Predigt zum ökumenischen Gottesdienst zum 1. Mai 2026

Basilika St. Clemens, Hannover · 30. April 2026

Schwestern und Brüder!

Ich wähle diese in Ihren Ohren viel­leicht unge­wöhn­li­che Anrede bewusst.

Im Zusam­men­hang mit dem morgigen Tag der Arbeit am 1. Mai könnte ich auch Genos­sin­nen und Genossen oder Arbeits­ka­me­ra­din­nen und ‑kame­ra­den oder Kol­le­gin­nen und Kollegen sagen.

Ich wähle Schwes­tern und Brüder und meine das, was die anderen Begriffe aus­drü­cken, durchaus mit.

Es geht mir um mensch­li­che Nähe, um ein ehr­li­ches, gutes Mit­ein­an­der, um, gewerk­schaft­lich gespro­chen, Soli­da­ri­tät, um Zuver­läs­sig­keit und Zunei­gung.

Alles Gefühle und Hal­tun­gen, wie sie unter Geschwis­tern und Genossen und Kame­ra­den üblich sein sollten.

Das dieses kei­nes­wegs immer so ist, weiß ich, ebenso, dass es ins Gegen­teil verkehrt sein kann, in übelste Aggres­sion bis hin zum Hass.

Aber darum geht es jetzt nicht.

Gute Geschwisterlichkeit in einer Zeit des Wandels

Schwes­tern und Brüder vor dem morgigen Tag der Arbeit:

Lassen Sie uns über dieses Ereignis, das im Kreis der Gewerk­schaf­ten, Arbeit­neh­mer­ver­bände und auch Kirchen eine feste Größe ist (auch, wenn es offen­sicht­lich gerade erst den abwe­gi­gen Versuch der Infra­ge­stel­lung gab), einmal nach­den­ken unter dem Gesichts­punkt der guten, ich betone, guten Geschwis­ter­lich­keit.

Wenn ich meine Ein­drü­cke aus den Besuchen in der, im wei­tes­ten Sinn: Arbeits­welt aufrufe, dann glaube ich, dass wir gute Geschwis­ter­lich­keit dringend brauchen. Viel­leicht mehr als manches andere.

Wir leben in einer Zeit stän­di­gen Wandels.

Die Technik ent­wi­ckelt sich mit geradezu atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit weiter, Künst­li­che Intel­li­genz ersetzt an manchen Stellen mensch­li­ches Handeln, die Digi­ta­li­sie­rung scheint sich selbst zu über­ho­len, neue Player drängen auf die Märkte, zum Teil mit völliger Skru­pel­lo­sig­keit im Blick auf den ange­bo­te­nen Schrott und die wirt­schaft­li­chen wie mensch­li­chen Folgen.

Dazu kommen an ein­zel­nen Stellen völlig unfähige, ideo­lo­gisch ver­blen­dete Poli­ti­ker oder regel­recht verrückt gewor­dene.

Es ist eine seltsame und durchaus auch ver­stö­rende Welt, und ich verstehe die­je­ni­gen, die mit Sorge darauf blicken.

Menschen, die Verantwortung übernehmen

Und ich habe aller­höchs­ten Respekt vor denen, die sich, wie auch immer, als sozial ver­ant­wort­li­che Arbeit­ge­ber, als Gewerk­schaf­ter, Betriebs­räte, Berater, Sozi­al­ar­bei­ter oder eben als gute Kollegen für den Menschen neben ihnen ein­set­zen.

Ohne Sie wäre die Arbeits­welt noch rauher, belas­ten­der, schwerer erträg­lich und wir hätten ver­mut­lich noch höhere Zahlen von Arbei­ten­den, die krank werden.

Wer hier gegen­hält, zeigt sein mensch­li­ches Antlitz und kann dem anderen Bruder oder Schwes­ter werden.

Mut zum Gegenhalten

Dieses Gegen­hal­ten kann per­sön­li­chen Mut erfor­dern.

Mög­li­cher­weise ist die Stimmung in einem Betrieb so gekippt und auf­ge­heizt, dass sach­li­che Debatten Beschimp­fun­gen und bös­ar­ti­gen Unter­stel­lun­gen gewichen sind.

Dann ein Stop-Signal zu setzen, ist eine deut­li­che Her­aus­for­de­rung.

Oder man muss sich der Hier­ar­chie ent­ge­gen­stel­len, die unfähig oder rück­sichts­los ist und Menschen regel­recht ver­braucht (ich kann, was ich hier sage, konkret belegen, weil ich es selbst erlebt habe – Sie werden ver­ste­hen, dass ich es nicht tue. Aber es ent­spricht einem Teil der Wirk­lich­keit.).

Ich denke, jeder und jede kann in eine Lage kommen, auf andere ange­wie­sen zu sein.

Und ich denke, nahezu jede und jeder kann anderen zu Schwes­ter oder Bruder werden, wenn es nötig ist, alle im Rahmen ihrer jewei­li­gen Mög­lich­kei­ten.

Dem alten, „kampf­erfah­re­nen“ Gewerk­schaf­ter und Betriebs­rats­mit­glied steht natür­lich mehr zu Gebote als dem jungen Azubi im ersten Lehrjahr.

Also: Jeder nach dem, was ihm gegeben ist.

Und immer wieder sich deutlich machen, dass man zu mehreren stärker ist als alleine.

Gelebte Nächstenliebe und Solidarität

Das ist gelebte Nächs­ten­liebe oder Soli­da­ri­tät:

Sich gemeinsam einsetzen für das Recht, gegen das Unrecht, für diejenigen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und gegen diejenigen, die ihre Macht stumpf mißbrauchen.

Warum gehört das in eine Predigt?

Viel­leicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen das in einer Predigt im Got­tes­dienst erzähle. Natür­lich könnte ich als Ver­tre­ter einer Gewerk­schaft oder eines Betriebs­ra­tes ähnlich reden.

JA UND?

Das zeigt doch nur, dass Welt und Kirche zusam­men­pas­sen können und ‑gehören.

Als Pastor für die Arbeits­welt und das Handwerk lebe und arbeite ich mit unserem Team mitten in der Welt. Nicht über ihr oder neben ihr, sondern in ihr und hof­fent­lich mit ihr.

Für sie und für Sie.

Um gemein­sam etwas zu errei­chen, das den Menschen dient.

Und das ist für mich heute der klare Hinweis auf Geschwis­ter­lich­keit als hand­lungs­lei­ten­des Prinzip im Umgang mit­ein­an­der.

Die Bibel als Buch des Lebens

Im übrigen können Sie die gesamte Bibel so lesen: als Buch, das dem Leben dienen will.

Menschen haben darin ihre Erfah­run­gen mit Gott auf­ge­schrie­ben um sie wei­ter­zu­ge­ben und anderen an ihrem Glauben Anteil zu geben.

Seien Sie sicher, wenn Sie geschwis­ter­lich handeln in unserem Sinn, tun Sie vor Gott und Menschen das Richtige.

Oder noch anders gesagt:

Es ist von Gott gesegnetes Tun, wenn Sie sich, wie und welcher Form auch immer, in Ihren Lebens- und Arbeitszusammenhängen für diejenigen einsetzen, die Ihre Hilfe, Ihren Rat, Ihr offenes Ohr, Ihre Schulter zum Anlehnen, Ihre Fachkompetenz brauchen.

Oder viel­leicht auch einmal Ihre mentale und emo­tio­nale Kampf­kraft, wenn nichts anderes mehr hilft.

Es gibt Zeit­ge­nos­sen, die eine klare Ansage und kon­se­quen­tes Handeln brauchen, um sie an ihrem schäd­li­chen Tun zu hindern.

Nur Mut, dann ist das so.

Das ist ein durchaus bibli­sches Motiv, falschem Tun eine Grenze zu setzen.

Die Tempelreinigung

Ein Beispiel dafür ist die soge­nannte Tem­pel­rei­ni­gung, in der Jesus mit Wort und Hand kraft­voll unter­bin­det, was seiner Meinung nach eben nicht in den Bereich des Tempels gehört:

„Und sie kommen nach Jerusalem. Und als er in den Tempel hineinging, begann er, alle hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um und ließ nicht zu, dass man irgendetwas über den Tempelplatz trug. Und er lehrte sie und sprach: Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll Haus des Gebets heißen für alle Völker? Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht!“
(Markus-Evangelium 11, Verse 15–17)

Für das Recht eintreten

Das ist natür­lich kein Aufruf zu stumpfer Gewalt­an­wen­dung.

Aber zu ggf. durch­grei­fen­der Kon­se­quenz zum Schutz des Rechtes und der von Unrecht und Unmoral betrof­fe­nen Menschen.

Sie tun das Rechte und das Geseg­nete, wenn Sie für andere tätig werden, bis hin dazu, dass Sie, wenn es nötig ist, kraft­voll ein­schrei­ten.

Im Maß des Erfor­der­li­chen und Ihrer Mög­lich­kei­ten.

Amen.