Wie geht es filmschaffenden Frauen im Alter?

Altersarmut hinter den Kulissen einer glamourösen Industrie

Die Filmbranche gilt nach außen als kreative, aufregende und glamouröse Arbeitswelt. Doch hinter dieser Fassade steckt für viele Frauen, die jahrzehntelang dort tätig waren, eine bittere Realität – vor allem im Alter.

Unsichtbare Arbeit – reales Risiko

Besonders betroffen sind Frauen, die hinter der Kamera arbeiten: Tontechnikerinnen, Beleuchterinnen, Regieassistentinnen, Kostüm- und Maskenbildnerinnen, Cutterinnen, Requisiteurinnen, Dekorateurinnen, weibliche Location Scouts und viele weitere. Obwohl sie wesentliche kreative und technische Beiträge zur Filmproduktion leisten, droht ihnen im Alter häufig finanzielle Unsicherheit bis hin zur Altersarmut.

Projektarbeit als strukturelles Risiko

Ein zentraler Grund dafür sind die durchgehend prekären Arbeitsbedingungen in vielen filmtechnischen Gewerken. Die Beschäftigungsverhältnisse sind überwiegend projektbasiert und damit befristet. Zwischen den Projekten entstehen Lücken, die nicht immer vollständig durch neue Aufträge gefüllt werden können. Selbst lange und intensive Arbeitsphasen führen deshalb oft nicht zu einem durchgängigen Einkommen über das Jahr hinweg. Für die Rentenversicherung bedeutet das: eine Vielzahl kurzer Beschäftigungen, schwankende Beitragshöhen und Phasen ohne Beiträge. Über ein gesamtes Arbeitsleben hinweg reihen sich so Jahre mit niedrigen Einzahlungen aneinander – ein struktureller Risikofaktor für Altersarmut.

Unterbrochene Erwerbsbiografien

Besonders Frauen sind betroffen, weil sie zusätzlich zu den ohnehin schwankenden Beschäftigungsverhältnissen häufig unterbrochene Erwerbsbiografien haben. Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Phasen der Teilzeit führen dazu, dass Frauen deutlich weniger Rentenpunkte aufbauen. Im Filmgewerbe wirken diese Faktoren doppelt stark, weil Arbeitszeiten extrem lang, unregelmäßig und schwer mit familiären Verpflichtungen vereinbar sind. Viele Frauen müssen daher Projekte absagen oder können zeitweise gar nicht arbeiten. In einer Branche, in der Netzwerke und ständige Präsenz entscheidend für den nächsten Job sind, wirkt sich das langfristig negativ aus.

Lohngefälle und strukturelle Benachteiligung

Hinzu kommt ein systematisches Lohngefälle. Selbst in der Filmbranche, die sich oft als progressiv versteht, verdienen Frauen in vielen Gewerken weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. In manchen Bereichen – etwa Kamera oder Ton – sind Frauen bis heute unterrepräsentiert, was sich auf Verhandlungsmacht und Honorare auswirkt. Auch hier führt die Kombination aus unregelmäßigem Einkommen, niedrigeren Tagessätzen und fehlender Kontinuität zu geringeren Rentenansprüchen.

Kreative Schlüsselpositionen – andere Ursachen, ähnliche Folgen

Frauen in kreativen Schlüsselpositionen – Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Schauspielerinnen oder Produzentinnen – stehen häufig vor ähnlichen Problemen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Regisseurinnen und Autorinnen arbeiten oft Jahre an Projekten, die gar nicht realisiert werden oder deren Honorare erst spät fließen. Viele von ihnen sind freischaffend und müssen ihre Altersvorsorge selbst organisieren. Private Vorsorgesysteme sind jedoch mit unregelmäßigen Gagen schwer aufrechtzuerhalten. Schauspielerinnen erleben häufig eine drastische Reduktion von Rollenangeboten ab einem bestimmten Alter – ein Phänomen, das bei Männern weitaus weniger ausgeprägt ist. Die Folge: weniger Jobs, weniger Einzahlungen und weniger finanzielle Stabilität.

Soziale Sicherung – lückenhaft

Zwar gibt es branchenspezifische Sozialkassen wie die German Film Commissions oder die Künstlersozialkasse (KSK), die die Versicherungsbeiträge teilweise abfedern, doch decken diese Systeme nur bestimmte Berufsgruppen ab – und auch nur unter der Voraussetzung, dass Mindesthonorare regelmäßig erzielt werden. Viele Frauen, die in technischen Gewerken tätig sind, profitieren davon kaum oder gar nicht. Für sie bleibt die gesetzliche Rentenversicherung die wichtigste Säule – und diese ist aufgrund ihrer Erwerbsrealität oft unzureichend.

Weiterbildung ohne Absicherung

Ein weiterer Faktor ist die fehlende Anerkennung von Weiterbildung und Lebensleistung. Technische Gewerke im Filmbereich erfordern kontinuierliche, oft selbst finanzierte Fortbildungen, weil sich Technologien und Standards rasch verändern. Die Kosten dafür tragen viele Frauen aus eigener Tasche – während gleichzeitig in diesen Zeiten keine Rentenbeiträge fließen. Dadurch verschärft sich die finanzielle Unsicherheit.

Strukturelle Muster

Insgesamt zeigen sich damit strukturelle Muster, die Frauen in der Filmbranche im Alter benachteiligen: unregelmäßige Erwerbsverläufe, geringere Einkommen, Diskriminierung bei Rollen- und Projektvergaben, mangelnde soziale Absicherung und eine hohe Abhängigkeit von projektbasierten Arbeitsstrukturen. Viele Frauen berichten, dass sie nach einem arbeitsreichen Leben, das oft von Leidenschaft und Hingabe geprägt war, im Alter um finanzielle Stabilität kämpfen müssen. Die Gefahr von Altersarmut ist real und betrifft selbst jene, die mehrere Jahrzehnte für die Filmindustrie gearbeitet haben.

Notwendige Veränderungen

Um die filmische Arbeitswelt zukunftsfähig zu gestalten, braucht es ein entschiedenes politisches und gewerkschaftliches Umdenken.

  • Stärkung sozialer Absicherung: Die bestehenden Modelle, etwa die Künstlersozialkasse, müssen erweitert werden, um hybride Erwerbsformen – also wechselnde Phasen zwischen Anstellung und Selbstständigkeit – besser abzusichern. Unvergütete Zeiten zwischen Projekten, von denen Frauen besonders betroffen sind, sollten stärker sozial anerkannt und rentenwirksam berücksichtigt werden.
  • Verbindliche Tarifregelungen: Einheitliche, bundesweit geltende Mindesthonorare könnten nicht nur verhindern, dass Filmschaffende je nach Förderregion oder Produktionsart ungleich behandelt werden, sondern eben auch den bisherigen Gender Pay Gap beenden. Gewerkschaften und die vielen Berufsorganisationen und -zusammenschlüsse sollten zusammenarbeiten, um weitergehende Tarifverträge für freie Mitarbeitende auszuhandeln.

 

Kathinka Kaden, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelische Landeskirche in Württemberg