PREKÄRE ARBEIT

Prekäre Arbeit in der Filmbranche

Kaum kontinuierliche Planungssicherheit

Die Arbeits­welt für Film­schaf­fende hinter der Kamera ist in vie­ler­lei Hinsicht prekär. Viele Tätig­kei­ten – von Kamera, Licht und Ton bis zu Kostüm, Maske, Sze­nen­bild, Auf­nah­me­lei­tung oder Pro­duk­tion – basieren auf pro­jekt­be­zo­ge­nen, befris­te­ten Beschäf­ti­gun­gen. Ein Kame­ra­as­sis­tent etwa arbeitet ein paar Wochen für eine Fern­seh­se­rie, danach viel­leicht einige Drehtage für einen Wer­be­spot oder einen Low-Budget-Film. Danach folgt oft eine längere Phase ohne Ein­kom­men. Das bedeutet, dass kon­ti­nu­ier­li­che Pla­nungs­si­cher­heit kaum exis­tiert. Zwischen den Auf­trä­gen liegen oft unver­gü­tete Zeiten, in denen dennoch Akquise, Wei­ter­bil­dung oder orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeit statt­fin­den müssen – etwa das Pflegen von Netz­wer­ken, das Aktua­li­sie­ren des Show­re­els oder die Teil­nahme an Förder-Work­shops. Obwohl diese Phasen essen­zi­ell für den Berufs­all­tag sind, gelten sie arbeits­recht­lich nicht als Beschäf­ti­gung und werden weder bezahlt noch sozial abge­si­chert.

Lange Arbeitszeiten und Selbstausbeutung

Hinzu kommt, dass Arbeits­zei­ten in der Film­bran­che häufig weit über das hin­aus­ge­hen, was in anderen Berei­chen üblich ist. Bei Spiel­film­pro­duk­tio­nen wie Tatort oder größeren Kino­pro­jek­ten sind zwölf- bis vierzehn-Stunden-Tage keine Sel­ten­heit, ins­be­son­dere während der Dreh­phase. Drehs an Wochen­en­den, Nacht­schich­ten oder kurz­fris­tige Plan­än­de­run­gen – etwa bei Wet­ter­um­schwün­gen oder Tech­nik­pro­ble­men – gehören zum Alltag. Wenn etwa ein Dreh in einer his­to­ri­schen Location nur wenige Tage ver­füg­bar ist, wird in dieser Zeit oft bis zur Erschöp­fung gear­bei­tet. Die Grenze zwischen Pro­fes­sio­na­li­tät und Selbst­aus­beu­tung ver­schwimmt. Viele Film­schaf­fende zögern, Miss­stände anzu­spre­chen, aus Sorge, als „schwie­rig“ zu gelten und zukünf­tige Jobs zu ver­lie­ren. Die Macht­asym­me­trien zwischen Pro­duk­tion, Sendern und freien Film­schaf­fen­den – etwa bei öffent­lich-recht­li­chen Auf­trags­pro­duk­tio­nen – ver­stär­ken diese Abhän­gig­keit.

Finanzielle Unsicherheit und eingeschränkter Zugang zu sozialen Sicherungssystemen

Auch finan­zi­ell ist die Situa­tion ange­spannt. Honorare und Tarif­bin­dun­gen sind je nach Gewerk und Bun­des­land sehr unter­schied­lich. So verdient ein Beleuch­ter an einer großen Fern­seh­pro­duk­tion in München häufig mehr als jemand in einem Inde­pen­dent-Projekt in Leipzig, obwohl der Arbeits­auf­wand ähnlich hoch ist. Nicht selten ent­spre­chen die Gagen – etwa bei stu­den­ti­schen oder geför­der­ten Pro­jek­ten – kaum dem realen Arbeits­um­fang. Die sozialen Siche­rungs­sys­teme greifen nur ein­ge­schränkt: Unre­gel­mä­ßige Beschäf­ti­gungs­zei­ten erschwe­ren den Zugang zu Arbeits­lo­sen­geld und Ren­ten­an­sprü­chen, während Krank­heits­aus­fälle für Selbst­stän­dige exis­tenz­be­dro­hend sein können. Eine Mas­ken­bild­ne­rin zum Beispiel, die wegen einer Grippe einen Dreh absagen muss, verliert schnell ihr Ein­kom­men, ohne abge­si­chert zu sein.

 

 

Technologischer Wandel und KI

Zuneh­mend bedroht auch der tech­no­lo­gi­sche Wandel die Sta­bi­li­tät und Vielfalt fil­mi­scher Arbeit. Künst­li­che Intel­li­genz erleich­tert zwar manche Prozesse – etwa bei der Dreh­buch­re­cher­che, bei Vor­vi­sua­li­sie­run­gen oder der Erstel­lung von Mood­boards, die mit Tools wie ChatGPT oder Sudo­write schnel­ler erstellt werden können. Doch diese Effi­zi­enz­ge­winne gehen oft auf Kosten mensch­li­cher Krea­ti­vi­tät. Algo­rith­men repro­du­zie­ren vor­han­dene Erzähl­mus­ter, visuelle Stile und Sprach­rhyth­men – anstatt Neues zu schaffen, ver­stär­ken sie den Durch­schnitt. Wenn Pro­du­zen­tin­nen und Sender sich zuneh­mend auf KI-gestützte Entwürfe ver­las­sen, droht die ori­gi­näre künst­le­ri­sche Hand­schrift unter­zu­ge­hen.

Noch gra­vie­ren­der sind die Folgen für die Beschäf­ti­gung: KI-gene­rierte Stimmen ver­drän­gen bereits Syn­chron­spre­che­rin­nen und Sprecher, während bestimmte KI-Pro­gramme ganze Szenen gene­rie­ren können, ohne dass ein reales Set oder Schau­spiel­ensem­ble nötig ist. Visuelle Effekte, die früher auf visuelle Effekte spe­zia­li­sierte VFX-Teams mit viel Hand­ar­beit erstell­ten, ent­ste­hen nun teils auto­ma­ti­siert. So werden mensch­li­che Fach­kräfte durch Software ersetzt – und mit ihnen das Know-how, die Erfah­rung und die emo­tio­nale Tiefe, die aus krea­ti­ven Arbeits­pro­zes­sen ent­ste­hen. Die Gefahr besteht, dass sich die Branche in eine Richtung ent­wi­ckelt, in der Effi­zi­enz vor Ausdruck, Kos­ten­er­spar­nis vor Qualität und Geschwin­dig­keit vor mensch­li­cher Zusam­men­ar­beit stehen.

Abhängigkeit von Fördermitteln

Pro­ble­ma­tisch ist zudem die Finan­zie­rungs­weise vieler Pro­duk­tio­nen. Da ein erheb­li­cher Teil des deut­schen Film- und Fern­seh­schaf­fens von öffent­li­chen För­der­gel­dern abhängt, führen Kür­zun­gen in diesem Bereich direkt zu Pro­jekt­ab­sa­gen oder Ver­schie­bun­gen. Wenn För­der­töpfe auf Bundes- oder Lan­des­ebene schrump­fen, entsteht eine Ket­ten­re­ak­tion: ganze Teams ver­lie­ren Aufträge, und in den Phasen zwischen Pro­duk­tio­nen droht vielen Film­schaf­fen­den Arbeits­lo­sig­keit. Für freie Film­schaf­fende ohne lang­fris­tige Verträge kann das exis­tenz­be­dro­hend sein.

Psychische Belastung

Beson­ders belas­tend ist auch die psy­chi­sche Kom­po­nente: Die ständige Unsi­cher­heit, die Angst vor Job­ver­lust und der Druck, immer ver­füg­bar sein zu müssen, führen bei vielen zu Stress, Über­las­tung und Burn-out. Kame­ra­leute oder Pro­duk­ti­ons­lei­te­rin­nen berich­ten häufig, nach mehreren inten­si­ven Pro­jek­ten Erschöp­fungs­sym­ptome zu ent­wi­ckeln, da Erho­lungs­zei­ten zwischen den Pro­duk­tio­nen fehlen. Gleich­zei­tig ist der beruf­li­che Stolz groß – viele Film­schaf­fende lieben ihre Arbeit und inves­tie­ren enorme Energie in ihre Projekte, oft mit wenig Aner­ken­nung.

Schlussfolgerungen und politische To Dos

Um die fil­mi­sche Arbeits­welt zukunfts­fä­hig zu gestal­ten, braucht es ein ent­schie­de­nes poli­ti­sches und gewerk­schaft­li­ches Umdenken.

  • Stärkung sozialer Absi­che­rung: Die bestehen­den Modelle, etwa die Künst­ler­so­zi­al­kasse, müssen erwei­tert werden, um hybride Erwerbs­for­men – also wech­selnde Phasen zwischen Anstel­lung und Selbst­stän­dig­keit – besser abzu­si­chern. Unver­gü­tete Zeiten zwischen Pro­jek­ten sollten stärker sozial aner­kannt und ren­ten­wirk­sam berück­sich­tigt werden.
  • Ver­bind­li­che Tarif­re­ge­lun­gen: Ein­heit­li­che, bun­des­weit geltende Min­dest­ho­no­rare könnten ver­hin­dern, dass Film­schaf­fende je nach För­der­re­gion oder Pro­duk­ti­ons­art ungleich behan­delt werden. Gewerk­schaf­ten und die vielen Berufs­or­ga­ni­sa­tio­nen und ‑zusam­men­schlüsse sollten zusam­men­ar­bei­ten, um wei­ter­ge­hende Tarif­ver­träge für freie Mit­ar­bei­tende aus­zu­han­deln.
  • KI-Regu­lie­rung und Schutz krea­ti­ver Arbeit: Poli­tisch not­wen­dig ist eine klare gesetz­li­che Trennung zwischen maschi­nell gene­rier­tem und mensch­lich geschaf­fe­nem Inhalt – inklu­sive Kenn­zeich­nungs­pflich­ten für KI-gene­rierte Stimmen und Bilder. Außerdem sollten Rechte an Ori­gi­nal­stim­men, Bildern und Dreh­bü­chern besser geschützt werden, um digitale Aus­beu­tung zu ver­hin­dern.
  • För­der­po­li­tik für mensch­li­che Krea­ti­vi­tät: Öffent­li­che Gelder sollten gezielt Projekte unter­stüt­zen, die auf kol­la­bo­ra­tive, künst­le­ri­sche Arbeit setzen, anstatt aus­schließ­lich auf tech­ni­sche Effi­zi­enz. För­der­insti­tu­tio­nen könnten Qua­li­täts­kri­te­rien ein­füh­ren, die kreative Ori­gi­na­li­tät, Diver­si­tät und faire Arbeits­be­din­gun­gen hono­rie­ren.
  • Mentale Gesund­heit und Arbeits­zeit­kon­trolle: Bran­chen­spe­zi­fi­sche Bera­tungs­stel­len und ver­pflich­tende Ruhe­zei­ten könnten helfen, Burn-out vor­zu­beu­gen. Gewerk­schaf­ten und Pro­duk­ti­ons­ver­bände sollten ver­bind­li­che Stan­dards ent­wi­ckeln, um faire Zeit­mo­delle auch bei Pro­jekt­ar­beit umzu­set­zen.

Lang­fris­tig muss die Film­bran­che den Wert mensch­li­cher Erfah­rung und Krea­ti­vi­tät aktiv gegen tech­no­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche Ver­wer­tungs­lo­gi­ken ver­tei­di­gen und deutlich machen: Kunst lebt nicht von Effi­zi­enz, sondern von Krea­ti­vi­tät, Ausdruck, Esprit und neuen Ideen – und genau darin liegt ihre gesell­schaft­li­che und lang­fris­tige auch wirt­schaft­li­che Bedeu­tung.

Autorin: Kathinka Kaden, KDA Baden-Würt­tem­berg

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