2. Mose 3,7
„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen.“
Sehen, wirklich sehen, ist der Anfang von Veränderung. Und doch bleiben viele Formen von Leid unsichtbar. Dazu gehört auch die prekäre Arbeit, die besonders viele Frauen betrifft.
Prekäre Arbeit bedeutet Unsicherheit: befristete Verträge, niedrige Löhne, fehlende soziale Absicherung, Arbeit auf Abruf. Sie bedeutet ständige Sorge: Reicht es bis zum Monatsende? Was passiert, wenn ich krank werde? Wer kümmert sich um die Kinder, wenn die Schichtzeiten wechseln? Für viele Frauen ist diese Unsicherheit kein Ausnahmezustand, sondern Alltag.
Frauen arbeiten überdurchschnittlich oft in Bereichen, die gesellschaftlich als „selbstverständlich“ gelten: Pflege, Reinigung, Verkauf, Betreuung. Tätigkeiten, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde und die doch häufig schlecht bezahlt, wenig anerkannt und körperlich wie seelisch belastend sind. Hinzu kommt, dass Frauen oft zusätzlich unbezahlte Arbeit leisten: Sorgearbeit in Familien, Pflege von Angehörigen, emotionale Verantwortung. Vieles davon bleibt unsichtbar, so wie die Frauen selbst oft übersehen werden.
In der Bibel begegnen uns immer wieder Frauen, die am Rand stehen:
Die Samariterin am Brunnen, Joh 4, 1-42;
die Frau mit den Blutungen, Mt 9,22;
Maria von Magdala.
Jesus sieht sie. Er hört ihnen zu. Er stellt ihre Würde wieder her. Gottes Blick bleibt nicht an Macht und Status hängen, sondern ruht auf denen, die sonst übersehen werden. Das ist tröstlich und zugleich herausfordernd.
Diese Geschichten sind nicht nur eine Zusage, sondern auch ein Auftrag. Wo wir als Gesellschaft hinnehmen, dass Arbeit unsicher macht statt Leben zu ermöglichen, entfernen wir uns von der Vision eines gerechten Miteinanders. Wo Frauen in Abhängigkeit gehalten werden, weil ihre Arbeit geringgeschätzt wird, wird Würde verletzt.
Das alles lädt nicht nur zum Nachdenken ein, sondern zum Innehalten. Vielleicht ist heute ein Moment, in dem wir fragen: Wen übersehe ich? Wessen Arbeit nehme ich als selbstverständlich hin? Wo profitiere ich selbst von Strukturen, die andere belasten? Und was kann ich tun, im Kleinen, im Großen, um zu mehr Gerechtigkeit beizutragen?
Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit. Ein Gott, der hört, wenn Menschen rufen. Ein Gott, der nicht wegschaut.
Möge diese Gewissheit Frauen stärken, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben. Möge sie uns sensibel machen für ihre Realität. Und möge sie uns den Mut geben, für eine Welt einzustehen, in der Arbeit nicht ausbeutet, sondern zum Leben beiträgt.
Beate Schulte, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg
