Wortmeldung April 2024: Sozialer Wohnungsbau heute – ein Armutszeugnis

Zu diesem Thema schreibt Torsten Windels, Ökonom und Koor­di­na­tor der Keynes-Gesell­schaft in der Regio­nal­gruppe Nord, dieses:

Ver­spro­chen wurde viel. Die Bun­des­re­gie­rung will jährlich 400.000 neue Woh­nun­gen schaffen (lassen). Davon 100.000 Sozi­al­woh­nun­gen. 2023 wurden vor­aus­sicht­lich aber nur 250.000 Woh­nun­gen neu gebaut. Tendenz: weiter sinkend. Noch schlech­ter sieht es beim Neubau von Sozi­al­woh­nun­gen aus. Ende der 80er Jahre gab es in Deutsch­land noch vier Mil­lio­nen Sozi­al­woh­nun­gen. Dies ent­sprach einem Viertel der Miet­woh­nun­gen. Aktuell läuft der Bestand Richtung 1 Mio. (weniger als 5% der Miet­woh­nun­gen). Trotz viel­fäl­ti­ger ‚Bemühungen‘ hat sich im sozialen Woh­nungs­bau wenig geändert. Die Zahl der aus der Sozi­al­bin­dung her­aus­fal­len­den Woh­nun­gen bleibt in Deutsch­land größer als die Zahl neu hin­zu­kom­men­der Sozi­al­woh­nun­gen. Ins­be­son­dere die Abschaf­fung der Wohnungsgemeinnützigkeit in Deutsch­land 1990 hat zu einer Abkehr vieler Woh­nungs­un­ter­neh­men von der Errich­tung und der dau­er­haf­ten Bereit­stel­lung von günstigen Miet­woh­nun­gen geführt. Gleich­zei­tig wurden sei­ner­zeit große Woh­nungs­be­stände von Ländern und Kommunen pri­va­ti­siert. Gewinn­ori­en­tie­rung und pri­va­ti­sierte Miet­woh­nungs­märkte sollten die Wohnungsbedürfnisse befrie­di­gen. Dies war ein Irrtum. Woh­nungs­man­gel und dras­tisch gestie­gene Bau­kos­ten und Boden­preise treiben die Mieten. Zudem schafft die Miet­wohn­raum­för­de­rung keine dau­er­haf­ten Sozi­al­woh­nun­gen, sondern bindet sie nur für eine bestimmte Dauer. Danach fallen die geför­der­ten Woh­nun­gen den Eigentümern ohne Auflagen zu. Statt öffent­li­ches Vermögen mit Steu­er­mit­teln zu schaffen, fördert die Politik letzt­lich private Ver­mö­gens­bil­dung und muss nach Aus­lau­fen der Bin­dungs­fris­ten wieder von vorne anfangen. Nie­der­sach­sen hat immerhin zum Jah­res­be­ginn 2024 mit der ‚Wohnraum Nie­der­sach­sen‘ eine lan­des­ei­gene Woh­nungs­ge­sell­schaft gegründet und meldet sich als Akteur im Woh­nungs­bau zurück. Hof­fent­lich tut sich jetzt was im sozialen Woh­nungs­bau. Bleiben wir kritisch, aber opti­mis­tisch.

Kirch­li­cher­seits hat sich auch die Diakonie der Pro­ble­ma­tik ange­nom­men, wie aus dem ergän­zen­den Beitrag von Dia­ko­nie­pas­tor Fried­helm Feldkamp her­vor­geht: Natürlich ist das Ziel: „ange­mes­sene Wohn­raum­ver­sor­gung“ Grund­lage, aus­ufern­der, zuneh­men­der Woh­nungs­lo­sig­keit zu begegnen. Dafür kämpft die Dia­ko­ni­sches Werk Hannover gGmbH an vielen Stellen als Lob­by­is­tin derer, die den Her­aus­for­de­run­gen aus den unter­schied­lichs­ten Gründen nicht gerecht werden können und denen Abglei­ten in soziale Härten und Woh­nungs­lo­sig­keit droht oder wohnungs- bzw. obdach­los sind. Auf dem Weg dahin gewähr­leis­ten wir eine Vielzahl per­spek­ti­visch auf­ein­an­der abge­stimm­ter Hil­fe­sys­teme, die Sorge tragen, dass Menschen Woh­nungs­lo­sig­keit bes­ten­falls erspart bleibt oder durch Bera­tungs- und medi­zi­ni­sche Angebote oder mit kon­kre­ten, wohn­be­glei­ten­den Ange­bo­ten wie der ‚Sozialen Wohn­raum­hilfe‘ mit 300 Woh­nun­gen in der Lan­des­haupt­stadt im Bestand oder dem Housing-First die Teilhabe am Men­schen­recht „Wohnen“ wieder und segens­reich ermög­li­chen.

Torsten Windels, Ökonom und Koor­di­na­tor der Regio­nal­gruppe Nord der Keynes-Gesell­schaft, macht in seinem Beitrag deutlich, welche gra­vie­ren­den Folgen der starke Rückgang des Sozialen Woh­nungs­baus für Menschen hat, die auf bezahl­ba­ren Wohnraum ange­wie­sen sind. Er nimmt die Ver­ant­wort­li­chen in die Pflicht, diesem Miss­stand abzu­hel­fen und benennt Erfolg ver­spre­chende Initia­ti­ven in Nie­der­sach­sen.

Ein Beitrag von Frank Water­straat, Pastor und Referent im KDA der ev.-luth. Lan­des­kir­che Han­no­vers

Die Wort­mel­dung können Sie hier als PDF her­un­ter­la­den.