Pfandflaschen sammeln ist kein Rentenkonzept

Inter­view zum Frau­en­mo­nat März 2023: Der kleine Unter­schied und die großen Folgen. Zum „ Equal Pay Day“ sprachen wir mit Heike Miehe von der Ev. Kirche in Hessen und Nassau. 

Heute ist Equal Pay Day. Was bedeutet dieser Tag?

Der Tag sym­bo­li­siert den durch­schnitt­li­chen Ein­kom­mens­un­ter­schied zwischen berufs­tä­ti­gen voll­zeit­be­schäf­tig­ten Frauen und Männern. Dieser Unter­schied variiert seit Jahren um die 20%.

Es handelt sich hier um einen Durch­schnitts­wert. Wenn also voll­zeit­be­schäf­tigte Frauen im „Durch­schnitt“ 18% weniger Brut­to­stun­den­lohn ver­die­nen als Männer, kann die einzelne Frau davon sehr unter­schied­lich betrof­fen sein. Je nach Branche oder Stellung kann der Lohn­un­ter­schied höher oder nied­ri­ger aus­fal­len.

Auch in anderer Hinsicht bildet dieser soge­nannte Gender Pay Gap das wahre Ausmaß der Ungleich­heit zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeits­markt nur unzu­rei­chend ab. Auf das gesamte Erwerbs­le­ben gerech­net, ver­die­nen Frauen nur etwas mehr als die Hälfte der Erwerbs­ein­kom­men der Männer. Die Lücke in den Lebens­er­werbs­ein­kom­men, der soge­nannte Gender Lifetime Earnings Gap beträgt 45 Prozent in West- und 40 Prozent in Ost­deutsch­land, so eine Studie der Ber­tels­mann Stiftung.

Welche Frauen sind besonders betroffen?

Meist sind es Mütter, die aufgrund der Kin­der­er­zie­hung eine deut­li­che Min­de­rung ihrer Lebens­er­werbs­ein­kom­men haben. Wäh­rend­des­sen nähern sich mitt­ler­weile die Lebens­er­werbs­ein­kom­men der kin­der­lo­sen Frauen denen der Männer an. Auf die Ein­kom­men der Väter hingegen wirken sich Kinder so gut wie gar nicht aus.

Was sind die Folgen?

Frauen, vor allem Allein­er­zie­hende, sind über­pro­por­tio­nal von Armut betrof­fen. Die Armuts­pro­ble­ma­tik besteht nicht nur während der Erwerbs­phase, sondern vor allem auch im Alter, da sich die späteren Renten in Deutsch­land auf das Erwerbs­ein­kom­men beziehen. Bei den Renten liegt der Unter­schied zwischen den Geschlech­tern sogar bei 49%. Das durch­schnitt­li­che Alters­ein­kom­men von Frauen ist nur halb so hoch wie das von Männern. Ein­be­zo­gen sind hier alle drei Säulen der Alters­si­che­rung: Bezüge aus der gesetz­li­chen Ver­si­che­rung, der privaten Vorsorge und der betrieb­li­che Rente.

Die Lage wird sich in den nächsten Jahren zuspit­zen, wenn die Baby­boo­mer-Gene­ra­tion in Rente geht. Eine Studie der Ber­tels­mann Studie zur Alters­ar­mut (2017) kommt zu dem Ergebnis, dass jeder fünfte Neur­ent­ner dieser Gene­ra­tion von Alters­ar­mut bedroht ist.

Bei den Frauen sieht es noch düsterer aus, so ist nahezu jede dritte allein­ste­hende Frau ab 2030 auf Grund­si­che­rung ange­wie­sen.

Wo genau liegt der Hase begraben?

Wir sehen, dass sich die Erwerbs­ver­läufe von Frauen und Männer anglei­chen – bis zu dem Zeit­punkt, an dem Kinder kommen. Dein „Hase“ liegt immer noch dort begraben, wo sich Mütter statt Väter für die Redu­zie­rung oder den zeit­wei­sen Ausstieg ent­schei­den und damit beruf­li­che und finan­zi­elle Einbußen in Kauf nehmen. Je nach beruf­li­cher Qua­li­fi­ka­tion, gibt es dazu Unter­schiede, aber dennoch sind die Ein­schnitte sehr markant.

Gesell­schaft­lich handeln Frauen da sehr klug. Ohne Fami­li­en­ar­beit, Ehrenamt, soziales Enga­ge­ment und soziale Berufe könnten wir nicht über­le­ben. Es gibt viele „Arbeits­be­rei­che“ in unserer Gesell­schaft, die wichtig und sinn­erfül­lend sind. Erwerbs­ar­beit ist nicht alles, das wissen auch die Jüngeren. Aber Erwerbs­ar­beit bestimmt immer noch den sozialen und finan­zi­el­len Status in unserer Gesell­schaft mit der Folge, dass Frauen den Preis dafür bezahlen müssen.

Was müsste sich politisch ändern?

Auch, wenn das Bild vom Allein­er­näh­rer schon lange nicht mehr gilt, setzt das Ehe­gat­ten­split­ting immer noch steu­er­li­che Anreize, Frauen von mehr Erwerbs­ar­beit abzu­hal­ten und in Minijobs zu drängen. Das wiederum ver­fes­tigt den Gender Pay und den Gender Pension Gap. Das Ehe­gat­ten­split­ting müsste abge­schafft werden.

Ange­sichts der Dis­kus­sion um den Fach­kräf­te­man­gel bekommt die Dis­kus­sion nun auch von Seiten der Wirt­schaft neuen Auftrieb, um die Erwerbs­tä­tig­keit der Frauen zu erhöhen.

Darüber hinaus brauchen wir eine Reform des Ren­ten­ge­set­zes.

Der Nor­mal­fall – auch „Eck­rent­ner“ genannt – der 45 Jahre „voll­erwerbs­tä­tig“ war und ein „Durch­schnitts­ein­kom­men“ verdient, exis­tiert schon länger nicht mehr. Dieses Modell traf auf die Lebens­rea­li­tät von vielen Frauen vor allem in West­deutsch­land noch nie zu. Was die Absi­che­rung von Frauen im Alter betrifft, liegt Deutsch­land im inter­na­tio­na­len OECD-Ver­gleich mit an letzter Stelle. Der Unter­schied zwischen Männer- und Frau­en­ren­ten lag 2020 bei durch­schnitt­lich 25,6%. In Deutsch­land ist er also doppelt so hoch! Wir sehen, dass andere Ren­ten­sys­teme Frauen im Alter deutlich weniger dis­kri­mi­nie­ren. Schauen wir z.B. nach Öster­reich, in die Nie­der­lan­den oder nach Skan­di­na­vien sehen wir, dass Frauen dort im Alter deutlich besser abge­si­chert sind.

Mit dem Bündnis „Aktiv gegen Altersarmut“ versucht der kda auch jüngere Frauen anzusprechen, um auf die Problematik hinzuweisen. Warum ist das so schwer?

Für viele ist die Rente ja noch ganz weit weg. Außerdem gibt eine große Unsi­cher­heit, wie es dann später über­haupt mit der gesetz­li­chen Rente sein wird. Diese Mischung ist sehr pro­ble­ma­tisch.

Außerdem müssen viele Menschen zur Zeit aufgrund der stei­gen­den Miet-und Ener­gie­preise schauen, wie sie über die Runden kommen. Für private Vorsorge bleibt da wenig übrig.

Und so setzt sich das Dilemma fort: Die­je­ni­gen, die es sich leisten können, sorgen privat vor. Aber den­je­ni­gen, die beson­ders für später vor­sor­gen müssten, fehlt das Geld zum Sparen.

Wo kann ein kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt da ansetzen?

Es gibt ver­schie­dene Ansätze. Zu den poli­ti­schen Fragen rund um das Thema Rente, Minijobs, gute Arbeit sind wir auch in Bünd­nis­sen aktiv. Auf Ver­an­stal­tun­gen oder mit Kam­pa­gnen weisen wir auf die struk­tu­rel­len Defizite hin. Denn Pfand­fla­schen sammeln ist eben kein Ren­ten­kon­zept.

In soge­nann­ten Spit­zen­ge­sprä­chen der Bischöfe mit Politik, Gewerk­schaf­ten und Wirt­schaft bringen wir diese Themen für die Tages­ord­nung ein.

Auch in unserer Lan­des­kir­che gibt es viele Teil­zeit­be­schäf­tigte, ins­be­son­dere Frauen. Mit internen Fort­bil­dun­gen sen­si­bi­li­sie­ren wir, sich mit dem Thema „Rente und Vorsorge“ zu beschäf­ti­gen. Das wird auch von der Lan­des­kir­che unter­stützt.

Darüber hinaus moti­vie­ren wir gezielt Frauen, ihre finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten selbst in die Hand zu nehmen. Kennt­nisse über Geld­an­la­gen und Vor­sor­ge­mög­lich­kei­ten sind wichtige Vor­aus­set­zun­gen für die finan­zi­elle Sicher­heit und damit Unab­hän­gig­keit. Wir bieten Fort­bil­dungs­mo­dule zum Thema „Frauen und Geld“ an.

 

 

Heike Miehe ist Refe­ren­tin für Arbeit und Soziales im Zentrum Gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung der EKHN. Kontakt: h.miehe@zgv.info; www.zgv.info

Das Gespräch führte Nina Golf.