Gesehen werden – auch wenn die Welt wegschaut

Wenn im Kinosaal das Licht ausgeht, beginnt für viele ein Moment des Zaubers. Zwei Stunden lang dürfen wir lachen, weinen, nach­den­ken und in eine andere Welt ein­tau­chen. Eine Welt, die gla­mou­rös wirkt, kreativ, auf­re­gend schil­lernd.

Doch hinter dieser glän­zen­den Ober­flä­che verbirgt sich eine Realität, die viele nicht sehen. Bevor das erste Bild gezeigt, bevor der erste Satz gespro­chen wird, ent­schei­det sich: Wer darf in der film­schaf­fen­den Branche sichtbar werden? Wer bleibt im Schatten?

Auf der Leinwand erschei­nen Frauen meist jung, schlank, schön. Was wir kaum sehen, sind Frauen über 50. Mehr­ge­wich­tige Frauen. Frauen mit viel­fäl­ti­gen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den. Diese Ein­sei­tig­keit endet nicht vor der Kamera – sie setzt sich hinter den Kulissen fort.

Denn dort arbeiten viele Frauen in Berufen, die essen­zi­ell sind, aber selten wahr­ge­nom­men werden: Ton­tech­ni­ke­rin­nen, Beleuch­te­rin­nen, Regie­as­sis­ten­tin­nen, Kostüm- und Mas­ken­bild­ne­rin­nen, Cut­te­rin­nen, Requi­si­teu­rin­nen, Deko­ra­teu­rin­nen, Location Scouts und viele andere.

Ohne sie gäbe es keinen Film.

Und doch sind gerade sie im Alter beson­ders gefähr­det.

Frauen tragen in der Film­bran­che doppelt schwer. Ihre Arbeits­rea­li­tät ist geprägt von pro­jekt­ba­sier­ten, befris­te­ten Jobs. Von langen Phasen ohne Ein­kom­men.

Sie haben häufiger unter­bro­chene Erwerbs­bio­gra­fien durch Kinder, Pflege oder Teilzeit. Sie arbeiten in einer Branche, deren extreme Arbeits­zei­ten kaum mit Familie ver­ein­bar sind. Sie ver­die­nen oft weniger als Männer, mit nied­ri­ge­ren Tages­sät­zen, und weniger Ver­hand­lungs­macht.

Schau­spie­le­rin­nen ver­lie­ren ab einem bestimm­ten Alter dras­tisch an Rol­len­an­ge­bo­ten. Und viele können aufgrund unre­gel­mä­ßi­ger Honorare kaum privat vor­sor­gen.

Traurige Nor­ma­li­tät sind schwan­kende Ren­ten­bei­träge, fehlende Pla­nungs­si­cher­heit und geringe soziale Absi­che­rung. Über Jahr­zehnte entsteht so ein lücken­haf­ter Erwerbs­ver­lauf: ein direkter Weg in die Alters­ar­mut.

Ein bibli­scher Satz bringt die Sehn­sucht nach Gerech­tig­keit auf den Punkt:

„Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ (1. Timotheus 5,18).

Nicht nur an dieser Stelle erinnert uns die Bibel   daran, dass jede Arbeit Aner­ken­nung und faire Ent­loh­nung verdient. Ein Grund­satz, der bis heute gilt.

Lasst Euch einladen, bewusst hin­zu­schauen: auf Frauen, deren Arbeit unsicht­bar bleibt, auf Bedin­gun­gen, die Alters­ar­mut begüns­ti­gen, auf Struk­tu­ren, die Ungleich­heit fest­schrei­ben, und auf Lebens­leis­tun­gen, die Aner­ken­nung ver­die­nen.

Lasst uns die Menschen sichtbar machen, die sonst im Schatten stehen – im Film und im echten Leben.

Team Dagmar Eck und Silke Scheidel, Evan­ge­li­sche Arbeits­stelle Bildung und Gesell­schaft der Evan­ge­li­schen Kirche der Pfalz