„… und schuf sie als Mann und Frau“: Kapitalistische Arbeitsteilung versus echte Partnerschaft

Das kapi­ta­lis­ti­sche System lebt von der Arbeits­tei­lung in Erwerbs­ar­beit und unbe­zahl­ter Care-Arbeit. Voll­zeit­be­schäf­tigte mit gutem Ein­kom­men können auf eine aus­kömm­li­che Rente hoffen und zusätz­lich privat vor­sor­gen.

Frauen pro­fi­tie­ren von unserem Ren­ten­sys­tem weit weniger, da ihnen gesell­schaft­lich der Großteil der unbe­zahl­ten Care-Arbeit zufällt. Viele arbeiten deshalb in Teilzeit, in schlecht bezahl­ten, wenn auch gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Berufen oder unter­bre­chen ihre Erwerbs­tä­tig­keit. So ist Alters­ar­mut vor­pro­gram­miert.

Auch die Ehe sichert sie nicht ver­läss­lich ab und bedeutet Abhän­gig­keit. Spä­tes­tens beim Schei­tern einer Ehe tritt diese Benach­tei­li­gung und Abhän­gig­keit offen zutage – die Schei­dungs­quote liegt bei 37 %.

Unge­ach­tet solcher Nach­teile erlebt das tra­di­tio­nelle Rol­len­mo­dell eine Renais­sance. Via Internet machen Influen­ce­rin­nen als „Trad­wi­fes“ jungen Frauen die tra­di­tio­nelle Haus­frau­en­rolle nach Vorbild der 50er-Jahre als Lebens­mo­dell schmack­haft.

Mit Tuto­ri­als zu Koch- und Back­re­zep­ten, Ein­rich­tungs- und Styling-Tipps zu Gar­de­robe und Schminke begeis­tern sie Mil­lio­nen Fol­lo­we­rin­nen.

Dass diese Influen­ce­rin­nen aber Geschäfts­frauen sind, die gespon­sert werden von den Firmen, deren Produkte sie benutzen und mil­lio­nen­fach bewerben oder eigene Produkte ver­mark­ten, ist nicht auf Anhieb offen­sicht­lich. „Tradwife“ ist ein Geschäfts­mo­dell – die Folgen für die finan­zi­elle Absi­che­rung der mit diesem Lebens­mo­dell lieb­äu­geln­den Fol­lo­we­rin­nen werden leider unter­schla­gen.

Femi­nis­ti­sche Posi­tio­nen werden so verdreht, dass selbst­be­stimm­tes Leben seinen höchsten Ausdruck in der Abhän­gig­keit vom erwerbs­tä­ti­gen Partner findet.

Was lässt sich diesem Trend, der die eigen­stän­dige Alters­ab­si­che­rung von Frauen tor­pe­diert, ent­ge­gen­set­zen?

Weder kann das die Ableh­nung der Ehe sein, noch deren Ver­klä­rung. Not­wen­dig ist eine Reform:

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn;
und schuf sie als Mann und Frau“ (Mt 19,4)

Gott schuf Frau und Mann. Beide zu seinem Ebenbild. Das heißt, Gott ist sowohl männlich als auch weiblich. Mann und Frau sind damit einander eben­bür­tig.

Das betrifft nicht nur ihr bio­lo­gi­sches Geschlecht (sex), sondern auch ihr soziales Geschlecht (gender), das – kapi­ta­lis­mus­kon­form – in rein männ­li­che und rein weib­li­che Eigen­schaf­ten auf­ge­teilt und hier­ar­chisch bewertet wurde. Doch all diese Eigen­schaf­ten sind von gleichem Wert und stehen allen Geschlech­tern bis auf die kon­kre­ten bio­lo­gi­schen Unter­schiede zur Ver­fü­gung. Keine Eigen­schaft Gottes ist einer anderen unter­zu­ord­nen!

Die Ehe als echte Part­ner­schaft ohne Abhän­gig­keit ist Spie­gel­bild dieser Einheit. Sie braucht zum Gelingen den gemein­sa­mem Einsatz der Partner: Für bessere Löhne in den (gesell­schaft­lich not­wen­di­gen) Berufen, die über­wie­gend von Frauen ausgeübt werden; garan­tierte Maß­nah­men zur Ver­ein­bar­keit von Familie und Beruf, wie Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen und Ganz­tags­schu­len; gesell­schaft­li­che und betrieb­li­che Akzep­tanz und För­de­rung der Über­nahme von Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten durch Väter und Care-Arbeit durch Männer; und nicht zuletzt Modelle einer all­ge­mei­nen Arbeits­zeit­ver­kür­zung – damit echte Part­ner­schaft keine Utopie und Alters­ar­mut von Frauen keine Realität bleibt.

Martina Spohr, Kirch­li­cher Dienst in der Arbeits­welt im Forum Bildung und Gesell­schaft der Evan­ge­li­schen Kirche von Kur­hes­sen-Waldeck