Sozialpolitischer Buß- und Bettag 2017

Um Gottes Willen – Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit!

Zwischenruf Buß- und Bettag 2017: Um Gottes willen Du sollst das Recht Deines Armen nicht beugen

Von Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann, Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Baden

 „Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen“ (2. Mose 23,6) ist eines der Gebote, die dem Volk Gottes im Alten Testament mit auf den Weg in das verheißene Land gegeben werden. Und mit dieser Rechtsetzung, die nach alttestamentlichem Verständnis von Gott selbst ausgeht, geschieht etwas fundamental Neues: Die Fürsorge für Arme und Schwache, für Fremde und für Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen ist auf einmal nicht mehr eine Frage von Almosen, sondern eine Frage des Rechts. Die Armen, die keinen Besitz haben, auf den sie sich stützen können, die Fremden, die bis dahin allenfalls ein Reservoir billiger Arbeitskräfte bildeten, erhalten Rechte. Und mit diesen Rechten erhalten Sie eine Würde, die sie allen anderen gleichstellt – unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Einkommen.

Foto: anoushkatoronto(c)fotolia

Armutsbekämpfung ist auch heute keine Frage von Almosen, sondern von sozialen Rechten. Die Europäische Union hat sich im Vertrag von Lissabon verpflichtet, gemeinsam alle Formen von Armut und sozialer Ausgrenzung zu bekämpfen. In Art. Abs. 3 des EU-Vertrags steht: „Sie [die Europäische Union] bekämpft soziale Ausgrenzung und Diskriminierungen und fördert soziale Gerechtigkeit und sozialen Schutz, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Solidarität zwischen den Generationen und den Schutz der Rechte des Kindes. Sie fördert den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten. …“ Trotzdem waren im Jahr 2015 (dem aktuellsten Jahr der statistischen Erhebungen) nach dem Social Justice Index Report der Bertelsmann- Stiftung fast ein Viertel aller EU-Bürgerinnen und –Bürger armutsgefährdet (24.6 %). Das sind rund 122 Million Menschen. Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens einer Gesellschaft verfügt. Zu den Risikogruppen gehören in der EU insbesondere Arbeitslose, Alleinerziehende und ältere Menschen. Aber auch Arbeit schützt nicht immer vor Armut. Ca. 10% aller Arbeitnehmer sind von Armut betroffen, obwohl sie regelmäßige Arbeit und ein festes Einkommen haben („working poor“).

Diese Zahlen beschreiben die soziale Situation in Europa nur sehr unzureichend. Denn es gibt nicht nur eine materielle Armut, die die Einschränkung der Lebensmöglichkeiten in allen Lebensbereichen bezeichnet. Immer mehr Menschen sind damit konfrontiert, in einzelnen Bereichen ihres Lebens mit Einschränkungen oder Ausgrenzungen leben zu müssen. Das heißt, jemand kann in einer oder mehreren Dimensionen seines Lebens verarmen, ohne dass dies automatisch eine Verarmung in allen anderen zur Folge hat. Streng genommen müsste man von Armut in der Mehrzahl sprechen, um diesen Prozess besser beschreiben zu können. Die Faktoren, die zu Armut führen, haben sich ausdifferenziert und vervielfacht.

Diese „relative“ Armut ist vielleicht nicht so offensichtlich wie die absolute, materielle Not, die wir aus anderen Teilen der Welt kennen, aber sie hat unsere Gesellschaften längst in tiefgreifender Weise ergriffen. Eine Konsequenz der „relativen“ Armut ist eine weit verbreitete Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz, die unsere Gesellschaften prägt. Diese Unsicherheit prägt die Atmosphäre in den europäischen Ländern selbst dort, wo die Menschen eigentlich in guten Verhältnissen leben.

Die sozialen Jugendrevolten in den französischen Vorstädten oder der Aufstand der Jugendlichen in Spanien oder Griechenland veranschaulichen, was mit „relativer“ Armut gemeint ist: Die Jugendlichen, die in den Vorstädten rebelliert haben, leben nicht in einer absoluten Armut, die ihre Existenz bedrohen würde, aber sie leben in großer Armut, was ihre Zukunftschancen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten betrifft. Sie haben keine oder kaum eine Chance, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Aufgabe in der Gesellschaft zu finden. Diese Chancen-Armut ist es, gegen die sie rebellieren, der Mangel an Verantwortung und Würde, den unsere Gesellschaft einer ganzen Generation entgegen bringt. Viele sozialwissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass diese Aussichtlosigkeit ein Grund für das Erstarken populistischer Parteien in ganz Europa ist.

Parallel zu diesem Ausbreiten einer neuen Armut beobachten wir übrigens einen gegenläufigen Prozess: Einen neuen Reichtum in einem kleineren, oberen Segment der Gesellschaft. Die Spitzen dieses neuen Reichtums kommen bemerkenswerter Weise aus Mittel- und Osteuropa: Die Umwandlungsprozesse in den ehemaligen kommunistischen Staaten haben unter anderem dazu geführt, dass eine sehr geringe Anzahl von Privatunternehmern innerhalb weniger Jahre immens große Privatvermögen erwirtschaften konnten, während das Einkommen weiter Teile der Bevölkerung nach wie vor sehr gering ist. Und die Schere zwischen Arm und Reich in Europa geht immer weiter auseinander.

„Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen.“ Das bedeutet: Jeder Mensch hat einen Rechtsanspruch auf ein würdiges Leben. Die Verwirklichung dieses Rechtsanspruchs gilt unabhängig davon, was jemand besitzt, woher jemand stammt, welche Eltern er oder sie hat oder in welche Volksgruppe sie hineingeboren wurde. In diesem Gebot der Bibel bekommt die Armut auf einmal ein menschliches Gesicht. Sie ist nicht mehr unpersönlich und anonym. Hier wird deutlich: Es geht um jeden einzelnen Menschen und die Frage, wie er oder sie ein würdiges Leben führen kann.

„Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen.“ Wenn wir ernst nehmen, dass jeder Mensch eine besondere Würde hat und dass er ein Recht auf ein lebenswürdiges Leben hat, dann ist der entscheidende Begriff für Gerechtigkeit „Teilhabe“. Gerechtigkeit heißt dann, dass die Menschen teilhaben können an der Gesellschaft, dass sie sich mit ihren Fähigkeiten, mit ihren Möglichkeiten einbringen können. Auch hier geht es nicht um Almosen, sondern um Chancen, um die Verwirklichung der eigentlichen Möglichkeiten. Es kann einfach nicht sein, dass ein Kind keine Chance erhält, seine Fähigkeiten und Begabungen in die Gesellschaft einzubringen, nur weil es in eine Roma-Familie in Italien geboren wurde oder weil es in Deutschland immer noch ein Schulsystem gibt, das die Schülerinnen und Schüler nach ihrer sozialen Herkunft aussortiert.

„Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen.“ Es gibt neben dieser Frage der Teilhabegerechtigkeit auch noch den Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit. Der spielt in unserem Bibelvers keine Rolle, aber z. B. in den Regelungen der Bibel zu einem Schuldenerlass für überschuldete Menschen (Erlassjahr 5. Mose 15). Das heißt, es gibt eine Form von materieller Ungerechtigkeit, die nicht mehr gemeinschaftsverträglich ist. Zur Verteilungsgerechtigkeit gehören nach Auffassung der Kirchen deshalb gerechte Steuern, bei denen diejenigen, die mehr leisten können, auch mehr zur Gemeinschaft beitragen als die Schwachen und die Gewährleistung von Löhnen und Gehältern, von denen die Menschen auch leben können („living wages“).

„Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen.“ Die Bibel spricht in bemerkenswerter Weise von „deinem Armen“. Hier wird das gesamte Volk Israel, heute würden wir sagen, die gesamte Gesellschaft, in die Verantwortung genommen: Arme und Reiche, Starke und Schwache gehören zusammen. Der Buß- und Bettag 2017 bietet einen guten Anlass, an diese gemeinsame Verantwortung im Einsatz gegen Armut und soziale Ausgrenzung zu erinnern.

Dr. Dieter Heidtmann
Leiter des KDA und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Baden
Evangelische Landeskirche in Baden
Blumenstraße 1-7,

76133 Karlsruhe
Tel.: 0721 9175-360
E-Mail

 

Zwischenruf: Vergesst die Langzeitarbeitslosen nicht!

Von Philip Büttner, Wiss. Referent, kda Bayern

Eine Million Menschen steckt seit über zehn Jahren in Hartz IV fest

Wer redet noch von der Arbeitslosigkeit? Über Jahrzehnte hat dieses Thema politische Debatten bestimmt – einsetzend mit der ersten Million gemeldeter Arbeitsloser im Jahr 1975 bis zum Höchststand von fünf Millionen im Jahr 2005. Hannah Arendts berühmte Prognose einer Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht, schien damals Realität zu werden. Ähnliche Ängste werden wieder wach, wenn wir an Zukunftsszenarien einer volldigitalen Arbeitswelt denken. Aber im Hier und Jetzt spielt Arbeitslosigkeit keine große Rolle.

Heute haben 44 Millionen Menschen in Deutschland eine Arbeitsstelle. So viele wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Arbeitslosigkeit hat sich in den vergangenen zwölf Jahren halbiert. „Nur“ noch 2,5 Millionen Arbeitslose verzeichnet die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. In manchen wirtschaftsstarken Regionen Deutschlands redet man bereits von Vollbeschäftigung.

Nur die Freude darüber will sich nicht recht einstellen. Das hat zwei Gründe: Zum einen haben sich die sozialen Probleme nicht in Luft aufgelöst, sondern nur von den Arbeitslosen zu den prekär Beschäftigten verlagert. Heute sind in Deutschland zwar weniger Menschen arbeitslos als früher, aber ebenso viele arm. Zum anderen fällt es schwer, bei 2,5 Millionen Arbeitslosen überhaupt von „Vollbeschäftigung“ zu reden.

Viele Erwerbstätige, die gekündigt werden oder selber kündigen, bleiben tatsächlich nur kurze Zeit arbeitslos. Der Arbeitsmarkt bietet ihnen derzeit relativ zahlreich offene Stellen, wenn auch oft befristet und niedrig bezahlt. Diejenigen aber, die aufgrund gesundheitlicher Probleme, höheren Alters, fehlender Berufsabschlüsse oder geringer Deutschkenntnisse keinen direkten Weg zurück in den Arbeitsmarkt finden, bleiben lange ohne Anstellung. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger ist die Dauer der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren gestiegen statt gesunken. Es gibt sogar einen harten Kern von etwa einer Millionen Hartz-IV-Beziehenden, die seit über zehn Jahren im Grundsicherungssystem leben. Nicht alle diese Menschen sind formal arbeitslos, doch chancenlos, jemals wieder aus dem Leistungsbezug herauszukommen. Der Markt will sie nicht, die Politik scheint sie vergessen zu haben.

(c) zerofoto, fotolia

Gerade die Erwerbsuchenden, die viel Förderung brauchen, bekommen besonders wenig davon. Die Jobcenter investieren gern dort, wo schnell Erfolge sichtbar werden. Im Bundeshaushaltsentwurf für 2018 sind ihre Mittel für Qualifizierung und Förderung zudem schon wieder um hunderte Millionen Euro gekürzt worden. Der ohnehin zu knappe „Eingliederungstitel“ wurde von den Jobcentern in den letzten Jahren teilweise auch noch für die eigenen Personal-, Miet- und Stromkosten zweckentfremdet.

Politik und Arbeitsverwaltung müssen umdenken! Die herrschende Spar- und Marktlogik ist im Bereich der Arbeitsförderung fehl am Platz. Arbeit darf kein Vorrecht der Jungen, Gesunden und Hochqualifizierten sein. Alle Menschen sind nach christlicher Überzeugung mit Gaben ausgestattet und Mitarbeiter in Gottes Schöpfung. Fehlt die Arbeitsstelle, fehlt mehr als eine Einkommensquelle. Wie Martin Luther es kraftvoll sagte: „Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben, denn der Mensch ist zur Arbeit geboren wie ein Vogel zum Fliegen.“.

Arbeitslosigkeit darf uns also keine Ruhe lassen – auch wenn sie nicht mehr so viele Menschen betrifft wie noch vor zwölf Jahren. Arbeit ist mal Freude, mal Mühsal, aber sie gehört unlöslich zum Menschsein dazu. Erst der Zugang auch der weniger Leistungsstarken zu guter Arbeit und eigenständigem Lebensunterhalt schafft die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.

Philip Büttner 
Sozialwiss. Referent
KDA der LK Bayern 
Schwanthalerstr. 91
80336 München 
Tel.: 089 / 53 07 37-33 
E-Mail

 

Predigtbaustein zu Buß- und Bettag 2017 „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ (Sprüche 14,34)

Von Dr. Roland Pelikan, Industrie- und Sozialpfarrer im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

Thema:

Langzeitarbeitslose? – ´Alles Lüge` (Rio Reiser) oder:

´Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?` (Matth. 12,34)

Predigttext Mt 12,33-37

Alles Lüge (Text und Lied: Rio Reise)

Es ist wahr daß das Jahr über dreihundert Tage
in nur zweiundfünfzig Wochen schafft
Es ist wahr es ist wahr daß das Ausland
vielmehr Ausländer als Deutsche hat
Es ist wahr daß die Sonne nicht um die Erde
und der Mond nicht um ’n Fußball kreist
Es ist wahr daß der Gründer von New York
nicht Kamel oder Camel sondern Stuyvesant heißt
Das ist wahr das ist wahr
Aber sonst aber sonst:
Alles Lüge Alles Lüge
Alles Lüge Alles Lüge

Es ist wahr es ist wahr die meisten Menschen
wollen nicht in Dortmund leben sondern Essen
Es ist wahr es ist wahr daß die Kühe
das Gras nicht rauchen sondern fressen
Es ist wahr es ist wahr
daß Hamburg nicht die Hauptstadt von McDonalds ist
Es ist wahr es ist wahr daß der Papst zwar die Pille nicht nimmt
aber trotzdem keine Kinder kriegt

Das ist wahr das ist wahr
Aber sonst – aber sonst:
Alles Lüge Alles Lüge
Alles Lüge Alles Lüge

Selbst wenn Du mich fragst ob ich Dich liebe und ich sag ja
Weiß ich manchmal nicht genau ist das nun Lüge oder wahr
Weil ich oft gar nicht mehr weiß was ist das: Liebe
Liebt der Papa sein Auto liebt die Mama den Kaffee
Liebt das Baby seine Windeln wie der Weihnachtsmann den Schnee
Lieben Kinder Schokolade wie die Hausfrau den Herd
Oder ist da mehr oder ist da mehr
Oder ist das oder ist das oder ist das

Alles Lüge Alles Lüge
Alles Lüge Alles Lüge…

(c) Pixabay

Predigttext Mt 12,33-37

  • (33) Entweder erklärt: der gute Baum trägt seine gute Frucht, oder erklärt: der böse Baum trägt böse Frucht. An der Frucht wird der Baum erkannt.
  • (34) Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Der Mund redet aus dem, wovon das Herz voll ist.
  • (35) Der gute Mensch nimmt Gutes aus dem guten Schatz, und der böse Mensch nimmt Böses aus dem bösen Schatz.
  • (36) Ich sage euch aber, von jedem fruchtlosen (wirkungslosen) Wort, das die Menschen reden, müssen sie Rechenschaft ablegen am Tag des Gerichts.
  • (37) Denn nach deinen Worten wirst du gerechtfertigt, und nach deinen Worten wirst du verurteilt.

Liebe Gemeinde!

Was sind uns Arbeitslose wert? Langzeitarbeitslose? Gibt’s die überhaupt noch? Lebt denn der alte Holzmichel noch? Ja, er lebt noch! Und ebenso gibt es noch immer: Langzeitarbeitslose. Und sie leben noch!

Evangelium, aus dem Griechischen ´eu-angelion` übersetzt, heißt: Gutes Reden. Wie reden wir – wenn überhaupt – über Arbeitslose? Oder übergehen wir sie am liebsten mit Schweigen? Ist, von „Langzeitarbeitslosen zu reden: – ´Alles Lüge` (Rio Reiser) oder mit dem Evangelium an Buß- und Bettag 2017 zu bedenken:

´Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?` (Matth. 12,34)

(33) Entweder erklärt: der gute Baum trägt seine gute Frucht, oder erklärt: der schlechte Baum trägt schlechte Frucht. An der Frucht wird der Baum erkannt.

Guter Baum trägt gute Früchte. Was trägt unser Reden und Tun aus im Hinblick auf Langzeitarbeitslose? Unser Reden und Tun als Kirche und Christen?

Ein schlechter Baum bringt faule Frucht. Wie reden wir über Arbeitslose? Wenn wir denn von ihnen reden! In Ausflüchten und Ausreden? Alles übertrieben? Am Ende selber schuld? Denken wir da an das 8. Gebot? Du sollst nicht falsch Zeugnis reden über deinen Nächsten?

(34) Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Der Mund redet aus dem, wovon das Herz voll ist.

Von Langzeitarbeitslosen reden – kundig und ehrlich? Können wir das mit guten Gründen? Oder schweigen wir lieber, weil sie uns scheinbar nichts angehen? Kein Wunder, dass Jesus seine Kritiker als „Schlangenbrut“ bezeichnet. Ignorant gegenüber langzeitarbeitslosen Menschen, gehören wir dazu? Dann, wenn wir Verhältnisse von arm und reich schönreden, Missstände einseitigen Wirtschaftswachstums leugnen. Die Tatsache, dass – trotz blühender Wirtschaftsdaten –seit Jahren die hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen gleich bleibt. Selbst die Bundesagentur für Arbeit weiß sich darauf keine Antwort und hat für die Betroffenen kein Rezept. So bleiben Menschen ohne Arbeit sich selbst überlassen – und dem Gerede und Geschwätz ihrer Zeitgenossen – auch dem unsrigen – ausgeliefert: „Wes des Herz voll ist, geht der Mund über.“

Haben wir denn Wichtiges und Richtiges zu sagen zur Tatsache der Langzeitarbeitslosigkeit? Oder verleumden wir – aus dem Überlauf unserer Geschwätzigkeit – Menschen in Wahrheit aus unserer Unkenntnis der Ursachen der Arbeitslosigkeit? Dann sind sie – auch von uns – allein gelassen von Gott und der Welt. Unser scheinbar christliches Reden kann so auch die Atmosphäre mit vergiften, wenn dem Gerede über angebliche Faulheit und Unflexibilität nicht widersprochen wird. Nehmen wir Betroffenen so den letzten Rest an Hoffnung, so ist unser Reden gotteslästerlich zu nennen!

(35) Der gute Mensch nimmt Gutes aus dem guten Schatz, und der böse Mensch nimmt Böses aus dem bösen Schatz.

Was wäre wertschätzende Rede und Gutes Tun an Langzeitarbeitslosen? Verhältnisse und Maßnahmen der Arbeitsverwaltung nicht schön zu reden, die es nicht schafft, Langzeitarbeitslosigkeit aufzulösen. Gut wäre, als Kirche die notwendige Kritik am Kapitalismus als legitim zu erachten, und nach Wegen zu suchen, die Betroffenen Perspektiven der Hoffnung ermöglichen. Damit Verhältnisse besser und anders werden. Der andere Fall wäre sonst die Haltung: „Wer schweigt, stimmt zu!“ Unser Schweigen zu Unrecht und Benachteiligung von Arbeitslosen ist der böse Schatz unserer verlogenen Moral, die sich auf den Markt als scheinbare Allmacht und behauptetes Allheilmittel beruft. So nimmt man Menschen jeglichen Mut auf Veränderung und verweigert ihnen die Solidarität, sich für sie einzusetzen.

(36) Ich sage euch aber, von jedem fruchtlosen (wirkungslosen) Wort, das die Menschen reden, müssen sie Rechenschaft ablegen am Tag des Gerichts.

Früher oder später kommt heraus, wes Geistes Kind wir waren oder sind.

Eben darum wendet Jesus das Gericht über unser ´unnützes` Reden und Tun an, wie Luther hier sagt. Unnütze Worte und Taten angesichts der gleichbleibenden Zahl von Langzeitarbeitslosen in einem schönen reichen Land, das sich der Welt gerne humanistisch und christlich zeigt.

Langzeitarbeitslose: „Alles Lüge“?, um mit dem bekannten Lied von Rio Reiser zu reden (s.o.).

Wenn Kirche und Christentum zur brennenden Frage von Arm und Reich und zur demütigenden Erfahrung von Langzeitarbeitslosigkeit als gesellschaftlicher Herausforderungen nichts zu sagen weiß oder nur das faule Geschwätz der Stammtische teilt, dann hat sie der Welt nichts mehr zu sagen und das Gericht über sie ist längst gefällt. Sie fällt der Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit anheim – und kein Hahn kräht mehr nach ihr.

(37) Denn nach deinen Worten wirst du gerechtfertigt, und nach deinen Worten wirst du verurteilt.

Noch ist es Zeit. Gelegenheit zu widersprechen. Und bessere Gerechtigkeit zu suchen (1. Kor 12,31b). Wo Politik und Öffentlichkeit Verhältnisse schönreden und Missstände verschweigen, den Mund aufzutun für die Schwachen und Benachteiligten. Denn es ist ein Übel und schreiendes Unrecht, Menschen in ihrer Not des Nichtstuns, der beruflichen Perspektivlosigkeit und der dauerhaften Arbeitslosigkeit als ihrem scheinbaren ´Schicksal` zu überlassen. Jesus redet nicht von Schicksal und Alternativlosigkeit einer so genannten freien Marktwirtschaft. Er spricht vom ´Neuen Sein`, um mit Paul Tillich zu reden. Und so ist im Angesicht Jesu zu fragen, wie wir Gutes reden und Heilsames tun lernen, wie wir „Ethik lernen“  – an und für Langzeitarbeitslose bei uns und unter uns – in Gottes Namen, wie der Apostel Paulus sagt:

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern lasst eure Wahrnehmung verändern, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Angenehme und Vollkommene.“ (Römer 12, 2)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

Dr. theol. Roland Pelikan, Sozialpfarrer 
Vorstand Bundes-KDA

Beauftragter für Entrepreneurship
KDA Bayern
Schwanthaler Straße 91
80336 München
Tel.: 089 53 07 37 32
E-Mail

Gebet zum sozialpolitischen Buß und Bettag

Von Karin Uhlmann, Wirtschafts- und Sozialpfarrerin, KDA Württemberg

Allmächtiger Gott, lass uns zur Ruhe kommen

Lass die lauten Töne des Alltags verklingen,

damit wir uns öffnen können für dein Wort,

damit wir deinen Willen wahrnehmen können,

inmitten dem hektischen Allerlei

Dein Wille geschehe!

(c) Pixabay

Ist es wirklich dein Wille,

dass Menschen ihr Leben lang arbeiten

und wenn sie alt geworden sind nicht satt werden,

weil ihnen das Nötigste zum Leben fehlt?

Ist es wirklich Dein Wille,

dass immer mehr Kinder in unserem reichen Land

Jahr für Jahr ärmer werden?

Ist es wirklich Dein Wille,

dass junge Frauen aus purer Not

dubiosen Menschenhändlern folgen,

um dann in reichen Ländern zur Prostitution gezwungen werden?

Ist es wirklich Dein Wille,

dass junge Männer auf Baustellen,

in Fleischfabriken, in der Logistik arbeiten

und um ihren eh schon niedrigen Lohn betrogen werden?

Ist es wirklich Dein Wille,

dass immer mehr Menschen bettelnd in unseren Fußgängerzonen sitzen?

Nach Deinem Willen sähe die Welt anders aus!

Wir bitten Dich,

lass uns Deinen Willen erkennen,

inmitten unserem täglichen Tun,

inmitten unseren Begegnungen und Entscheidungen.

Verzeih uns,

wenn wir gegenüber den Ungerechtigkeiten der Welt gleichgültig geworden sind.

Lass uns umkehren,

die festgetrampelten Pfade verlassen, Neues wagen.

Schenke uns Kraft und Weisheit, nach Deinem Willen zu leben.

Karin Uhlmann
KDA der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
Gutenbergstraße 76
74074 Heilbronn
Tel.: 07131 98233-14
E-Mail

Essay: Um Gottes willen – lasst die Wirtschaft dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Der Beitrag der Kirchen zu einer dem Menschen gemäßen Praxis des Wirtschaftens

Von Dr. Ralf Stroh, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung

Kerngedanke der Sozialen Marktwirtschaft ist, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen soll und nicht umgekehrt. Dieser Grundsatz wird von niemandem ernsthaft bestritten, der Verantwortung in der Wirtschaft und für die Wirtschaft in unserer Gesellschaft hat. Welcher ökonomischen Schulrichtung man auch zugehören mag, ob man gewerkschaftsnah verortet ist oder mit unternehmerischem Blick auf die Wirtschaft schaut: dieses Credo teilen ausnahmslos alle.

Die Unterschiede machen sich aber sofort bemerkbar, wenn es um die Frage geht, auf welche Weise die Wirtschaft dem Menschen am besten zu dienen vermag. Um zu dem Ziel zu gelangen, dem Menschen zu dienen, werden sehr unterschiedliche Wege vorgeschlagen. Über diesen Streit um den richtigen Weg wird die interessierte Öffentlichkeit täglich in den Medien ausführlich informiert.

An dieser Suche beteiligen sich auch die Kirchen. Sofern sie mit ihren Voten die Auffassung einer ökonomischen Schulrichtung unterstützen, wird diese Beteiligung gerne gesehen und mit dem Hinweis versehen, dass „sogar“ die Kirchen verstanden hätten, worauf es ankäme. Stehen die Kirchen dagegen einem Lösungsvorschlag ablehnend gegenüber, wird regelmäßig darauf verwiesen, dass ihnen der nötige Sachverstand fehle und ihr Votum nicht ernstzunehmen sei – und außerdem sei der Gegenstand ihrer Besinnung ja wohl ein ganz anderer als das Wirtschaften des Menschen.

Dieser letzte Hinweis ist sachlich völlig berechtigt. Der Gegenstand der kirchlichen Besinnung ist in der Tat ein anderer als das Wirtschaften des Menschen. Gegenstand der kirchlichen Besinnung ist das ganze Leben

(c) Pixabay

des Menschen aus der Perspektive des christlichen Glaubens. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist das Wirtschaften ein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens, aber eben nicht das ganze Leben des Menschen.

Für alle diejenigen, die diese Auffassung teilen – dass das Wirtschaften nicht das Ganze des menschlichen Lebens umfasst –, kann die Antwort auf die Frage, wie denn die Wirtschaft dem Menschen am besten dienen könne, nur dadurch gefunden werden, dass man den ganzen Menschen in den Blick fasst. Jenen Menschen, zu dessen Leben mehr und anderes hinzugehört, als nur das Geschehen am Markt.

Sachgemäß Wirtschaften kann nur, wer dieses Wirtschaften am ganzen Menschen ausrichtet. Es ist also geradezu ein Ausweis ihrer Professionalität, wenn Ökonominnen und Ökonomen in ihrer Arbeit einen intensiven Austausch mit all jenen Disziplinen pflegen, die den Menschen aus noch weiteren Perspektiven als der ökonomischen Perspektive betrachten und es ist ebenso ein Ausweis ihrer Professionalität, wenn sie auch die Fülle ihrer eigenen, das Ökonomische überschreitenden und zugleich integrierenden Lebenserfahrungen in ihrer fachspezifischen Reflexion nicht ausblenden.

Niemand geringerer als Wilhelm Röpke, einer der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft unter Ludwig Erhard, hat auf diese Einsicht in einem Werk hingewiesen, das den programmatischen Titel trägt: „Jenseits von Angebot und Nachfrage“. In Abwandlung eines Spruches von Georg Christoph Lichtenberg formuliert Röpke in diesem Buch: „Wer nur von der Nationalökonomie etwas versteht, versteht nicht einmal diese“.

Die Ablehnung kirchlicher Voten zu Fragen einer menschengemäßen gesellschaftlichen Einrichtung der Wirtschaft einzig mit der Begründung, dass diese Voten nicht aus der Fachperspektive der Ökonomie erfolgten, offenbart folglich ein wenig professionelles Verständnis der Voraussetzungen ökonomischer Expertise.

Die Güte kirchlicher Voten zur Integration der wirtschaftlichen Lebensbezüge des Menschen in seine ganze Existenz ist allerdings davon abhängig, dass diese kirchlichen Voten ihrerseits nun nicht einfachhin die ökonomische Perspektive um eine weitere einzelne Perspektive ergänzen – eben die „kirchliche“ bzw. die „theologische“ – und diese neben die ökonomische Perspektive stellen. Auch die „kirchlichen“ Lebensbezüge des Menschen machen ja nicht seine ganze Existenz aus, sondern sind eingebettet in das Ganze seiner Lebenspraxis.

In den Blick genommen werden muss daher genau der Punkt, an dem alle Lebensbezüge des Menschen zusammengefasst sind: die Erfahrung des Menschen. Hier entscheidet sich, ob unser Nachdenken über die dem Menschen gemäße Lebenspraxis diesem Menschen tatsächlich gerecht wird oder Entscheidendes ausblendet. Nicht umsonst lautet jener meist unterschlagene unter Luthers „Sola“-Sprüchen: „Sola experientia facit theologum“. Allein die Erfahrung macht den Theologen.

Nun ist für Luther völlig klar gewesen, dass die Erfahrung des Menschen zuweilen trügerisch ist. Diese Einsicht ist selbst bereits ein Ertrag der menschlichen Erfahrung. Um dem trügerischen der Erfahrung zu begegnen, ist für Luther aber nicht der Ausstieg aus der Erfahrung geboten, sondern ganz im Gegenteil die Steigerung der Erfahrungsbezüge: Das kirchliche Miteinander kann nur dann auf eine Weise gestaltet werden, die dem wirklichen und nicht dem eingebildeten Menschen angemessen ist, wenn die Vielfalt der Erfahrungen aller sich gegenseitig inspiriert und Deformationen bzw. Verkürzungen der individuellen Erfahrungen korrigiert.

Weil ausnahmslos alle Menschen irren können – der Papst ebenso wie Konzilien –, weil sie ihre Erfahrungen missdeuten oder verdrängen können, ist es notwendig, dass wir in der Einrichtung unseres Zusammenlebens dafür offen bleiben, unsere Entscheidungen durch bessere Einsicht auch wieder korrigieren zu lassen.

Es ist genau diese Haltung, in der einem jeden von uns zugemutet – aber eben ohne Ausnahme auch jedem zugetraut – wird, alle überkommenen Deutungen und Institutionen unserer Lebenswelt an der je eigenen Erfahrung zu überprüfen, welche die Grundlage der besonderen Art ist, wie Kirche aus der Perspektive der reformatorischen Theologie Verantwortung für die Gestaltung ihrer selbst als Institution und die Gestaltung der Gesellschaft, in der sie beheimatet ist, übernimmt.

So hat Friedrich Schleiermacher ganz im Sinne Luthers die Aufgabe des kirchenleitenden Handelns darin gesehen, für die unverkürzte „Circulation des religiösen Bewußtseins“ in der Kirche zu sorgen. Das Studium der Theologie vermittelt nicht die Kompetenz, über die christliche Wahrheit zu verfügen und diese dann den Gemeindegliedern zu übermitteln. Es vermittelt vielmehr lediglich die Kompetenz, aufgrund der Einsicht in die Notwendigkeit gemeinsamer Wahrheitssuche für die hierfür notwendigen institutionellen Rahmenbedingungen zu sorgen, sicherzustellen, dass störende Einflüsse nach Möglichkeit behoben werden und sich selbst mit seinen eigenen Glaubenserfahrungen in dieser „Circulation des religiösen Bewußtseins“ einzubringen.

Es muss den Pfarrer oder die Pfarrerin nicht in ihrer Berufsehre kränken, wenn zuweilen einfache Gemeindeglieder treffendere Worte des Trostes finden oder einen bestimmten Punkt des christlichen Glaubens anschaulicher erläutern können als sie selbst. Und so etwas sollte auch Gemeindeglieder nicht an ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer zweifeln lassen. Denn dass das so sein kann, entspricht ja genau der Einsicht Luthers, dass wir alle darauf angewiesen sind, einander Anteil zu geben an den Erfahrungen, die wir mit diesem Leben und unserem Glauben machen. Und was so für Pfarrerinnen und Pfarrer gilt, gilt gleichermaßen für Ökonominnen und Ökonomen. Es muss sie nicht in ihrer Berufsehre kränken, wenn bisweilen einfache Mitmenschen einen Hinweis zum menschengemäßen Wirtschaften geben können, der ihnen selbst bisher verborgen war.

Es ist genau diese Haltung, die für die gesellschaftliche Umwelt der Kirche heilsam und inspirierend sein kann: Nämlich die Gesellschaft als Ganze so einzurichten, dass nicht nur die Erfahrungen von Experten zählen, die doch selbst auch nur über einen begrenzten Erfahrungsschatz verfügen, sondern alle Erfahrungen miteinander ins Gespräch gebracht werden. Weil nur so bei den Entscheidungen, wie wir unsere Gesellschaft einrichten wollen, auch wirklich alles, was zum menschlichen Leben gehört, berücksichtigt werden kann:

Wenn die Wirtschaft wirklich dem Menschen dienen soll, dann muss der ganze Mensch öffentlich zur Sprache gebracht werden. Daran hat Kirche mitzuwirken. Als Institution, die öffentlich Stellung nimmt – nicht zuletzt am Buß- und Bettag. Und als Institution, deren Mitglieder mutig ihre eigenen Erfahrungen ernst nehmen, und sich dort, wo immer sie jeweils Verantwortung tragen, dafür einsetzen, dass die Fülle des menschlichen Erfahrens bei der Gestaltung unseres Miteinanders zum Tragen kommt – in der Wirtschaft und darüber hinaus.

Dr. Ralf Stroh
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Albert-Schweitzer-Str. 113–115
55128 Mainz
Tel: 06131 28744-56
E-Mail

Essay „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ – Wie gerecht ist ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Von Dr. Dieter Heidtmann, Leiter des KDA und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Baden 

Was würdest Du tun, wenn Dir jemand jeden Monat 1.000 Euro zahlt – ohne Gegenleistung? Bei Familien erhält natürlich jedes Familienmitglied diese 1.000 Euro pro Monat. Würdest Du weiter einem bezahlten Beruf nachgehen oder endlich einmal das tun, was Du schon immer einmal tun wolltest? Ab sofort nur noch in der Sonne liegen oder all die Projekte umsetzen, die notwendig sind, um diese Welt zu retten?

Was ist das „bedingungslose Grundeinkommen?

Dieses Grundeinkommen soll nach der Überzeugung der Befürworter bedingungslos allen Mitgliedern einer Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Es soll „die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, einen individuellen Rechtsanspruch darstellen sowie ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen garantiert werden. Das Grundeinkommen stellt somit eine Form von Mindesteinkommenssicherung dar, die sich von den zur Zeit in fast allen Industrienationen existierenden Systemen der Grund- bzw. Mindestsicherung wesentlich unterscheidet. Das Grundeinkommen wird erstens an Individuen anstelle von Haushalten gezahlt, zweitens steht es jedem Individuum unabhängig von sonstigen Einkommen zu, und drittens wird es gezahlt, ohne dass eine Arbeitsleistung, Arbeitsbereitschaft oder eine Gegenleistung verlangt wird.“[i]

Die Idee ist, dass ein solches System nicht nur sofort für sehr viel mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgen, sondern auch enorme Ressourcen in der Gesellschaft freisetzen würde. Die Menschen müssten ja nicht mehr arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu „verdienen“, sondern könnten sich auf das konzentrieren, was für sie (und für die Gesellschaft) wirklich wichtig ist. Sie könnten sich bilden, ihre Familien stärken, unbesorgt ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgehen und risikofrei neue Unternehmen gründen. Arbeitslosigkeit gäbe es nicht mehr.

Soziale Antwort auf die „Industrie 4.0“

In den letzten Monaten haben die Vorschläge für ein solches bedingungsloses Grundeinkommen eine neue Dynamik bekommen, weil sich nicht nur linke Basisgruppen oder einzelne Unternehmer wie der DM-Gründer Götz Werner für diese Idee stark machen, sondern sich das Weltwirtschaftsforum in Davos sehr ernsthaft mit den Realisierungsmöglichkeiten solcher Ideen befasst hat. Hintergrund dieses Interesses ist die zunehmende Digitalisierung in der Wirtschaft. “Ich bin der festen Überzeugung, dass das bedingungslose Grundeinkommen die effektivste Antwort auf das Dilemma der Robotisierung ist,“ argumentierte der niederländische Ökonom Rutger Bergman auf dem Weltwirtschaftsforum. „Nicht, weil die Roboter die ganzen anspruchsvollen Aufgaben übernehmen werden, sondern weil das bedingungslose Grundeinkommen jedem die Möglichkeit bietet, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben.[ii] Tatsächlich ist die Sorge, dass die vierte industrielle Revolution (Industrie 4.0) eine große Anzahl von Arbeitskräften beschäftigungslos machen könnte. Eine Umverteilung der Rationalisierungsgewinne aus der Digitalisierung über ein Grundeinkommen würde den sozialen Sprengstoff aus dieser Entwicklung nehmen.

Wer soll das bezahlen?

Gegen das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens wird immer wieder eingewandt, es sei nicht finanzierbar. Der Unternehmer Götz Werner hält dieses Argument für vorgeschoben: „Das Finanzierungsproblem stellt sich nicht. Wir alle leben nicht vom Geld, sondern von Gütern. Die richtige Frage lautet daher: Ist die Gesellschaft in der Lage, so viele Güter und Dienstleistungen zustande zu bringen, dass 82 Millionen Menschen in der Größenordnung von mindestens 1000 Euro davon leben können. Da ist die Antwort – bei einem Bruttosozialprodukt von 2500 Milliarden und Konsumausgaben von 1800 Milliarden Euro – eindeutig ja.“[iii]

Schwieriger ist die Frage, wie sich solche Konzepte angesichts der Vernetzung in der Weltwirtschaft auf nationaler Ebene überhaupt umsetzen lassen. Ist eine Volkswirtschaft, in der nur noch zum Vergnügen gearbeitet wird, langfristig in der Lage, die lebensnotwendigen Güter zu erzeugen und im weltweiten Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben?

Ist das bedingungslose Grundeinkommen gerecht?

Damit kommen wir zu zwei Grundfragen, die durch die Konzepte des bedingungslosen Grundeinkommens ausgelöst werden. Ist es gerecht, wenn Menschen unabhängig von ihrer Leistung dieselbe Bezahlung erhalten? Und welche Bedeutung hat die Arbeit überhaupt für die menschliche Existenz?

Interessanterweise werden diese Anfragen sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern des bedingungslosen Grundeinkommens gerne an biblischen Texten festgemacht. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) dient den Befürwortern als Argument dafür, dass das Einkommen bedürfnisorientiert und nicht leistungsorientiert sein muss. Die Gegner wehren sich mit einem Pauluszitat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ (2 Thess 3,10) Nur geht es in beiden Texten bemerkenswerterweise überhaupt nicht um die Frage der angemessenen Bezahlung einer Erwerbstätigkeit.

(c) Monstar Studio, fotolia

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ (2 Thess 3,10)

Die Kritik von Paulus im 2. Thessalonicherbrief richtet sich gegen Mitglieder der urchristlichen Gemeinde, die sich gemeinschaftsschädlich verhalten. „Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich wandeln und arbeiten nichts, sondern treiben unnütze Dinge.“ (2 Thess 3,11) Von solchen Leuten soll sich die Gemeinde fernhalten. Gleichzeitig fordert Paulus aber von den Gemeindegliedern: „Ihr aber lasst ’s euch nicht verdrießen, Gutes zu tun.“ (2 Thess 3,13)

Wenn man die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens ernst nimmt, dann soll dieses die Menschen ja gerade dazu befähigen, Gutes zu tun. Die Befreiung von Erwerbszwängen soll den Menschen neue Möglichkeiten geben, sich den wirklich wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben zuzuwenden. Tatsächlich spricht das große ehrenamtliche Engagement in unserer Gesellschaft dafür, dass nur die allerwenigsten ein bedingungsloses Grundeinkommen nützen würden, um auf Kosten der Gemeinschaft „unnütze Dinge“ zu tun. Das sind vermutlich dieselben, die schon im jetzigen Sozialsystem Mittel und Wege finden, sich ihrer Verantwortung für die Gemeinschaft zu entziehen. Insofern lässt sich das Pauluszitat nicht wirklich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen verwenden.

Paulus macht vor allem das Kriterium deutlich, nach dem Arbeit in der Perspektive des Evangeliums bewertet wird: nach ihrem Beitrag zum Nutzen der Gemeinschaft und in der Verantwortung vor Gott. „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.“ (2 Thess 3,5)

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20)

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20) erhalten die Arbeiter, die seit dem frühen Morgen im Weinberg gearbeitet haben, denselben Lohn wie diejenigen, die erst eine Stunde vor Sonnenuntergang die Arbeit aufgenommen haben. Das führt zu Protesten derjenigen, die für dasselbe Geld viel länger tätig waren. „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben,“ beschweren sich die Tagelöhner, die schon früh am Morgen mit der Arbeit begonnen haben. (Mt 20,12) Dieses Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, lässt sich gut nachvollziehen.

Trotzdem steht hinter der Übertragung des Gleichnisses auf Einkommensfragen ein großes Missverständnis. Das Gleichnis befasst sich nämlich gar nicht mit der Frage, ob ein Lohn eher leistungsgerecht oder bedürfnisorientiert sein sollte. Hier geht es um das Reich Gottes! Thema des Gleichnisses ist die Frage, ob diejenigen, die von Gott später berufen wurden, genauso zum Reich Gottes gehören werden wie das Volk der Juden, das Gott zuerst ausgewählt hat. Im Hintergrund des Gleichnisses steht die Frage, ob nicht nur die Judenchristen, sondern auch die Christen aus einer anderen Herkunft zum Himmelreich gehören werden. Diesen Zugang zur Gnade Gottes kann man sich gar nicht „verdienen“, egal wie früh am Morgen man aufsteht!

„Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht“

Direkt im Anschluss an das Gleichnis warnt das Matthäus-Evangelium die Jünger Jesu dann auch vor jeglicher Form der religiösen Überheblichkeit: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“ (Mt 20,26-27) Auch hier führt die Vereinnahmung des Bibeltextes für ein bestimmtes Einkommenskonzept am eigentlichen Thema vorbei. Wenn man etwas für die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen aufgreifen will, dann die Tatsache, dass die Erwartung des Reiches Gottes zurückweist in den Dienst an der Welt und uns ermutigt, anderen Menschen zu dienen. Kriterium für das richtige Verhalten ist demnach auch hier der Nutzen für die Gemeinschaft im Dienste Gottes. Anders gesagt: Gerecht ist, was der Gemeinschaft nützt!

Gerechte Teilhabe

„Teilhabegerechtigkeit“ ist ein Grundgedanke, den die evangelischen Kirchen immer wieder in die gesellschaftlichen Debatten eingebracht haben: Gerechtigkeit orientiert sich demnach nicht nur daran, wie gleichmäßig die Güter in einer Gesellschaft verteilt sind (Verteilungsgerechtigkeit), sondern auch daran, inwieweit sie den Menschen ermöglicht, sich mit ihren Begabungen und Fähigkeiten in eine Gesellschaft einzubringen. Im Hinblick auf das Thema Arbeit stellt die EKD Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ fest: „Das heißt mit Blick auf das gegenwärtige Wirtschaftssystem, dass ein größtmöglicher Teil der Bevölkerung über bezahlte Arbeit verfügen soll, soweit er dies anstrebt, und dass gleichzeitig die wichtige, vielfältig geleistete familiale, soziale und gesellschaftliche Arbeit in angemessener Weise anerkannt und integriert wird. Der Begriff der ‚gerechten Teilhabe‘ meint genau dies: umfassende Beteiligung aller an Bildung und Ausbildung sowie an den wirtschaftlichen, sozialen und solidarischen Prozessen der Gesellschaft.“ [iv]

„Die Wirtschaft soll den heutigen und den künftigen Menschen dienen“

1942-43 ist im Auftrag der Bekennenden Kirche von einer Gruppe von Ökonomen in Freiburg die sogenannte „Freiburger Denkschrift“ verfasst worden, das Grundkonzept der „Sozialen Marktwirtschaft“. Grundidee dieser Wirtschaftsordnung ist, dass die Wirtschaft den heutigen und den künftigen Menschen dienen soll. Das entspricht den Kriterien des Matthäus-Evangeliums ebenso wie denen des Paulusbriefes, wonach „gerecht“ ist, was den Menschen und Gott dient. Wie gut ist nun ein bedingungsloses Grundeinkommen geeignet, um den Nutzen aller in der Gesellschaft sicher zu stellen?

Arbeit als Gottesdienst

Martin Luther war derjenige, der nach vielen Jahrhunderten die Arbeit erstmals wieder als eine ganz besondere Form des Dienstes verstanden hat. In der Antike und im Mittelalter galt Arbeit als eine Aufgabe von Sklaven und Bauern und es war erstrebenswert, nicht arbeiten zu müssen, um frei zu sein für die geistlichen Fragen des Lebens. Dagegen stellte Luther fest: „Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, ein jeglicher hat seines Handwerks Amt und Werk, und doch sind alle gleich geweihte Priester und Bischöfe, und ein jeglicher soll mit seinem Amt oder Werk den andern nützlich und dienstlich sein.“[v]

Durch diese Übertragung der Rechtfertigungslehre auf das weltliche Leben macht Luther die Arbeit zu einer Form des Gottesdienstes. Jegliche menschliche Tätigkeit steht im Auftrag Gottes. In einer Predigt zum höchsten Gebot (1532) formuliert Luther: „Wenn ein jeder seinem Nächsten diente, dann wäre die ganze Welt voll Gottesdienst. Ein Knecht im Stall wie der Knabe in der Schule dienen Gott. Wenn so die Magd und die Herren fromm sind, so heißt das Gott gedient, so wären alle Häuser voll Gottesdienst“[vi].

„Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“

Martin Luther hat einmal festgestellt, der Mensch sei zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen. Insofern werden im Streit über ein bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich wichtige Fragen aufgeworfen. Wird Arbeit ausreichend bezahlt? Ist es gerecht, dass nur bestimmte Formen von Arbeit bezahlt werden und andere, z. B. in der Familie, von der Gesellschaft eher bestraft werden (z. B. im Rentensystem). Ermöglicht unser Wirtschaftssystem den Menschen eine Teilhabe an Gesellschaft, in der sich alle einbringen können?

Meine persönliche Einschätzung ist, dass das System eines bedingungslosen Grundeinkommens so weit weg von der jetzigen Wirtschaftsordnung ist, dass eine Einführung nicht realistisch ist. Es ist ein schönes Gedankenspiel, aber nicht mehr. Insofern konzentrieren wir uns im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) sehr viel stärker auf die konkreten Fragen der Arbeitswelt: Wie können wir dafür sorgen, dass die Menschen, die Arbeit haben, auch würdig von dieser Arbeit leben können und eine Familie ernähren können (sogenannte „living wages“)? Wie verhindern wir, dass Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, im Alter in Armut geraten, weil ihre Rente viel zu gering ist. (Das ist im Übrigen eine Frage, die insbesondere diejenigen betrifft, die jetzt noch jung sind!) Wie sorgen wir für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Ich glaube auch, dass wir angesichts des Auseinanderdriftens der Einkommen in der Gesellschaft die Fragen der Verteilungsgerechtigkeit neu stellen müssen. Dabei geht es auch um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, die es auf Dauer nicht aushalten wird, wenn einige wenige immer reicher und viele immer ärmer werden. Das kirchliche Lösungskonzept hierzu heißt „Soziale Marktwirtschaft“. Der Grundgedanke dieser Wirtschaftsordnung ist: Die Wirtschaft soll den heutigen und den künftigen Menschen dienen.

Das gilt für alle – bedingungslos!

————————————————————————————–

Ort der Erstveröffentlichung: das baugerüst 3/17 Thema: Gerechtigkeit? (Zeitschrift für  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evang. Jugendarbeit und  außerschulischen Bildung), http://www.ejb.de/index.php?id=1386 (hier finden sich noch weitere interessante Artikel zum Thema Gerechtigkeit)

[i] Zitiert nach www.grundeinkommen.de/die-idee (Stand 27.4.2017)

[ii] Zitiert nach www.weforum.org/agenda/2017/04/15-hour-weeks-basic-income-and-other-big-ideas-for-a-new-economy (Stand 27.4.2017).

[iii] Götz Werner. 1000 Euro für jeden machen die Menschen frei. In: FAZ vom 15.8.2010.

[iv] Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Armut in Deutschland. Gütersloh 2006. 12.

[v] Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation (1520). WA 6. 409.

[vi] Martin Luther, WA 36. 340.

Dr. Dieter Heidtmann
Leiter des KDA und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Baden
Evangelische Landeskirche in Baden
Blumenstraße 1-7,

76133 Karlsruhe
Tel.: 0721 9175-360
E-Mail

 

PREDIGT Um Gottes Willen: Arbeit hat ihren Wert

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6)

Pfarrer Dr. Jochen Gerlach, Leiter des Referats Wirtschaft-Arbeit-Soziales der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Hinführung zu Beginn des Gottesdienstes

Der Buß- und Bettag ist eine Gelegenheit zur persönlichen und zur gesamtgesellschaftlichen kritischen Besinnung. Wir können heute die biblischen Grundlagen des Tages für uns entdecken. Der jüdische Versöhnungstag war ein Fest des Volkes Israel mit Schuldbekenntnis, Zusage der Vergebung und einem Neuanfang. Daher begehen wir den Buß-und Bettag als Tag der selbstkritischen Besinnung, die immer die beiden Aspekte umfasst: unsere Verantwortung für unser persönliches Leben und die sozialpolitische Verantwortung für das Gesamtgefüge unserer Gesellschaft.

In diesem Jahr steht die Kampagne unserer Kirche zum Buß-und Bettag unter dem Motto: „Um Gottes Willen“. Ich möchte das Motto für uns heute zuspitzen: Um Gottes Willen: Arbeit hat ihren Wert.

Predigt: Um Gottes Willen: Arbeit hat ihren Wert

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6)

Liebe Gemeinde,

ein Paketzusteller erzählt: „Ich mache Marathontraining, hebe Gewichte. Aber mit den Paketen im Arm ist alles ganz anders. Und das bei weit über 100 Stopps am Tag. Die Arbeit als Paketauslieferer im Dauerlauf und Dauerstress hat mich an meine Grenzen gebracht. Obwohl ich durchtrainiert bin und harte Arbeit kenne. Ich schäme mich fast, darüber mehr als einen Satz zu verlieren. Denn die Männer und die wenigen Frauen, die sich diesen Job antun, ertragen in den Monaten und Jahren, in denen sie durchhalten, ein Vielfaches. Dahinter verblasst meine Erschöpfung, sie wird nichtig. Denn was mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat – ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr, und wenn, dann auf anderen Kontinenten, die wir „Dritte Welt“ nennen“. [www.zeit.de; 31.Mai 2012]

Augustine – so heißt der Mann – will gar nicht nachrechnen, auf welchen Stundensatz er kommt. „Dann hab‘ ich überhaupt keinen Bock mehr“, sagt er. Schaut er dann doch mal genauer hin, kriegt er „die Krise“. Wenn er kurz nach fünf im Depot ist und abends gegen 19 Uhr zurückkehrt, manchmal früher, meist später, kommt er auf 14 Stunden, vor Weihnachten werden es 16 Stunden. In der Woche sind das über 70 Stunden, im Monat 280 bis 300, und das für einen Stundenlohn, der bei vier bis fünf Euro liegt. Er macht den Job trotzdem – nicht nur, weil es schwer ist, einen anderen zu bekommen. Es droht auch Hartz IV, was ihn zu einem Almosenempfänger degradieren würde. [ebd.]

Foto:www.busstag.de

[Möglich ist ein Verweis auf das Plakat, wenn es vorhanden und der Gemeinde bekannt ist: Das Bild auf dem Plakat zum Buß- und Bettag zeigt einen Mann, der in der Kirchenbank sitzt und betet. Ich stelle mir vor, dass dieser Mann der Paketzusteller, Augustine, ist. Er denkt über seine Situation nach.]

Dieser Paketzusteller gehört zu den über acht Millionen Menschen, die in unserem Land im Niedriglohnsektor arbeiten. Unser Arbeitsmarkt ist gespalten: einerseits fehlen in vielen Berufen Fachkräfte und die Erwerbslosigkeit ist wieder stark gesunken, andererseits war der Niedriglohnbereich in Deutschland noch nie so hoch. Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet im Niedriglohnsektor. Niedrig meint dabei ein Lohn unter 10,22 Euro pro Stunde. Das macht für einen Alleinverdiener ca. 1770 Euro brutto und 1260 netto im Monat. Davon geht die Miete, die Nebenkosten ab. Vom Rest muss alles bezahlt werden. Es kann reichen, aber es ist knapp.

Aber es ist nicht nur der Lohn. Viele der Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor bieten zudem wenig Arbeitsplatzsicherheit, wenig arbeitsrechtlichen Schutz und geringe Mitspracherechte. Es sind oft „prekäre“ Beschäftigungen. Dieser Begriff „prekär“ ist umstritten. Neutraler spricht man von „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen:

  • Teilzeitbeschäftigung kann gewollt sein, dann ist es okay. Ungewollte Teilzeit aber ist prekär.
  • Befristete Anstellungen können im Berufsbeginn vorübergehend akzeptiert werden, eine verlässliche Lebensplanung erlauben sie aber nicht und sind dann Merkmal prekärer Beschäftigung.
  • Ende 2016 arbeiteten fast eine Millionen Beschäftigte in Leiharbeit, das sind 16% mehr als 2013. Es gibt gewollte, gutbezahlte Zeitarbeit in technischen Berufen, zumeist ist sie ungewollt und unsicher und damit prekär.

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Es gibt die Familienarbeit, die Fürsorge- und Pflegearbeit, die Arbeit, das Engagement in Parteien, Vereinen, Initiativen und auch in der Kirche. Und es gilt für alle diese Arbeit: Um Gottes Willen – Arbeit hat ihren Wert. Denn Arbeit gehört zum Menschsein. Arbeit ist Quelle sozialer Anerkennung und eigener persönlicher Sinnerfüllung. Der Erwerbsarbeit kommt die Besonderheit zu, dass sie zudem die Quelle des Einkommens und damit der Existenzsicherung ist. Auch für dieses Einkommen muss gelten: Um Gottes Willen – Arbeit hat ihren Wert. Im Niedriglohnsektor ist dieser Wert gefährdet, zumal wenn zum niedrigen Lohn noch erniedrigende Arbeitsbedingungen hinzukommen.

In den letzten Jahren ist der Niedriglohnsektor gewachsen. Die Schere zwischen Reich und Arm ist dadurch in den letzten 20 Jahren stark auseinandergegangen. Die oberen Einkommen und Vermögen sind stark gewachsen, die unteren sind gefallen oder kaum gewachsen. Die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft sind daher stärker geworden. Protestparteien gewinnen Zulauf. Populistische Parolen verschaffen sich stark Gehör.

Foto: pixabay

Als Christen stehen wir mitten drin in diesen gesellschaftlichen Spannungen. Ja, wir sind Teil von ihnen. Zu uns gehören die Armen, ebenso wie die Reichen. Welchen Impuls können wir in diese spannungsvolle Situation hineingeben? Welche Orientierung geben uns unser Glaube und das Grundgebot der Nächstenliebe?

Paulus hat in seinem Brief an die Galater das Liebesgebot in ein prägnantes Bild gebracht. Er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 2,6). Es geht um eine wechselseitige Unterstützung. Nicht einer trägt allein alles, jeder trägt etwas, und zwar die Last des anderen. Das Bild des Lastentragens kommt in der politischen Debatte auch vor. Da heißt es manchmal, dass die starken Schultern mehr tragen müssen als die schwachen. Es meint, dass Reiche als stark gelten und mehr tragen sollen, als Schwache und Arme. Das ist eine sinnvolle Regel, daher werden hohe Einkommen auch mehr besteuert. Aber ist Augustine, der Paketzusteller, schwach? Er verdient wenig, ist bestimmt nicht reich, aber er trägt viel – im wortwörtlichen Sinn, er braucht viel Stärke für seinen Beruf, um körperlich und seelisch durchzuhalten. „Einer trage des anderen Last.“ Jeder trägt etwas, alle sind aufeinander angewiesen. Jede Arbeit hat ihren Wert, das kann ich nur sehen und empfinden, wenn ich Augen dafür habe, wie alle Arbeit ihren Sinn und ihren Beitrag leistet, zum Ganzen und auch zu meinem Wohl.

Im Jahr des Reformationsjubiläums können wir uns an eine der wichtigsten Einsichten Martin Luthers erinnern. In der Antike wurde die körperliche Arbeit gering geschätzt. Dies wirkte bis in die mittelalterliche Theologie weiter: Nur die mönchische und priesterliche Lebensform galt als wahres Christsein. Martin Luthers grundlegende Erkenntnis der bedingungslosen Liebe Gottes führte ihn zur Einsicht des ‚Priestertums aller Gläubigen‘: „Wie nun die, welche man jetzt Geistliche heißt oder Priester, Bischöfe oder Päpste, von den anderen Christen durch keine andere oder größere Würde unterschieden sind, als dass sie das Wort Gottes und die Sakramente verwalten sollen (…). Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, – und wir fügen frei ein: ein Paketzusteller –  ein jeglicher hat seines Handwerks Amt und Werk, und doch sind alle gleich geweihte Priester und Bischöfe, und ein jeglicher soll mit seinem Amt oder Werk den andern nützlich und dienstlich sein“ [An den christlichen Adel, 1520].

Dieser neue Blick auf die Arbeit aller, ihre Würde und ihren Wert für das Ganze führt uns in die Haltung, dass wir uns mit den prekären Arbeitsbedingungen und den Löhnen im Niedriglohnsektor nicht zufriedengeben. Es braucht Maßnahmen, dass prekäre Arbeitsbedingungen abgebaut werden. Der Mindestlohn war eine gute Entscheidung. Über fünf Millionen Menschen hatten zuvor für einen Lohn unter 8,50 Euro gearbeitet. Den allermeisten von ihnen hat der Mindestlohn geholfen. Er wird weiter nach und nach moderat angehoben werden müssen, weil Arbeit ihren Wert hat.

Es gehört zu den Grundeinsichten der Sozialen Marktwirtschaft, dass Arbeit keine Ware wie jede andere ist und nicht einfach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage überlassen werden darf. Daher dürfen auch Leiharbeit und Befristungen als Instrumente angewandt, aber sie müssen auch streng gesetzlich begrenzt werden.

Um Gottes Willen – die Arbeit und die Arbeitenden haben ihren Wert und ihre Würde. Dieser Würde wird es am meisten entsprochen, wenn ihre Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte gestärkt werden.

„Einer trage des andern Last“. Das so formulierte Liebesgebot zeigt uns: Jeder trägt etwas, wir sind alle aufeinander angewiesen. Und all unsere Arbeit hat ihren Wert, ob wir wie Augustine unter Zeitdruck schwere Pakete zu tragen haben oder einer anderen Arbeit nachgehen. Diese Wertschätzung muss sich auch in verbesserten Arbeitsbedingungen für Menschen im Niedriglohnbereich auswirken.

Dr. Jochen Gerlach
Vorstand Bundes-KDA

Referat Wirtschaft-Arbeit-Soziales
Evangelische Kirche Kurhessen-Waldeck
Wilhelmshöher Allee 330
34131 Kassel
Tel.: 0561 9378-350
E-Mail

Share This