Rückblick: Eine inspirierende Bundestagung Handwerk und Kirche

Zwischen Tradition, Technik und Theologie

Vom 21. bis 23. November 2025 trafen sich Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus Kirche, Handwerk und Wis­sen­schaft in Osna­brück zur Bun­des­ta­gung der Arbeits­ge­mein­schaft Handwerk und Kirche. Unter dem Leit­mo­tiv „Handwerk und Künst­li­che Intel­li­genz – Chancen und Her­aus­for­de­run­gen“ widmete sich die Tagung den aktu­el­len Fragen an der Schnitt­stelle zwischen tech­no­lo­gi­scher Inno­va­tion und ethi­scher Ver­ant­wor­tung.

„Ersetzt KI das Handwerk? Nein. Handwerk bleibt Handwerk – aber KI kann es unterstützen.“ Meike Lotze-Franke, Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk Landesverband Niedersachsen.

Auftakt im InnovationsCentrum Osnabrück

Bereits am Frei­tag­mit­tag begrüß­ten Regio­nal­bi­schof Fried­rich Selter, theo­lo­gi­scher Vor­sit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft Handwerk und Kirche und Regio­nal­bi­schof im Sprengel Osna­brück, und Sven Rusch­haupt, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Hand­werks­kam­mer Osna­brück-Emsland-Graf­schaft Bentheim, die Teil­neh­men­den im Inno­va­ti­ons­Cen­trum Osnabrück.Der Fachtag startete mit einem Impuls­vor­trag von Prof. Dr. Joachim Hertz­berg, der mit seinem Beitrag „Nicht alles stimmt, was geschrie­ben steht“ zentrale Fragen zur Zuver­läs­sig­keit und Ver­ant­wor­tung von Künst­li­cher Intel­li­genz aufwarf.

Der Impuls­vor­trag von Prof. Hertz­berg zeigte ein­drucks­voll, wie rasant sich der KI-Markt ent­wi­ckelt und welche Dynamik hinter aktu­el­len Anwen­dun­gen steckt. Neben eta­blier­ten Berei­chen wie Service-Robotik, Navi­ga­tion, Sprach­as­sis­tenz und Gesichts­er­ken­nung wuchs zuletzt vor allem die gene­ra­tive KI weit stärker als lange pro­gnos­ti­ziert. Zugleich ver­deut­lichte Hertz­berg die energie- und res­sour­cen­in­ten­si­ven Her­aus­for­de­run­gen der Tech­no­lo­gie: Rechen­zen­tren könnten bis 2030 einen Strom­be­darf von bis zu 1000 Tera­watt­stun­den errei­chen – mehr als das Doppelte des heutigen deut­schen Jah­res­ver­brauchs. Dennoch arbeitet die For­schung intensiv an Effi­zi­enz­ge­win­nen, neuen Hard­ware­ge­ne­ra­tio­nen und inno­va­ti­ven Kon­zep­ten wie Abwär­me­nut­zung. Die Ent­wick­lung folgt dem bekann­ten Gartner-Hype-Zyklus: Auf über­zo­gene Erwar­tun­gen und aktuelle Ernüch­te­rung wird eine Phase rea­lis­ti­scher Ein­schät­zung und nach­hal­ti­ger Pro­duk­ti­vi­tät folgen.

Im zweiten Schwer­punkt betonte Hertz­berg, dass KI längst eine Basis­tech­no­lo­gie im Alltag geworden ist – von Emp­feh­lungs­sys­te­men bis zur Sprach­er­ken­nung – und zuneh­mend auch in Unter­neh­men Einsatz findet, etwa im Kun­den­kon­takt- oder Wis­sens­ma­nage­ment. Gleich­zei­tig zeigte er die Grenzen großer Sprach­mo­delle auf: Sie liefern sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­kei­ten statt Wahr­hei­ten und spiegeln nur das wider, was im Training aus­rei­chend ver­tre­ten war.

Foto: ©Brigitte Neuhaus, Sprengel Osna­brück

Fazit: KI liefert nicht Wahrheit, sondern Statistik – ihre Antworten basieren auf den Häufigkeiten der Trainingsdaten.

In den anschlie­ßen­den Arbeits­grup­pen wurde das Thema aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven beleuch­tet – von ethi­schen Fragen (Dr. Karl Teille) über tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen und Anwen­dun­gen im Handwerk (Peter Beckmann, Markus Kybart) bis hin zu kon­kre­ten Ein­satz­mög­lich­kei­ten von KI in Betrie­ben (Sascha Dömer, LMIS AG).

Das abschlie­ßende Plenum bot Gele­gen­heit, die viel­fäl­ti­gen Ein­drü­cke zusam­men­zu­füh­ren – mode­riert von Kerstin Albers-Joram und Meike Lotze-Franke. Beim gemein­sa­men Abend­essen in der Osna­brü­cker Lager­halle klang der erste Tag in ange­reg­ten Gesprä­chen aus.

Foto: ©Brigitte Neuhaus, Sprengel Osna­brück

Einblicke in Forschung und Praxis

Der Samstag stand ganz im Zeichen des Dialogs zwischen Kirche, Wis­sen­schaft und Wirt­schaft. Im Ring­lok­schup­pen und im Cop­pen­rath INNOVATION CENTRE erhiel­ten die Teil­neh­men­den span­nende Ein­bli­cke in aktuelle KI-For­schungs­pro­jekte, unter anderem vom Deut­schen For­schungs­zen­trum für Künst­li­che Intel­li­genz (DFKI), Agrotech-Valley Forum e.V. und der LMIS AG.

Beson­de­res Inter­esse galt dem Projekt „Auto­werk­statt 4.0“, vor­ge­stellt von Dr. Alex­an­der Sung, das exem­pla­risch zeigt, wie KI in der tech­ni­schen Diagnose ein­ge­setzt werden kann.

Anschlie­ßend erhiel­ten wir den Einblick in die Arbeits­welt der LMIS AG. Sascha Döhmer stellte nicht nur die viel­fäl­ti­gen KI-Projekte des Unter­neh­mens vor, sondern gab auch einen Eindruck von der modernen Unter­neh­mens­kul­tur: 65 Mit­ar­bei­tende, 16 Büro­hunde und ein 3:2‑Modell – drei Tage Home­of­fice, zwei Tage Präsenz – prägen den Arbeits­all­tag in den Osna­brü­cker Räum­lich­kei­ten. Diese offene, flexible und zugleich hoch­pro­fes­sio­nelle Arbeits­weise beein­druckte viele Teil­neh­mende und zeigte, wie zukunfts­ori­en­tierte Struk­tu­ren in der digi­ta­len Wirt­schaft gestal­tet werden können.

Am Nach­mit­tag öffnete sich die Per­spek­tive: Bei einem Stadt­rund­gang durch die his­to­ri­sche Innen­stadt Osna­brücks erkun­de­ten die Teil­neh­men­den zwei zentrale kirch­li­che Orte. Fried­rich Selter führte durch den Dom und gab anschlie­ßend einen Einblick in die Geschichte und Bedeu­tung der St.-Marien-Kirche. Danach stand der Nach­mit­tag zur freien Ver­fü­gung.

Den geist­li­chen Abschluss des Tages bildete der Wochen­schluss­got­tes­dienst in St. Marien, gestal­tet von Regio­nal­bi­schof Fried­rich Selter.

Im Rahmen des Got­tes­diens­tes wurden zudem die Luther-Rosen an Thomas Queck, Erich Schuh und Heinz Lachmann ver­lie­hen – als Zeichen der Wert­schät­zung für ihr über 25-jähriges Enga­ge­ment an der Schnitt­stelle von Kirche und Handwerk. Die Aus­zeich­nung würdigte ihren lang­jäh­ri­gen Einsatz für gelebten Glauben im beruf­li­chen Alltag und ihre bestän­dige Arbeit an der Ver­bin­dung von Tra­di­tion und Inno­va­tion im Handwerk.

Der Abend klang in gesel­li­ger Runde im Wohn­stift am Wes­ter­berg aus.

Delegiertenversammlung und Ausblick

Der Sonntag begann mit einem geist­li­chen Impuls von Fried­rich Selter, der die Teil­neh­men­den mit einem Wort in den Tag ein­stimmte. Anschlie­ßend lud eine Fishbowl-Runde zur offenen Rück­mel­dung über die Bun­des­ta­gung ein: Gefällt euch das Format? Was wünscht ihr euch für 2026? In einer leb­haf­ten und kon­struk­ti­ven Dis­kus­sion wurde deutlich, wie sehr die Tagung erneut geschätzt wurde. Das Thema Künst­li­che Intel­li­genz wurde als hoch­re­le­vant und spannend wahr­ge­nom­men – auch wenn es im Ver­gleich zum letzt­jäh­ri­gen Besuch der Glo­cken­gie­ße­rei weniger unmit­tel­bar greifbar war.

Im zweiten Teil der Ver­samm­lung stellten die Dele­gier­ten die High­lights aus ihren jewei­li­gen Lan­des­kir­chen des Jahres 2025 vor. Die Vielfalt der Beiträge reichte von platt­deut­schen Hand­wer­ker-Got­tes­diens­ten bis hin zu Ver­an­stal­tun­gen zum Kul­tur­wan­del in der Arbeits­welt. Die Berichte zeigten ein­drucks­voll, wie kreativ und enga­giert Kirche und Handwerk in den Regionen zusam­men­ar­bei­ten und wie dif­fe­ren­ziert die Themen auf­ge­grif­fen werden.

Fazit

Die Tagung machte deutlich: Künst­li­che Intel­li­genz braucht mensch­li­che Intel­li­genz. Mehr noch – sie fordert sie heraus. Immer wieder stellte sich die Frage, was KI mit uns als Gesell­schaft macht und wie wir die digitale Trans­for­ma­tion ethisch beglei­ten können. Als Kirche, als Handwerk, als Menschen tragen wir Ver­ant­wor­tung dafür, wie Tech­no­lo­gie gestal­tet, ein­ge­setzt und begrenzt wird.

Deutlich wurde auch: KI steht noch ganz am Anfang. Niemand weiß genau, was danach kommt – und dieses „Nicht­wis­sen“ erzeugt bei vielen ein zwie­späl­ti­ges Gefühl.

„Wir sind das Bauchgefühl der Gesellschaft – und Handwerkerinnen und Handwerker haben in der Regel ein gutes Bauchgefühl. Und genau das brauchen wir.“ Thomas Queck, Maurermeister und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche.

Klar ist jedoch: KI kann nur das ver­ar­bei­ten, was wir ihr an Daten zur Ver­fü­gung stellen. Sie arbeitet mit dem, was wir ein­spei­sen – und pro­du­ziert im Regel­fall Durch­schnitt, Mit­tel­maß, es sei denn, sie wird gezielt auf Spit­zen­leis­tun­gen hin pro­gram­miert. Das macht kri­ti­sches Prüfen unver­zicht­bar. So gehen die Teil­neh­men­den mit gemisch­ten Gefühlen nach Hause: fas­zi­niert von den Mög­lich­kei­ten, nach­denk­lich über die offenen Fragen – und zugleich inspi­riert, neue Wege ein­zu­schla­gen und die Zukunft der Digi­ta­li­sie­rung ver­ant­wor­tungs­voll mit­zu­ge­stal­ten.

Ein Beitrag von Angela Haubrich, KWA Öffent­lich­keits­ar­beit, a.haubrich@kwa-ekd.de

 

Fotos: KWA und Brigitte Neuhaus, Sprengel Osna­brück