Einst zogen die Bäume los. Sie wollten einen König über sich salben.
Also sagten sie zum Olivenbaum: »Sei du unser Herrscher!«
Doch der Olivenbaum antwortete ihnen:
»Soll ich denn keine Oliven mehr hervorbringen? Mit ihrem Öl werden Götter und Menschen geehrt. Nein, ich will nicht über den Bäumen schweben!«
Da sagten die Bäume zum Feigenbaum:
»Auf, sei du unser Herrscher!«
Doch der Feigenbaum antwortete ihnen:
»Soll ich denn keine Feigen mehr hervorbringen? Die Früchte sind süß und schmecken köstlich. Nein, ich will nicht über den Bäumen schweben!«
Da sagten die Bäume zum Weinstock: »Auf, sei du unser Herrscher!«
Doch der Weinstock antwortete ihnen:
»Soll ich denn keine Trauben mehr hervorbringen? Mit ihrem Saft werden Götter und Menschen erfreut. Nein, ich will nicht über den Bäumen schweben!«
Schließlich sagten alle Bäume zum Dornbusch: »Auf, sei du unser Herrscher!«
Da antwortete der Dornbusch den Bäumen:
»Ist das euer Ernst? Wollt ihr mich wirklich zum König über euch salben? Dann kommt und sucht Schutz in meinem Schatten! Sonst soll Feuer von meinen Dornen ausgehen und die Zedern vom Libanon fressen!«
(Basisbibel, Richter 9,8 ff)
Eine Fabel, die von der Wahl eines Königs erzählt, der am Ende Unheil über das Land bringen wird.
Aber warum, frage ich mich, kam es dazu, dass ausgerechnet der Dornbusch König wurde? Wie kommt es, dass gerade die Besten nicht kandidieren, als sie gefragt werden König oder vor allem Königin zu werden. Die, die so viel zu bieten haben: Öl und Feigen und Wein.
Das kommt mir so bekannt vor:
„Danke, dass ihr mich fragt, aber ich kann doch nicht meine Kinder alleine lassen … muss meine alten Eltern versorgen … fühle mich dem nicht gewachsen …“.
Dabei geben sich die Bäume wirklich Mühe. »Auf, sei du unser Herrscher!« rufen sie.
Das ist ja ein richtiges Anfeuern: „Auf – mach Du das!“
Die Bäume sind überzeugt: „Du kannst das!“
Doch es nützt alles nichts. Sie bekommen nicht die Königin, die sie sich wünschen. Ihre Kandidatinnen lehnen die Kandidatur ab. Jede sagt mit ihrer ganz eigenen Begründung:
„Nein ich will nicht!“
Und so bleibt den Bäumen nichts übrig als ausgerechnet den Dornbusch, der ja nun gar nicht dazu taugt, zum König zu machen.
Ich kann schon ein bisschen verstehen warum die drei tollen Bäume „Nein, ich will nicht!“ sagen. Mir stößt dieses „Mach doch!“ auf. Dieses Ausrufezeichen. Vielleicht geht Empowerment anders.
Wie wäre es denn mit einer Frage.
„Wie können wir dich unterstützen, damit Du unsere Königin werden kannst?“
Das wäre doch eine gute Frage, von uns Männern an Frauen zum Beispiel. Damit am Ende die Besten sagen „Mach ich“ und tatsächlich auch Königin werden können.
Christian Dittmar, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
