Haben Sie auch einen großen Kleiderschrank mit mehreren Türen? Meinen habe ich kürzlich neu sortiert. Lieblingsteile nach links, Alltagskleidung nach rechts, so war es bislang. Denn Mode erzählt Geschichten. Unsere eigenen, wo wir sie gekauft haben, zu welchen Anlässen wir sie tragen, wie lange sie uns schon begleitet. Aber auch andere, von Designer*innen, von Kulturen, aus denen Schnitte und Stoffe stammen.
Die globale Modeindustrie ist allerdings wenig romantisch. Häufig folgt sie einer linearen Logik: produzieren, konsumieren, entsorgen. Fast Fashion prägt den Markt, jährlich kaufen die Deutschen durchschnittlich rund 60 Kleidungsstücke, der daraus entstehende Textilmüll wird auf ca. 175.000 Tonnen geschätzt. Existenzsichernde Löhne und sichere Arbeitsbedingungen entlang der Lieferketten sind auch 13 Jahre nach der Brandkatastrophe von der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch längst nicht etabliert.
Die europäische Textilindustrie dagegen erschließt sich entlang zunehmender Regulierung und Innovationsförderung neue Perspektiven. Denn kaum ein Sektor eignet sich trotz hoher internationaler Verflechtung und kleinteiliger Strukturen so gut für eine Umstellung auf Kreislaufwirtschaft.
Wie regionale Kreisläufe aussehen können, zeigen drei Beispiele: Die Wolle der Heidschnucken- bzw. Pommernschafe galt lange als Abfall, als zu grob und aufwendig zu verarbeiten. Jetzt kooperieren ein Schäfer aus Schneverdingen und ein Startup aus Rostock auf ihre jeweils eigene Art mit verbliebenen Spinnereien und Webereien, um mit verschiedenen Techniken Wollgarne und daraus moderne und langlebige Kollektionen zu entwickeln – und verbinden so Landwirtschaft, Handwerk und Konsum neu.
In Hannover zeigt der kirchlich-diakonische Secondhand-Conceptstore edelKreis, wie Mode Teil eines solidarischen Kreislaufs wird, der auch neue Käufergruppen anzieht. Erlöse aus gespendeter hochwertiger Kleidung unterstützen hier diakonische Projekte.
Alternativen zur Wegwerfmode bieten vielerorts auch junge nachhaltige Label, die in die guten Lagen der Innenstädte rücken. Die studentische Initiative Fairo Moda an der Uni Osnabrück informiert mit dem Better Fashion Guide über die nachhaltige Modeszene vor Ort, betreibt einen eigenen Kleiderverleih und erweitert durch Lehrmodule die universitäre Ausbildung.
Diese Beispiele sind ein Beitrag des biblischen Auftrags zur Bewahrung der Schöpfung ebenso wie das einer gerechten Wirtschaft. Mode kann wirtschaftliche, ökologische und ethische Perspektiven vereinen und für eine Wirtschaft stehen, die dem Menschen dient.
Und mein Kleiderschrank? Links liegt nun die Kleidung, die mir Geschichten dieser Art erzählt und so zu Lieblingsteilen werden. Rechts die, bei denen ich noch unsicher bin. Vielleicht reicht irgendwann ein eintüriger, kleinerer Schrank – mit dem ich wirklich zufrieden bin.
Die Wortmeldung als PDF zum Download.
Annelies Bruhne, Referentin Evangelische Agentur Arbeit und Wirtschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, annelies.bruhne@evlka.de
