Wortmeldung Dezember: Von Treppenlift zu Tricks und Klicks

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Lese­rin­nen und Leser,

seit dem 1. August dieses Jahres arbeite ich in der Service-Agentur der Lan­des­kir­che Han­no­vers als Referent für Künst­li­che Intel­li­genz. Mein Schwer­punkt liegt auf den aktu­el­len ethi­schen Aus­wir­kun­gen dieser Tech­no­lo­gie auf unsere Gesell­schaft und Wirt­schaft. Einen dieser Aspekte greife ich in der bei­gefüg­ten Wort­mel­dung auf. Ich freue mich über Ihre Rück­mel­dun­gen, wenn Sie selbst ähnliche oder auch ganz andere Erfah­run­gen mit der Künst­li­chen Intel­li­genz gemacht haben.

Herz­li­che Grüße

Karl Teille

Wortmeldung Dezember: Von Treppenlift zu Tricks mit Klicks

Mein Vater war immer sehr sport­lich. Als er jedoch die 90 Jahre überschritten hatte, ließen seine kör­per­li­chen Kräfte und seine Beweg­lich­keit nach.

Als meine Geschwis­ter und ich bemerk­ten, wie zuneh­mend schwer ihm das Trep­pen­stei­gen fiel, setzten wir mit etwas Über­zeu­gungs­ar­beit die Anschaf­fung eines Trep­pen­lifts durch. Von da an konnte unser Vater bequem von der Eingangstür bis vor sein Schlaf­zim­mer fahren.

Heute, zehn Jahre später und fünf Jahre nach seinem Tod, erhalte ich bei Inter­net­sei­ten sehr häufig Werbung für Trep­pen­lifte. Ich kann nicht aus­schlie­ßen, dass über mich ein beson­de­res Inter­esse an Trep­pen­lif­ten hin­ter­legt ist oder durch Analyse meiner Daten berech­net wird. Ich vermute jedoch, dass mir diese Werbung aufgrund meiner Erfah­rung mit meinem Vater beson­ders ins Auge fällt. Was mir eben­falls auffällt, ist, dass diese Werbung mit einem beson­de­ren Schema arbeitet. Gezeigt werden keine Menschen, sondern offen­sicht­lich mit KI (künstlicher Intel­li­genz) gene­rierte Bilder, die selt­samste Geräte auf einer Treppe zeigen. Im Text steht immer sinn­ge­mäß: „Trep­pen­lifte ohne Instal­la­tion“. Menschen tauchen in diesen Bildern nicht auf; manchmal sind aber Füße und Beine zu sehen, und immer wieder sehr fan­ta­sie­voll die unter­schied­lichs­ten Gerät­schaf­ten.

Allen diesen „Trep­pen­lif­ten“ ist gemein­sam, dass nicht erkenn­bar ist, wie sie überhaupt funk­tio­nie­ren sollen. Kein Mensch, dem sein Leben oder das seiner Ange­hö­ri­gen lieb ist, wird je einen Fuß auf diese Geräte setzen. Was soll das dann? Irgend­wer muss für diese Werbung doch bezahlen! Es geht offen­sicht­lich darum, die Auf­merk­sam­keit des Betrach­ters zu wecken, seinen Wider­spruch zu pro­vo­zie­ren und ihn zum Klicken zu verführen. Hat er einmal auf die Anzeige geklickt, werden ihm alle mög­li­chen Angebote und weitere Dienste vor­ge­schla­gen. Was aller­dings nie ange­bo­ten wird, sind die fan­ta­sie­vol­len Geräte der ersten Offerte.

Im Zeit­al­ter der KI muss kein Designer mehr diese Bilder gestal­ten, kein Texter mehr den Text ent­wer­fen, dies alles wird auto­ma­tisch nach ein­fa­chen Vorgaben von der KI gene­riert. Ein Klick und schon zappeln wir im Netz unserer eigenen Neugier.

Was hier erkenn­bar seltsam um unsere Auf­merk­sam­keit buhlt, lässt sich leider auf andere Bereiche übertragen und nicht immer ist der Kontext klar erkenn­bar oder die Absicht so einfach zu durch­schauen. Gerade bei Res­sen­ti­ments und poli­ti­schen Bot­schaf­ten wird es im Internet leider gefähr­lich.

Die bibli­sche Emp­feh­lung des Apostels Paulus bleibt mit ihrem prag­ma­ti­schen und kri­ti­schen Ansatz auch im Umgang mit den Ange­bo­ten der Digi­ta­li­sie­rung und KI eine gute Richt­schnur:

„Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.“ 1. Thessalonicher 5, 21–22

 

Autor: Dr. Karl Teille