Wortmeldung September 2026: Der blinde Fleck

Blinde Flecken haben eine unan­ge­nehme Eigen­schaft: Man sieht sie nicht, obwohl sie direkt vor den Augen liegen.

Als Reichs­kanz­ler Bismarck Ende des 19. Jahr­hun­derts die ersten Sozi­al­ver­si­che­run­gen ein­führte, war Deutsch­land weltweit ein Vor­rei­ter. Unser Sozi­al­staat gilt bis heute zu Recht als eine der großen Errun­gen­schaf­ten der Moderne.

Doch der frühe Sozi­al­staat spie­gelte die gesell­schaft­li­che Ordnung seiner Zeit wider. Wohl­ha­bende waren durch Vermögen abge­si­chert, Beamte und Mili­tär­an­ge­hö­rige ver­füg­ten über eigene Ver­sor­gungs­sys­teme, Fach­ar­bei­ter erhiel­ten Ver­si­che­rungs­an­sprü­che aus ihrer Erwerbs­tä­tig­keit. Frauen kamen dagegen vor allem als Ehe­frauen und Ange­hö­rige vor – nicht als eigen­stän­dig Erwerbs­tä­tige mit eigenen sozialen Ansprü­chen. So wurden bestehende Ungleich­hei­ten der dama­li­gen Klas­sen­ge­sell­schaft in den Sozi­al­staat ein­ge­schrie­ben.

Heute begegnen uns wei­ter­hin unver­än­der­lich schei­nende Sta­tis­ti­ken zu Lohn­lü­cke und Alters­ar­mut von Frauen – obwohl Frauen Unter­neh­men gründen, Füh­rungs­ver­ant­wor­tung über­neh­men und wesent­lich zum Fami­li­en­ein­kom­men bei­tra­gen. Ihre finan­zi­elle Ver­wund­bar­keit reicht jedoch tiefer: Mut­ter­schaft kann Kar­rie­ren bremsen, Pfle­ge­ver­ant­wor­tung führt häufig zu Erwerbs­un­ter­bre­chun­gen, medi­zi­ni­sche Benach­tei­li­gun­gen und die höhere Lebens­er­war­tung erhöhen finan­zi­elle Risiken im eigenen Pfle­ge­al­ter. Und wenn Part­ner­schaf­ten gewalt­voll oder toxisch werden, kann finan­zi­elle Unab­hän­gig­keit lebens­ret­tend sein. Finan­zi­el­les Empower­ment ist deshalb weit mehr als ein Trend.

Die bibli­sche Tra­di­tion misst die Gemein­schaft gerade daran, wie sie mit den­je­ni­gen umgeht, deren Lebens­rea­li­tä­ten leicht über­se­hen werden:

„Öffne deinen Mund für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31,8) fordert die Bibel.

Zu unserem dies­jäh­ri­gen Bußtags-Talk möchten wir mit Ihnen über Lücken in der finan­zi­el­len Absi­che­rung von Frauen ins Gespräch kommen. Eine Refe­ren­tin wird berich­ten, warum sie sich für den Mut­ter­schutz auch für Selbst­stän­dige enga­giert. Denn wer ein Unter­neh­men führt oder frei­be­ruf­lich arbeitet, steht bei einer Schwan­ger­schaft oft vor exis­ten­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen: Aufträge, laufende Kosten und Ver­ant­wor­tung lassen sich nicht einfach pau­sie­ren.

Viele frau­en­spe­zi­fi­sche Risiken haben einen gemein­sa­men Nenner: Care-Arbeit. Zwar lebt jede Gesell­schaft davon, dass Menschen Kinder bekommen und erziehen, Ange­hö­rige pflegen und wir Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der über­neh­men. Ohne diese meist unbe­zahlte Sor­ge­ar­beit gäbe es weder Wirt­schaft noch soziale Siche­rungs­sys­teme. Doch die damit ver­bun­de­nen Risiken gelten vielfach noch immer als Pri­vat­sa­che – mit Folgen vor allem für Frauen.

Der eigent­li­che blinde Fleck unseres Sozi­al­staats liegt für mich deshalb im unter­schied­li­chen Wert, den wir ver­schie­de­nen Formen von Arbeit bei­mes­sen.

Annelies Bruhne, Refe­ren­tin Evan­ge­li­sche Agentur Arbeit und Wirt­schaft, annelies.bruhne@evlka.de

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