Wortmeldung Arbeit und Wirtschaft – Februar 2024

Darf Protest weh tun?

Die Schlag­zei­len häufen sich gleich Anfang des Jahres: Land­wirte und Land­wir­tin­nen pro­tes­tie­ren bun­des­weit gegen die schritt­weise Abschaf­fung der Agrar­die­sel-Beihilfe. Die Lokführergewerkschaft GDL ruft zu einem mehr­tä­gi­gen Streik auf. Ver­tre­ter weiterer Branchen schlie­ßen sich den Pro­tes­ten an.

Wir haben das große Gut der freien Mei­nungs­äu­ße­rung in unserem Land.

Wir haben die recht­lich ver­an­kerte Mög­lich­keit zu (ord­nungs­ge­mäß ange­mel­de­ten) Demons­tra­tio­nen, für viele sogar des Streiks. Das sind Errun­gen­schaf­ten der Demo­kra­tie, die zu einem kon­struk­ti­ven Ausdruck der eigenen Anliegen und zum gesell­schaft­li­chen Dialog bei­tra­gen können.

Jede pro­tes­tie­rende Per­so­nen­gruppe hat ihre Gründe. In vielen Fällen sind diese nach­voll­zieh­bar, und manches Mal steht die Mehrheit der Gesell­schaft inhalt­lich auf der Seite der Pro­tes­tie­ren­den.

Bei allen Pro­tes­ten möchte man natürlich einer­seits für alle sichtbar auf das eigene Anliegen auf­merk­sam machen. Nur dann macht es Sinn. Zugleich stellt sich die Frage: Wie weit kann ich gehen, ohne anderen Menschen weh zu tun – mit all den Facetten, die dies haben kann: von schlecht gewähl­ten Worten bis hin zur (wenn auch punk­tu­el­len) Beschrän­kung der Freiheit des anderen? Hier gilt es sehr gut abzu­wä­gen.

Das Dop­pel­ge­bot der Liebe, das Jesus Christus uns gelehrt hat, ist auch bei solchen Abwä­gun­gen ein guter Ratgeber – für beide Seiten in einem Konflikt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mar­kus­evan­ge­lium 12, 30f).

Diese Worte auch beim Pro­tes­tie­ren im Kopf zu haben sorgt dafür, dass Protest fried­lich abläuft. Dann wird am Ende ver­mut­lich von noch mehr Menschen wirklich gehört, worum es geht. Es ist gut, wenn auch die Pro­tes­tie­ren­den selbst allem, was einem anderen schaden kann, ent­schie­den ent­ge­gen­tre­ten. Diese Worte geben auch eine gute Ori­en­tie­rung für wichtige Ent­schei­dun­gen, bei denen andere betrof­fen sind. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das kann auch denen, die keine Christen sind, ein­leuch­ten und Maßstab sein.

Was für die großen Proteste gilt, gilt auch für das tägliche Umfeld an der Arbeits­stelle, im Betrieb, zu Hause: Man ist nicht immer einer Meinung. Aber auch wenn an unserer Arbeits­stelle oder in unserem per­sön­li­chen Kontext ver­schie­dene Inter­es­sen auf­ein­an­der­pral­len, ist es unsere gemein­same Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ver­let­zende Worte und Hand­lun­gen keinen Platz in unserer Dis­kus­si­ons­kul­tur haben. Nur fried­lich und gemein­sam können wir Lösungen in den Her­aus­for­de­run­gen finden, vor denen wir stehen.

Ein Beitrag von: Pastorin Cornelia Möller, Refe­ren­tin für Land- und Ernäh­rungs­wirt­schaft, Mail: cornelia.moeller@evlka.de
Haus kirch­li­cher Dienste der Evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­vers