Spurenlese beim Handwerk in Südthüringen

Bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche im November 2021

Aus nahezu allen Landeskirchen der EKD kamen die Delegierten ins Berufsbildungs- und Technologiezentrum Rohr-Kloster in Südthüringen, um unter einer strikten 2GPlus zu tagen. Dabei stand das Thema „Handwerk regional und vor Ort in Südthüringen“ im Mittelpunkt: Die dreißig Teilnehmenden gingen im Rahmen der dreitägigen Tagung den Fragen nach, welchen konkreten Herausforderungen sich das Handwerk vor Ort stellen muss und was die Zusammenarbeit von Handwerk und Kirche hier in der Region ausmacht.

Das umfangreiche Programm fand an sehr unterschiedlichen Orten statt: im Berufsbildungs- und Technologiezentrum Rohr-Kloster mit Impulsvorträgen durch Vertreter*innen der Handwerkskammer Südthüringen und moderierten Diskussionen, Besichtigungen besonderer Sehenswürdigkeiten wie der Kirchenburg (Walldorf Werra) und der Wartburg (Eisenach). Dabei blieb viel Gelegenheit für informelle Gespräche zum Erfahrungsaustausch & Netzwerken zwischen den Delegierten.

#Den Wandel im Handwerk meistern

Auch im Handwerk in Südthüringen stehen als zentrale Herausforderungen Themen wie Nachwuchs- und Führungskräftemangel und Betriebsübernahmen obenauf. Das wurde im intensiv geführten Meinungsaustausch mit Frau Manuela Glühmann (Hauptgeschäftsführerin der HWK Südthüringen) und Herrn Alexander Ladwig (Geschäftsführer Bildungscampus BTZ, Rohr-Kloster und Gewerbeförderung) schnell deutlich. Junge Menschen, die eine handwerkliche Ausbildung anstreben, haben heute ganz andere Vorstellungen als Lehrlinge noch vor wenigen Jahrzehnten. Die oft antiquierte Vorstellung „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ trifft auf junge Menschen, die sich ihren zukünftigen Arbeitsplatz unter anderen Vorzeichen denken. Spaß an der Arbeit, Weiterentwicklungsperspektiven und die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung – das alles sind keine extravaganten Forderungen“ bzw. Themen mehr. Auch „NEW WORK“ ist auf dem Vormarsch. Führungskräfte müssen auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung und des allgemeinen Umbruchs ganz bestimmte Kompetenzen mitbringen. Junge Leute – auch im Handwerk – suchen Erfüllung und Sinn, Raum für Kreativität und gerne auch moderne Tools. Fazit aus der Diskussion: Eine zeitgemäße Betriebsphilosophie neben der Bereitschaft, jungen Leuten einen Arbeitsplatz mit Entwicklungschancen zu bieten, sind Grundvoraussetzungen für einen attraktiven Ausbildungsbetrieb – aus Sicht der jüngeren Generationen. Die Zeichen stehen unverkennbar auf Veränderungen und handwerkliche Betriebe sind gut beraten, den Wandel für sich zu gestalten; das wurde im fachlichen Austausch mit den Impulsgebenden deutlich.

#Eine Kirche mit Symbolcharakter

Der Wiederaufbau der Kirchenburg Walldorf-Werra ist das Vorzeigebeispiel einer gelungenen Zusammenarbeit von Handwerk und Kirche. Die Delegierten informierten sich über den Wiederaufbau der 2012 abgebrannten Kirche. Im Konzept der Kirchenburg ist Raum für die gesamte Schöpfung vorhanden. Menschen, Tiere und Pflanzen sind bedacht. Neben Blumen- und Kräutergarten gibt es planmäßige Nistmöglichkeiten für Vögel im Dach, Raum für Fledermäuse und ein Bienenvolk im Gemäuer sowie ein Storchennest auf einem Mastkonstrukt. Den Menschen wird ein überraschend heller und offener Kirchenraum geschenkt, der Kunst und handwerklichen Verstand verbindet und dazu eine variable Nutzung der Kirche ermöglicht. Im Außengelände finden sich neben einer Zeltwiese für die Kleinen, eine Kletterwand für die jüngeren Generationen noch weitere Möglichkeiten sich auszuprobieren, mitzugestalten und teilzuhaben. In Walldorf Werra trafen wir auf begeisterte Menschen, die Ihre Begeisterung auch deutlich machten und uns daran teilnehmen ließen. Christina Böhm, Kirchenführerin und Organisatorin unseres Besuchs, Wigbert Schorcht, Biologe und Stellv. Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und Pfarrer i.R. Heinrich von Berlepsch, ehem. Pfarrer der Gemeinde, brachten uns die Umstände und Besonderheiten Ihrer Kirchenburg in einer dreigeteilten Führung nahe. Gunter Schubert, Stellv. Vorsitzender des Kirchenburgverein Walldorf Werra e.V.  und sein Team haben uns bestens mit Kaffee und Kuchen und mit im Backhaus selbst gebackenen Stollen versorgt. Die bewegte jüngere Geschichte der Kirchenburg und das Engagement der Menschen vor Ort haben großen Eindruck hinterlassen. Nicht zuletzt dem großen Engagement vieler Handwerkerinnen, Handwerkern und dem Kirchbauverein ist zu es zu verdanken, dass die – mit Raffinesse restaurierte – Biotop-Kirche kirchliches und kulturelles Leben in die Region zurückbringt. Mehr Informationen und aktuelle Termine sind auf der Website nachzulesen. https://www.kirchenburg-walldorf.de/

#Auf Luthers Spuren

Besonderes Highlight war ebenfalls die Besichtigung der Wartburg in Eisenach und der stimmungsvolle Ausblick auf den Thüringer Wald beim Aufstieg zur Burg (411 Meter Höhe). Die Burg über der Stadt Eisenach ist Schauplatz deutscher Geschichte, auch für Martin Luther alias „Junker Jörg“ und für seine Schutzhaft.

Beim ca. 60minütigen Rundgang in der Burg wurde spürbar, wie Geschichte mit diesem Ort verbunden ist. Neben der Lutherstube gehört der sogenannte Luthergang zu den authentischen Räumen von Martin Luther. Dort übersetzte er, getarnt als „Junker Jörg“, im Jahre 1521 in elf Wochen das Neue Testament. Neben den Wohnräumen von dem späteren Reformator besichtigten wir zahlreiche Räumlichkeiten der Burg. Bekannt geworden ist die Wartburg auch durch die Heilige Elisabeth von Thüringen und dem berühmten Sängerkrieg. Die Wartburg als Weltkulturerbe war Schauplatz weiterer historischer Ereignisse.

#“Der Westen kann vom Osten lernen“. Interview vor Ort mit dem ehemaligen Magdeburger Bischof Axel Noack über Stationen der von der Autorin Bettina Röder veröffentlichten  Biographie („Axel Noack. Biografie eines frohgemuten Protestanten)

Bruder Noack ist Pfarrer, Bischof und Kirchengeschichtler und ein begnadeter Redner mit Sprachwitz.  Im knapp 90minütigen Interview – zum Abschluss der Tagung – macht er einen Rückblick auf die kirchliche Wiedervereinigung und wagte auch einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft der evangelischen Kirche. Er erklärte eindrücklich, unter welchen Vorzeichen sich die Wiedervereinigung der evangelischen Kirchen nach der Wende vollzog. Unterschiedliche Mentalitäten trafen auf einander: man dachte kontrovers über die Anpassung der Ostregion an das westliche System, über Kirchensteuer mit staatlichem Einzug, über den Religionsunterricht in den Schulen und über das Thema „Militärseelsorge in der Bundeswehr“.

Im Rückblick legte er da, welchen besonderen Stellenwert die Loccumer Erklärung mit folgenden zwei Kernsätzen (1991) zukam: „Wir wollen unserer Kirche auch wieder in einer organisatorischen Gestalt Ausdruck geben, in der Einheit, wir wollen das wieder zusammenbringen! Und „Wir wollen mit den in der Zeit der Trennung gewachsenen Unterschieden sorgsam umgehen.“ Die Umsetzung dieser beiden Kernsätze sollte sich als eine bedeutende Herausforderung mit Konfliktpotential erweisen. Im Grunde, so resümierte er, sei die Wiedervereinigung der Kirchen dann doch ganz gut gelungen, bei allen Holprigkeiten und vor allem spiele das nicht mehr so eine Rolle.

„Der Westen kann vom Osten lernen“, sagte Axel Noack aus, wenn es um die aktuelle Situation und den Umgang mit den sich vollziehenden Veränderungen in der EKD geht. Vorrangiges Ziel ist es – vor dem Hintergrund zurückgehender Einnahmen – Einsparungen vorzunehmen und dennoch „sichtbar“ zu bleiben. Ferner sollen die Menschen Kirche als eine besondere Form der Gemeinschaft wahrnehmen und erleben können. Angst vor Veränderung hat Bruder Noack nicht, vielmehr hofft er, dass wir als evangelische Kirche nicht resignieren und „fröhlich“ kleiner werden und dabei Hoffnung und  Frohsinn nicht aufzugeben“.

Das Interview war ein eindrucksvoller Ausflug in die jüngere Vergangenheit der Wiedervereinigung der evangelischen Kirche und zugleich hoffnungsvolle Projektionsfläche für einen notwendigen Umbruch in der evangelischen Kirche, der gelingen kann.

Gerne mehr davon! Das war das einstimmige Votum aller Delegierten zum Ende der diesjährigen Jahrestagung 2021 von Handwerk und Kirche.

Vorstandsbericht zur Tagung als PDF-Dokument

Ein besonderer Höhepunkt der Tagung war die Besichtigung der Kirchenburg Walldorf-Werra. Die Arbeitsgemeinschaft informierte sich über den Wiederaufbau der 2012 abgebrannten Kirche. Es ist dem Engagement von vielen Handwerkerinnen und Handwerkern zu verdanken, dass heute eine mit Raffinesse restaurierte „Biotop-Kirche“ kirchliches und kulturelles Leben in die Region zurückgebracht hat. Über den Besuch informierte der mdr ab Minute 7:38 in seinem Thüringen Journal in der ARD-Mediathek:

Kerstin Albers-Joram
Referentin
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt
der Nordkirche
Dorothee-Sölle-Haus
Max-Brauer-Allee 16
22765 Hamburg
Tel. 040 / 30 6201-352
E-Mail

Peter Grohme
Bildungsreferent
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt
Referat Wirtschaft-Arbeit-Soziales der EKKW
Tel: 06456 3059956
E-Mail

Annelies Bruhne
Referentin für Wirtschaft und Europa

KWA
Arnswaldtstraße 6
30159 Hannover
Tel.: 0511 473877-14
E-Mail