Andacht – Der ganz normale Wahnsinn – Siehst Du ihn?

22.3.2023 | Der ganz normale Wahnsinn – Siehst Du ihn?

Du bist Gott und siehst mich.

Mitten in der Nacht auf­ste­hen. Das Kind umziehen, das gerade nachts trocken werden will und es nicht immer schafft. Bett neu beziehen. Wieder hinlegen. Über­ra­schend früh vom Wecker um 6 Uhr geweckt werden. Das Kind antrei­ben, weil Trödeln heute nicht drin ist. Mit dem Partner dis­ku­tie­ren, dass die Arbeit gerecht auf­ge­teilt ist, wenn er das Kind umzieht. Mit dem Kind dis­ku­tie­ren, dass es JETZT zur Kita geht, weil du pünkt­lich zur Arbeits­be­spre­chung musst. Ins Büro fahren, mehr oder weniger auf­merk­sam. Auf der Arbeit das E‑Mail-Postfach nach wirklich drin­gen­den Nach­rich­ten prüfen und diese bear­bei­ten. Bei der Bespre­chung mit­den­ken und betei­li­gen.

Zum Glück macht dir deine Arbeit richtig Spaß. Themen finden, die gerade für Menschen in der Arbeits­welt wichtig sind und über­le­gen, wie du die Menschen am besten errei­chen kannst. Kollegen*innen unter­stüt­zen. Mit deinem Zeitplan total hin­ter­her­hin­ken. Länger bleiben geht nicht. Die Kita schließt pünkt­lich. Mit ein bisschen Glück holen heute der Partner oder die Oma das Kind ab.

Dann kaufst du die Dinge ein, die du am Wochen­ende ver­ges­sen hast oder die schon auf­ge­braucht sind. Nach Hause kommen. Ausladen. Kind knuddeln. Ein­räu­men. Mit dem Partner die wich­tigs­ten News aus­tau­schen. Wäsche zusam­men­le­gen. Kita-Kleidung und Früh­stücks­box für den nächsten Tag richten. Deine eigene Kleidung und Lunchbox für den nächsten Tag richten.

Panik bekommen, weil das Kind plötz­lich eine laufende Nase und rote Backen hat, über Bauchweh klagt. Voller Schreck die Kita-Meldung lesen, dass wegen Per­so­nal­man­gel nur der absolute Not­be­trieb möglich ist und sie zwei Stunden früher schlie­ßen.

Kind waschen, Zähne putzen, Schlaf­an­zug anziehen, mit ihm spielen, Buch vorlesen, Licht aus im Kin­der­zim­mer. Eigent­lich noch Rech­nun­gen bezahlen, eine Geburts­tags­karte schrei­ben oder kurz Rücken­übun­gen machen wollen, aber dann doch auf der Couch zusam­men­rol­len und den Fern­se­her anschal­ten. Ins Bett gehen. Ein­schla­fen. Auf­wa­chen und zum Kind gehen, weil es einen Alptraum hat. Wieder hinlegen und ein­schla­fen.

Repeat.

Klingt anstren­gend. Ist es auch.

Per­ma­nent zu funk­tio­nie­ren geht aber nicht. Mentale und kör­per­li­che Erschöp­fung ist die Folge. Deshalb dürfen wir berufs­tä­ti­gen Eltern auch mal etwas ver­ges­sen. Deshalb ist ein Zahn­pasta-Fleck auf der Kleidung auch kein Zeichen von Ver­wahr­lo­sung, sondern von gesunder Prio­ri­sie­rung. Ein „Nein“ kann Selbst­für­sorge sein. Nicht jede*r sieht, welche Arbeit berufs­tä­tige Eltern, ganz beson­ders Mütter, leisten und welchen Spagat wir hinlegen müssen. Ständig bewertet zu werden, aber nicht alle Erwar­tun­gen erfüllen zu können.

Aber Gott sieht mich. Mich und meine Arbeit. Und ich bin gut so, wie ich bin.

Ein schöner Gedanke.

 

Silke Scheidel ist Refe­ren­tin für Arbeits­welt und Politik der Evan­ge­li­schen Arbeits­stelle Bildung und Gesell­schaft. Mail: silke.scheidel@evkirchepfalz.de

Foto­col­lage: Bilder von Nadja Donauer und Gerd Altmann auf Pixabay

 

Dies ist eine Andacht zum Frauenmonat März 2023 mit dem Schwerpunkt: „Gott sieht mich und meine Arbeit“.

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