ist und abends gegen 19 Uhr zurückkehrt, manchmal früher, meist später, kommt er auf 14 Stunden, vor Weihnachten werden es 16 Stunden. In der Woche sind das über 70 Stunden, im Monat 280 bis 300, und das für einen Stundenlohn, der bei vier bis fünf Euro liegt. Er macht den Job trotzdem – nicht nur, weil es schwer ist, einen anderen zu bekommen. Es droht auch Hartz IV, was ihn zu einem Almosenempfänger degradieren würde. [ebd.]

Foto:www.busstag.de

[Möglich ist ein Verweis auf das Plakat, wenn es vorhanden und der Gemeinde bekannt ist: Das Bild auf dem Plakat zum Buß- und Bettag zeigt einen Mann, der in der Kirchenbank sitzt und betet. Ich stelle mir vor, dass dieser Mann der Paketzusteller, Augustine, ist. Er denkt über seine Situation nach.]

Dieser Paketzusteller gehört zu den über acht Millionen Menschen, die in unserem Land im Niedriglohnsektor arbeiten. Unser Arbeitsmarkt ist gespalten: einerseits fehlen in vielen Berufen Fachkräfte und die Erwerbslosigkeit ist wieder stark gesunken, andererseits war der Niedriglohnbereich in Deutschland noch nie so hoch. Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet im Niedriglohnsektor. Niedrig meint dabei ein Lohn unter 10,22 Euro pro Stunde. Das macht für einen Alleinverdiener ca. 1770 Euro brutto und 1260 netto im Monat. Davon geht die Miete, die Nebenkosten ab. Vom Rest muss alles bezahlt werden. Es kann reichen, aber es ist knapp.

Aber es ist nicht nur der Lohn. Viele der Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor bieten zudem wenig Arbeitsplatzsicherheit, wenig arbeitsrechtlichen Schutz und geringe Mitspracherechte. Es sind oft „prekäre“ Beschäftigungen. Dieser Begriff „prekär“ ist umstritten. Neutraler spricht man von „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen:

  • Teilzeitbeschäftigung kann gewollt sein, dann ist es okay. Ungewollte Teilzeit aber ist prekär.
  • Befristete Anstellungen können im Berufsbeginn vorübergehend akzeptiert werden, eine verlässliche Lebensplanung erlauben sie aber nicht und sind dann Merkmal prekärer Beschäftigung.
  • Ende 2016 arbeiteten fast eine Millionen Beschäftigte in Leiharbeit, das sind 16% mehr als 2013. Es gibt gewollte, gutbezahlte Zeitarbeit in technischen Berufen, zumeist ist sie ungewollt und unsicher und damit prekär.

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Es gibt die Familienarbeit, die Fürsorge- und Pflegearbeit, die Arbeit, das Engagement in Parteien, Vereinen, Initiativen und auch in der Kirche. Und es gilt für alle diese Arbeit: Um Gottes Willen – Arbeit hat ihren Wert. Denn Arbeit gehört zum Menschsein. Arbeit ist Quelle sozialer Anerkennung und eigener persönlicher Sinnerfüllung. Der Erwerbsarbeit kommt die Besonderheit zu, dass sie zudem die Quelle des Einkommens und damit der Existenzsicherung ist. Auch für dieses Einkommen muss gelten: Um Gottes Willen – Arbeit hat ihren Wert. Im Niedriglohnsektor ist dieser Wert gefährdet, zumal wenn zum niedrigen Lohn noch erniedrigende Arbeitsbedingungen hinzukommen.

In den letzten Jahren ist der Niedriglohnsektor gewachsen. Die Schere zwischen Reich und Arm ist dadurch in den letzten 20 Jahren stark auseinandergegangen. Die oberen Einkommen und Vermögen sind stark gewachsen, die unteren sind gefallen oder kaum gewachsen. Die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft sind daher stärker geworden. Protestparteien gewinnen Zulauf. Populistische Parolen verschaffen sich stark Gehör.

Foto: pixabay

Als Christen stehen wir mitten drin in diesen gesellschaftlichen Spannungen. Ja, wir sind Teil von ihnen. Zu uns gehören die Armen, ebenso wie die Reichen. Welchen Impuls können wir in diese spannungsvolle Situation hineingeben? Welche Orientierung geben uns unser Glaube und das Grundgebot der Nächstenliebe?

Paulus hat in seinem Brief an die Galater das Liebesgebot in ein prägnantes Bild gebracht. Er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6). Es geht um eine wechselseitige Unterstützung. Nicht einer trägt allein alles, jeder trägt etwas, und zwar die Last des anderen. Das Bild des Lastentragens kommt in der politischen Debatte auch vor. Da heißt es manchmal, dass die starken Schultern mehr tragen müssen als die schwachen. Es meint, dass Reiche als stark gelten und mehr tragen sollen, als Schwache und Arme. Das ist eine sinnvolle Regel, daher werden hohe Einkommen auch mehr besteuert. Aber ist Augustine, der Paketzusteller, schwach? Er verdient wenig, ist bestimmt nicht reich, aber er trägt viel – im wortwörtlichen Sinn, er braucht viel Stärke für seinen Beruf, um körperlich und seelisch durchzuhalten. „Einer trage des anderen Last.“ Jeder trägt etwas, alle sind aufeinander angewiesen. Jede Arbeit hat ihren Wert, das kann ich nur sehen und empfinden, wenn ich Augen dafür habe, wie alle Arbeit ihren Sinn und ihren Beitrag leistet, zum Ganzen und auch zu meinem Wohl.

Im Jahr des Reformationsjubiläums können wir uns an eine der wichtigsten Einsichten Martin Luthers erinnern. In der Antike wurde die körperliche Arbeit gering geschätzt. Dies wirkte bis in die mittelalterliche Theologie weiter: Nur die mönchische und priesterliche Lebensform galt als wahres Christsein. Martin Luthers grundlegende Erkenntnis der bedingungslosen Liebe Gottes führte ihn zur Einsicht des ‚Priestertums aller Gläubigen‘: „Wie nun die, welche man jetzt Geistliche heißt oder Priester, Bischöfe oder Päpste, von den anderen Christen durch keine andere oder größere Würde unterschieden sind, als dass sie das Wort Gottes und die Sakramente verwalten sollen (…). Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, – und wir fügen frei ein: ein Paketzusteller –  ein jeglicher hat seines Handwerks Amt und Werk, und doch sind alle gleich geweihte Priester und Bischöfe, und ein jeglicher soll mit seinem Amt oder Werk den andern nützlich und dienstlich sein“ [An den christlichen Adel, 1520].

Dieser neue Blick auf die Arbeit aller, ihre Würde und ihren Wert für das Ganze führt uns in die Haltung, dass wir uns mit den prekären Arbeitsbedingungen und den Löhnen im Niedriglohnsektor nicht zufriedengeben. Es braucht Maßnahmen, dass prekäre Arbeitsbedingungen abgebaut werden. Der Mindestlohn war eine gute Entscheidung. Über fünf Millionen Menschen hatten zuvor für einen Lohn unter 8,50 Euro gearbeitet. Den allermeisten von ihnen hat der Mindestlohn geholfen. Er wird weiter nach und nach moderat angehoben werden müssen, weil Arbeit ihren Wert hat.

Es gehört zu den Grundeinsichten der Sozialen Marktwirtschaft, dass Arbeit keine Ware wie jede andere ist und nicht einfach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage überlassen werden darf. Daher dürfen auch Leiharbeit und Befristungen als Instrumente angewandt, aber sie müssen auch streng gesetzlich begrenzt werden.

Um Gottes Willen – die Arbeit und die Arbeitenden haben ihren Wert und ihre Würde. Dieser Würde wird es am meisten entsprochen, wenn ihre Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte gestärkt werden.

„Einer trage des andern Last“. Das so formulierte Liebesgebot zeigt uns: Jeder trägt etwas, wir sind alle aufeinander angewiesen. Und all unsere Arbeit hat ihren Wert, ob wir wie Augustine unter Zeitdruck schwere Pakete zu tragen haben oder einer anderen Arbeit nachgehen. Diese Wertschätzung muss sich auch in verbesserten Arbeitsbedingungen für Menschen im Niedriglohnbereich auswirken.

Jochen Gerlach

Jochen Gerlach

Leiter des Referats Wirtschaft-Arbeit-Soziales bei der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
Jochen Gerlach

Letzte Artikel von Jochen Gerlach (Alle anzeigen)

Share This