Rund 100 Teilnehmende aus ganz Deutschland diskutierten beim Online-Hearing „Arbeitsmigration – Erfolge & Perspektiven“ über Fach- und Arbeitskräftebedarf, faire Arbeitsbedingungen und einen Perspektivwechsel in der Migrationsdebatte. Deutlich wurde: Deutschland braucht Zuwanderung. Damit Menschen aber kommen und bleiben, braucht es mehr als einen Arbeitsplatz.
Migration wird in Deutschland häufig als Problem, Belastung oder Bedrohung diskutiert. Dabei gerät leicht aus dem Blick, was längst Realität ist: Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben und arbeiten in Deutschland, gestalten Wirtschaft und Gesellschaft mit.
Mit dem Online-Hearing „Arbeitsmigration – Erfolge & Perspektiven“ wollte der Evangelische Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) deshalb bewusst den Blickwinkel verändern. Gemeinsam mit der Diakonie Deutschland brachte er am 14. September Fachleute aus Wissenschaft, Gewerkschaften, Beratung, Wirtschaft, Kirche und migrantischen Organisationen miteinander ins Gespräch. Im Mittelpunkt standen Erfolge und Hindernisse, vor allem aber die Frage: Was braucht es, damit Arbeitsmigration gelingt?
Deutschland braucht Zuwanderung
Einen wissenschaftlichen Blick eröffnete Dr. Sekou Keita vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die demografische Entwicklung werde das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland deutlich verändern. Schon heute geht die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit zurück, während die Beschäftigung ausländischer Staatsangehöriger zunimmt.
Keita warnte zugleich davor, unterschiedliche Formen der Migration miteinander zu vermischen. Flucht‑, Familien‑, Bildungs- und Erwerbsmigration folgten unterschiedlichen Voraussetzungen und Motiven. Auch Integration lasse sich nicht allein daran messen, ob Menschen beschäftigt sind. Entscheidend sei ebenso, unter welchen Bedingungen sie arbeiten: in welchen Branchen, zu welchen Löhnen, mit welcher Arbeitsplatzsicherheit und welchen beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Sprachkenntnisse, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Diskriminierung beeinflussen den Zugang zum Arbeitsmarkt.
Gute Arbeit entscheidet mit
Wie wichtig die Qualität der Beschäftigung ist, machte Anna Szot vom Beratungsnetzwerk Faire Mobilität deutlich. In der Beratung begegnen ihr Beschäftigte unter anderem aus Fleischindustrie, Landwirtschaft, Baubranche und Paketzustellung. Nicht gezahlte Löhne, Kündigungen und Sprachbarrieren gehören zu den Problemen, mit denen Ratsuchende konfrontiert sind.
Szots zentrale Erfahrung: Arbeitsbedingungen entscheiden mit darüber, ob Menschen in ihrem Beruf und letztlich auch in Deutschland bleiben.
Tornike Murtskhvaladze, Leiter des Welcome Center Region Hannover, beschrieb die Herausforderungen aus einer anderen Perspektive. Er begleitet Unternehmen und internationale Fachkräfte vor und nach der Einreise. Unterstützungsbedarf gebe es auf beiden Seiten – bei der Suche nach Arbeitgebern, beim Spracherwerb, bei bürokratischen Verfahren und beim Ankommen in Deutschland.
Gerade Sprache zog sich als Thema durch die Diskussion. Keitas Daten zeigen: Viele Betriebe erwarten bereits bei der Einstellung gute Deutschkenntnisse. Gleichzeitig gehört Unterstützung beim Spracherwerb zu den wichtigsten Bedürfnissen internationaler Fachkräfte.
Menschen kommen – nicht nur Arbeitskräfte
Damit führte die Diskussion zu einem Grundgedanken des KWA: Arbeitsmigration darf Menschen nicht auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit reduzieren.
Der KWA hat dafür den Begriff einer „Ethik des Zutrauens“ geprägt. Aus christlicher Perspektive müsse an die Stelle von Misstrauen und Kontrolle stärker eine Begegnung auf Augenhöhe treten. Die Menschenwürde gebiete, Migrantinnen und Migranten nicht als möglichst billige Arbeitskräfte oder „Verfügungsmasse“ zu betrachten, sondern als gleichberechtigten Teil von Gesellschaft und Gemeinschaft.
Raus aus der Negativdebatte
Im zweiten Teil des Hearings rückte deshalb die Frage in den Mittelpunkt, wie Deutschland über Migration spricht und welches Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft dahintersteht.
Dr. Özgür Özvatan, Soziologe und politischer Analyst, erinnerte daran, dass Deutschland die Realität, ein Einwanderungsland zu sein, politisch erst 2005 offiziell anerkannte – Jahrzehnte nach Beginn der sogenannten Gastarbeitermigration.
Özvatan plädierte dabei nicht dafür, Schwierigkeiten auszublenden. Entscheidend sei vielmehr, wohin der Blick gerichtet werde: Statt vermeintliche Defizite von Migrantinnen und Migranten in den Mittelpunkt zu stellen, müsse stärker gefragt werden, wo Institutionen und gesellschaftliche Strukturen einer längst vielfältigen Gesellschaft noch nicht gerecht werden. Vielfalt ist keine Zukunftsfrage – sie ist längst Teil Deutschlands.
Gemeinsam mit Dimitrina Lang, Vorsitzende des Migrationsbeirates München, und Johannes Brandstäter von der Diakonie Deutschland diskutierte Özvatan über bürokratische Hürden, Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Abschlüssen, Diskriminierung, fehlenden Wohnraum und gesellschaftliche Teilhabe. Der gemeinsame Tenor: Probleme müssen benannt werden – Migration darf aber nicht auf Probleme reduziert werden.
Willkommenskultur entscheidet sich im Alltag
Nach drei Stunden Diskussion blieb vor allem eine Erkenntnis: Eine erfolgreiche Einwanderungsgesellschaft entsteht nicht allein durch Gesetze und die Anwerbung zusätzlicher Fachkräfte.
Sie entsteht dort, wo Menschen Arbeit finden, von der sie leben können. Wo ihre Qualifikationen anerkannt werden. Wo sie ihre Rechte kennen und durchsetzen können. Wo Betriebe, Behörden und Beratungsstellen das Ankommen erleichtern. Und wo Menschen nicht zuerst danach beurteilt werden, welchen wirtschaftlichen Nutzen sie bringen.
Oder, wie es der KWA zusammenfasst:
Echte Willkommenskultur entscheidet sich im Alltag.
Das Online-Hearing fand im Rahmen des KWA-Projekts „Migration bewegt uns“ statt. Das Projekt wird vom KWA-Bundesausschuss Erwerbslosigkeit, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik getragen und bringt Erfahrungen, Positionen und Geschichten rund um Migration zusammen.
Konzipiert und vorbereitet wurde das Hearing von Anja Buchholz (Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen), Philip Büttner (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern), Heike Riemann (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche), Lukas Spahlinger (Zentrum Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau) und Beate Schulte (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Oldenburg).
Mehr zum Projekt „Migration bewegt uns“ und zu den Hintergründen des Hearings:
migration-bewegt-uns.de
Einen ausführlicheren Bericht zum Online-Hearing mit weiteren Ergebnissen und Perspektiven finden Sie hier zum Download.
Kontakt: Angela Haubrich, Öffentlichkeitsarbeit im KWA, a.haubrich@kwa-ekd.de
