Blinde Flecken haben eine unangenehme Eigenschaft: Man sieht sie nicht, obwohl sie direkt vor den Augen liegen.
Als Reichskanzler Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Sozialversicherungen einführte, war Deutschland weltweit ein Vorreiter. Unser Sozialstaat gilt bis heute zu Recht als eine der großen Errungenschaften der Moderne.
Doch der frühe Sozialstaat spiegelte die gesellschaftliche Ordnung seiner Zeit wider. Wohlhabende waren durch Vermögen abgesichert, Beamte und Militärangehörige verfügten über eigene Versorgungssysteme, Facharbeiter erhielten Versicherungsansprüche aus ihrer Erwerbstätigkeit. Frauen kamen dagegen vor allem als Ehefrauen und Angehörige vor – nicht als eigenständig Erwerbstätige mit eigenen sozialen Ansprüchen. So wurden bestehende Ungleichheiten der damaligen Klassengesellschaft in den Sozialstaat eingeschrieben.
Heute begegnen uns weiterhin unveränderlich scheinende Statistiken zu Lohnlücke und Altersarmut von Frauen – obwohl Frauen Unternehmen gründen, Führungsverantwortung übernehmen und wesentlich zum Familieneinkommen beitragen. Ihre finanzielle Verwundbarkeit reicht jedoch tiefer: Mutterschaft kann Karrieren bremsen, Pflegeverantwortung führt häufig zu Erwerbsunterbrechungen, medizinische Benachteiligungen und die höhere Lebenserwartung erhöhen finanzielle Risiken im eigenen Pflegealter. Und wenn Partnerschaften gewaltvoll oder toxisch werden, kann finanzielle Unabhängigkeit lebensrettend sein. Finanzielles Empowerment ist deshalb weit mehr als ein Trend.
Die biblische Tradition misst die Gemeinschaft gerade daran, wie sie mit denjenigen umgeht, deren Lebensrealitäten leicht übersehen werden:
„Öffne deinen Mund für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31,8) fordert die Bibel.
Zu unserem diesjährigen Bußtags-Talk möchten wir mit Ihnen über Lücken in der finanziellen Absicherung von Frauen ins Gespräch kommen. Eine Referentin wird berichten, warum sie sich für den Mutterschutz auch für Selbstständige engagiert. Denn wer ein Unternehmen führt oder freiberuflich arbeitet, steht bei einer Schwangerschaft oft vor existenziellen Herausforderungen: Aufträge, laufende Kosten und Verantwortung lassen sich nicht einfach pausieren.
Viele frauenspezifische Risiken haben einen gemeinsamen Nenner: Care-Arbeit. Zwar lebt jede Gesellschaft davon, dass Menschen Kinder bekommen und erziehen, Angehörige pflegen und wir Verantwortung füreinander übernehmen. Ohne diese meist unbezahlte Sorgearbeit gäbe es weder Wirtschaft noch soziale Sicherungssysteme. Doch die damit verbundenen Risiken gelten vielfach noch immer als Privatsache – mit Folgen vor allem für Frauen.
Der eigentliche blinde Fleck unseres Sozialstaats liegt für mich deshalb im unterschiedlichen Wert, den wir verschiedenen Formen von Arbeit beimessen.
Annelies Bruhne, Referentin Evangelische Agentur Arbeit und Wirtschaft, annelies.bruhne@evlka.de
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