Wortmeldung Mai 2021 – aus dem KDA Hannover

„Solidarität ist Zukunft“, dachten Pflegende, als sie vor einem Jahr von Menschen auf Balkonen für ihre Arbeit in den Intensivstationen beklatscht wurden. „Jetzt werden fairere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen folgen, wo alle merken, welch wichtige Arbeit wir leisten.“ Aber, falsch gedacht – das gibt „der Markt“ nicht her, wurde beschieden.

Schauen wir heute nach 14 Monaten Pandemie noch einmal genau hin: Wer ist solidarisch mit wem? Wer appelliert an die Solidarität anderer und bleibt den Beweis schuldig, dass er/sie selbst solidarisch ist?

Solidarität ist keine Einbahnstraße.

Solidarität ist ein schillernder Begriff. Ist z. B. das Befolgen von AHA-Regeln in Coronazeiten mit demselben Begriff zu fassen, wie das gemeinsame Streiken für bessere Arbeitsbedingungen oder wie eine faire Verteilung von Geflüchteten innerhalb der EU? Mit dieser Frage eröffnet Heinz Bude eine seiner „Meditationen über die große Idee der Solidarität“ und trifft mitten ins Herz heutiger Debatten. Was schulden wir dem Anderen? Und in welchen wechselseitigen Beziehungen stehen Individuum und Kollektiv zueinander? Das Ich im Wir?

Solidarität kann – so Bude – nur durch ein Durchbrechen von Eigeninteressen erreicht werden. Wer solidarisch handelt, handelt selbstvergessen – jedoch im Vertrauen darauf, auch seinerseits aufgehoben zu sein in der Solidarität. In diesem Sinne lebt Solidarität von Voraussetzungen, die sie selbst nicht erfüllen kann. Schwierig, dass dies oft erst in Not erkannt wird.

Ein „Wir“ schafft Zukunft

Wie sieht dieses Wir – das auf Solidarität angewiesen ist – aus? Wir Jungen / wir Alten? Wir Steuerzahlende? Oder: Wir Menschen? Ein solidarisches Miteinander in der Arbeiterbewegung und in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ließ damals so manche Konflikte kleinhalten und Herausforderungen bestehen. Es geht nicht darum zu geben, sondern zu teilen und gemeinsam am großen Ganzen zu arbeiten.

Welche Art von Solidarität gibt es in unserer gegenwärtigen, neoliberal geprägten Gesellschaft, in der zur Konkurrenz erzogen wird und die daran gewöhnt ist, das Handeln am eigenen Interesse oder Profit aus- zurichten? Die Pandemie im März/April 2020 war ein Anfang breit gelebter Solidarität, die aber schnell unter die Räder gekommen ist. Wir merken jedoch aktuell: Die Frage nach der Gestaltung einer solidarischen Zukunft in einer global vernetzten Welt, ist trotz di- verser Differenzen zentral und drängend – wenn wir auf diesem Planeten eine gute Zukunft haben wollen.

Die Bibel nennt dieses Zukunftshandeln: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Und beziehe deine Kraft dazu aus der Osterkraft und Liebe Gottes! Dann brauchst du keine Sorge haben, zu kurz zu kommen. Und dann werden im Großen wie im Kleinen mit Herz und Hirn solidarische, lebensfördernde gesellschaftspolitische Entscheidungen getroffen.

Autorin und Kontakt:
Waltraud Kämper, Referentin im KDA Hannover, kaemper@kirchliche-dienste.de

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Beitragsfoto: Pixabay, Gerhard Lipold