Frauen machen Druck – eine Ausstellung zwischen Kunst, Arbeit und Gerechtigkeit

Wie sichtbar ist die Arbeit von Frauen? Wie wirken tradierte Frauenbilder bis heute fort? Und was bedeutet Gerechtigkeit im Kontext von Sichtbarkeit, (An-)Erkennung und auch Bezahlung?

Jeden März, in dem geschlechts­spe­zi­fi­sche Lohn- und Arbeits­markt­un­ter­schiede („Gaps“) ihre kurze Öffent­lich­keits­spanne haben, gehen wir diesen Fragen nach. Neben dem Gender Pay Gap öffnen auch der Blick auf den Gender Hours Gap (Frauen arbeiten öfter in Teilzeit), den Gender Employ­ment Gap (nied­ri­gere Erwerbs­quote von Frauen) und dem daraus resul­tie­rende Gender Pension Gap (gerin­gere Renten) auf das Thema Alters­ar­mut von Frauen als gesell­schaft­li­ches Problem.

Kunst als Resonanzraum

Umso wich­ti­ger, dass auch die Kunst sich daran reibt. Wenn die Kunst­aus­stel­lung „Frauen machen Druck – Kunst­blü­ten“ in diesen Tagen nach Hannover kommt, bringt sie weit mehr mit als künst­le­ri­sche Arbeiten und Druck­tech­ni­ken. Sie trägt Erfah­run­gen, Kon­flikte und For­de­run­gen und stellt die gleichen Fragen, die gesell­schaft­lich wie ethisch hoch­ak­tu­ell sind.

Die Aus­stel­lung der Krea­ti­ven Werk­statt Dresden e.V. ver­sam­melt Werke von Künst­le­rin­nen aus Chemnitz, Dresden und – neu hin­zu­kom­mend – auch aus Hannover. Mit unter­schied­li­chen Tech­ni­ken wurden Geld­scheine („Kunst­blü­ten“) gestal­tet, die bekannte und auch über­se­hene Frauen abbilden – als Kollage, als Foto­pro­jekt, als Zeich­nung, als Radie­rung oder anderen Druck­ver­fah­ren. „Druck“ ist dabei bewusst dop­pel­deu­tig. Er meint den phy­si­schen Vorgang des Druckens ebenso wie den sozialen und öko­no­mi­schen Druck, dem Frauen his­to­risch und gegen­wär­tig aus­ge­setzt sind. Viele Arbeiten berühren Themen wie Care-Arbeit, Lohn­ar­beit, Kör­per­nor­men oder struk­tu­relle Unsicht­bar­keit, die im auch jenseits des Kunst­be­triebs wei­ter­hin spürbar sind.

Hintergrund und gesellschaftlicher Kontext

Die Aus­stel­lung wurde 2025 als Pro­gramm­teil der Euro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt in Chemnitz ins Leben gerufen. Die leitende Idee war, damit auf den Gender-Pay-Gap hin­zu­wei­sen, denn noch immer ver­die­nen Frauen selbst bei ver­gleich­ba­rer Qua­li­fi­ka­tion und Tätig­keit im Durch­schnitt weniger als Männer. Die Ursachen sind bekannt: Teil­zeit­fal­len, gerin­gere Bewer­tung soge­nann­ter „Frau­en­be­rufe“, Kar­rie­re­un­ter­bre­chun­gen durch Sor­ge­ar­beit und fort­ge­schrie­bene Rol­len­bil­der haben diese Lücke nie maß­geb­lich ver­rin­gern können.

In der Aus­stel­lung werden diese Struk­tu­ren ästhe­tisch erfahr­bar gemacht. Ver­dich­tete Bild­räume, frag­men­tierte Körper oder serielle Wie­der­ho­lun­gen lassen erahnen, wie sich struk­tu­relle Ungleich­heit in frühere Bio­gra­fien ein­ge­schrie­ben hat und in die heutigen weiter ein­schreibt.

Gleich­zei­tig ver­än­dert „Frauen machen Druck“ aber auch die Per­spek­tive auf Frau­en­bil­der. Waren Frauen kunst­his­to­risch wie gesell­schaft­lich lange Objekte, Motive oder Pro­jek­ti­ons­flä­che, so kehren die gezeig­ten Werke diese Blick­rich­tung um. Frauen sind Subjekte, die ihre Per­spek­ti­ven selbst for­mu­lie­ren, ihren Geist und Körper selbst defi­nie­ren und ihre Arbeit sichtbar machen.

Christlich-ethische Perspektive

Aus christ­lich-ethi­scher Per­spek­tive sind diese Themen kei­nes­wegs rand­stän­dig. Die christ­li­che Sozi­al­ethik betont die gleiche Würde aller Menschen als Eben­bil­der Gottes. Daraus folgt ein Anspruch auf Gerech­tig­keit, der sich nicht mit formaler Gleich­be­rech­ti­gung zufrie­den­gibt, sondern reale Lebens­ver­hält­nisse in den Blick nimmt. Unglei­che Bezah­lung bei gleicher oder gleich­wer­ti­ger Arbeit wider­spricht diesem Grund­satz ebenso wie Rol­len­bil­der, die Menschen auf bestimmte Lebens­ent­würfe fest­le­gen.

Einladung zum Weiterdenken

Eine Aus­stel­lung wie „Frauen machen Druck“ kann daher auch als Ein­la­dung zur Selbst­re­flek­tion und Posi­ti­ons­be­stim­mung ver­stan­den werden: Wo wirken Vor­stel­lun­gen von Arbeit, Berufung und Geschlech­ter­rol­len bis heute begren­zend? Und wie können wir viel­fäl­tige Lebens- und Arbeits­for­men besser aner­ken­nen? Wie passen diese in das heutige Umfeld?

Dass die Aus­stel­lung in Hannover gezeigt wird, ist auch mehr als ein Orts­wech­sel. Hannover als Mes­se­stadt, als Zentrum von Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Evan­ge­li­scher Kirche bietet einen Reso­nanz­raum, in dem Kunst, Arbeits­welt und Ethik zusam­men­kom­men können. Im Begleit­pro­gramm zu „Frauen machen Druck“ wollen wir nicht nur über Gleich­stel­lung dis­ku­tie­ren, sondern aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven Struk­tu­ren, Bilder und Hal­tun­gen hin­ter­fra­gen und ver­ste­hen – und einander zuhören.

Die Ausstellung läuft vom 27.02.2026 bis zum 08.04.2026.

Weitere Infor­ma­tio­nen auch zum Begleit­pro­gramm finden Sie unter: https://www.evangelische-agentur.de/

Annelies Bruhne, Team Arbeit und Wirt­schaft in der Evan­ge­li­schen Agentur der Evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­vers