Wortmeldung März 2026: Vom Wort Gottes – Wirken und Werkzeuge

„Ich werde euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben.“ (Ez 36,26)

Als junger Student las ich in Spektrum der Wis­sen­schaft einen Artikel, in dem die These ver­tre­ten wurde, die Visionen des Pro­phe­ten Hesekiel ließen sich auch als neu­ro­lo­gi­sche oder psy­chi­sche Erkran­kung deuten. Damit gerieten mein natur­wis­sen­schaft­li­ches und mein reli­giö­ses Denken, das ich gewöhn­lich gut von­ein­an­der trennen kann, in Konflikt. Die tran­szen­den­ten Erfah­run­gen der bibli­schen Pro­phe­ten kann ich glauben oder auch ver­wer­fen. Doch was folgt daraus, wenn schein­bar schlüs­sige natur­wis­sen­schaft­li­che Erklä­run­gen vor­lie­gen?

Ich suchte das Gespräch mit der größten Auto­ri­tät meines per­sön­li­chen Umfelds für solche Fragen, dem Theo­lo­gen Prof. Wilhelm Fahl­busch. Seine Antwort habe ich nie ver­ges­sen. Er stellte die einfache, aber weit­rei­chende Frage: „Was lässt uns annehmen, dass Gott nur durch die Gesunden zu uns spricht?“

Diese Frage führte zu einer grund­le­gen­den Erkennt­nis: Gott kann durch alle Elemente seiner Schöp­fung zu uns sprechen. Immanuel Kant bringt diese Weite reli­giö­ser Erfah­rung auf den Punkt, wenn er vom „bestirn­ten Himmel über mir und dem mora­li­schen Gesetz in mir“ spricht.

Diese Erkennt­nis ist grund­le­gend: Gott bedient sich seiner gesamten Schöp­fung, um uns zu berühren. In der Bibel sind es oft gerade die Schwa­chen, Kranken oder Über­for­der­ten, die zu Trägern gött­li­cher Bot­schaft werden – von Mose über Elia bis Paulus. Gottes Handeln wider­spricht mensch­li­chen Maß­stä­ben von Stärke und Leis­tungs­fä­hig­keit: Gott wird in den Schwa­chen mächtig (2. Kor 12,9).

Kann Gott also auch durch KI wirken? Wenn Gott durch Menschen spricht, kann er auch die KI als Werkzeug nutzen. Seel­sorge ist theo­lo­gisch nicht durch das Medium bestimmt, sondern durch ihren Ursprung: Sie ist Dienst am Menschen im Auftrag Gottes. Bereits Martin Luther betonte, dass Gottes Wirken an das „äußer­li­che Wort“ gebunden ist, das uns von außen begegnen muss – ob mündlich, schrift­lich oder tech­nisch ver­mit­telt.

In der Praxis zeigt sich inzwi­schen, dass KI-basierte Systeme struk­tu­rierte und sprach­lich sensible Gesprä­che führen können, die von manchen gläu­bi­gen Menschen als hilf­reich erlebt werden. Zuge­spitzt gefragt: Warum sollte KI – ver­gleich­bar mit Büchern, Pre­dig­ten oder Filmen – nicht eben­falls „eine Leiter“ zu Gott sein?

Gleich­zei­tig ist größte Vorsicht geboten. Fehlende genuine Empathie, intrans­pa­rente Daten­quel­len und die Gefahr funk­tio­na­ler Ver­kür­zun­gen machen deutlich: KI kann mensch­li­che Seel­sorge nicht ersetzen, sondern allen­falls ergänzen. Beson­ders jede Form von Heils­er­war­tung, die sich auf die KI selbst richtet, ist ent­schie­den abzu­leh­nen!

Gerade deshalb ist die Kirche gefor­dert, diesen neuen Bereich von Seel­sorge und Ver­kün­di­gung kritisch, ver­ant­wor­tungs­voll und theo­lo­gisch reflek­tiert zu beglei­ten.

Dr. Karl Teille, Referent Evan­ge­li­sche Agentur Arbeit und Wirt­schaft, karl.teille@evlka.de