Wortmeldung Juni 2025: Höchstarbeitszeit – Woche statt Tag?

Um Beschäf­tig­ten und Unter­neh­men mehr Fle­xi­bi­li­tät zu bieten, soll laut Koali­ti­ons­ver­trag von CDU/CSU und SPD die Höchst­ar­beits­zeit nicht mehr täglich, sondern wöchent­lich gelten. Wie ist diese Anpas­sung aus christ­lich-ethi­scher Per­spek­tive ein­zu­ord­nen? 

Rhythmus von Arbeit und Ruhe 

In den Zehn Geboten im 2. Buch Mose heißt es: „Gedenke des Sab­bat­ta­ges, dass du ihn hei­li­gest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am sie­ben­ten Tage.“ Die zentrale Bot­schaft dieser Bibel­stelle ist: Ein aus­ge­wo­ge­ner Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe ist für uns Menschen wesent­lich. Dabei betont der bibli­sche 7‑Tage-Rhythmus nicht primär die Länge eines ein­zel­nen Arbeits­tags, sondern vielmehr die Balance über die Woche hinweg. Im Mit­tel­punkt stehen ein gesunder Lebens­rhyth­mus und ein ganz­heit­li­cher Blick auf Arbeit, Zeit und Erholung. 

Ver­ein­bar­keit von Familie und Beruf 

Als Mutter bin ich dankbar für die Fle­xi­bi­li­tät, die mir mein Arbeit­ge­ber bereits heute ermög­licht. Ich kann meinen Kalender selbst­be­stimmt gestal­ten und fami­liäre Bedürf­nisse gut inte­grie­ren. Gleich­zei­tig spüre ich immer deut­li­cher, wie essen­zi­ell klare Grenzen sind – sowohl sie sich selbst zu setzen als auch, dass mein Arbeits­um­feld sie respek­tiert. Bei einer wöchent­li­chen Höchst­ar­beits­zeit besteht die Gefahr, dass die bereits geleis­tete Wochen­ar­beits­zeit aus dem Blick gerät und eigent­lich erwerbs­freie Zeit von schlech­tem Gewissen oder Mehr­ar­beit über­la­gert wird. Gesetze Grenzen könnten ver­schwim­men. 

Soziale Gerech­tig­keit 

Was für manche Arbeit­neh­mende ein großer Gewinn an Freiheit und Gestal­tungs­spiel­raum ist, kann sich für andere negativ aus­wir­ken. Mehr Selbst­be­stim­mung birgt immer das Risiko der Selbst­aus­beu­tung. Arbeit­ge­ber stehen hier in beson­de­rer Ver­ant­wor­tung, einer zuneh­men­den Ent­gren­zung ent­ge­gen­zu­wir­ken – nicht nur in fle­xi­blen Berufen, sondern ins­be­son­dere in jenen Arbeits­fel­dern, die stark fremd­be­stimmt sind. Gerade in ohnehin prekären Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen könnte eine Wochen­höchst­ar­beits­zeit bestehende Belas­tun­gen sogar ver­schär­fen. 

Selbst­be­stim­mung und Grenz­set­zung als zentrale Vor­aus­set­zung 

Eine Fle­xi­bi­li­sie­rung der Höchst­ar­beits­zeit hat das Poten­tial besser auf indi­vi­du­elle Lebens­rea­li­tä­ten ein­zu­ge­hen. Wird sie selbst­be­stimmt und bewusst orga­ni­siert, kann sich das positiv auf die Zufrie­den­heit und Gesund­heit von Beschäf­tig­ten aus­wir­ken. Doch ein genauer Blick ist nötig – vor allem auf Branchen und Tätig­kei­ten, in denen Selbst­be­stim­mung aus struk­tu­rel­len Gründen kaum möglich ist, die ten­den­zi­ell bereits von Pre­ka­ri­sie­rung betrof­fen sind. Denn Selbst­be­stim­mung und Grenz­set­zung sind zentrale Vor­aus­set­zun­gen, um einen gesunden Lebens­rhyth­mus zwischen Arbeit und Ruhe zu finden und zu wahren. 

Ein Beitrag von: Laura Bekier­man, Team­lei­tung der Service Agentur Arbeit und Wirt­schaft der Evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­vers, laura.bekierman@evlka.de