Papst Leos KI-Enzyklika – großartig oder menschlich?

Am Pfingst­mon­tag, dem 25. Mai 2026, hat Papst Leo XIV. seine erste Enzy­klika vor­ge­stellt. „Magni­fica huma­ni­tas“ – zu Deutsch etwa „Groß­ar­tige Mensch­heit“ oder „Wun­der­bare Mensch­lich­keit“ – widmet sich dem Groß­thema Künst­li­che Intel­li­genz. Aber nicht als Chancen-Risiken-Analyse, wie man sie aus Unter­neh­mens­be­rich­ten und Regu­lie­rungs­do­ku­men­ten kennt. Es ist ein nach­denk­li­ches Plädoyer für ein Inne­hal­ten – mitten in einer tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung, die zu schnell geht, um sie noch zu ver­ste­hen, und die Fragen aufwirft, die weit über Technik hin­aus­rei­chen: Was macht den Menschen aus? Was darf nicht verloren gehen? Wer ent­schei­det – und für wen? Das gut hundert Seiten lange Dokument knüpft bewusst an „Rerum novarum“ an, die Sozi­al­enzy­klika Leos XIII. von 1891, die als Begrün­dungs­do­ku­ment der modernen katho­li­schen Sozi­al­lehre gilt. Der folgende Kom­men­tar des KDA nimmt das Dokument aus evan­ge­li­scher Per­spek­tive in den Blick – im Gespräch mit dem Text, mit eigenen Akzenten, mit Blick auf die Arbeits­welt. Und mit einer Frage, die im Titel steckt.

Ein Titel, der Fragen aufwirft

Zwei Wörter, zwei Über­set­zungs­pro­bleme. Magni­fica: groß­ar­tig oder wun­der­bar? Anspruch oder Staunen? Huma­ni­tas: Mensch­heit oder Mensch­lich­keit? Kol­lek­tiv oder Qualität? Macht oder Demut? Beides, sagt die Sprache jeweils. Wählt selbst, sagt der Papst nicht – aber die auto­ri­sierte deutsche Vati­kan­über­set­zung hat gewählt: groß­ar­tige Mensch­heit. Das klingt wie eine Fest­stel­lung. Viel­leicht ist es eine Frage.

Der Anfang, mit dem Leo XIV. in dieser Über­set­zung beginnt, lautet: „Die von Gott geschaf­fene groß­ar­tige Mensch­heit…“. Groß­ar­tig. Als wäre das klar. Als hätte man nicht gerade gesehen, was diese Mensch­heit so treibt. KI-Systeme bauen, die niemand versteht, auch die Ent­wick­ler nicht. Algo­rith­men, die Arbeit ver­drän­gen und Kriege opti­mie­ren. Platt­for­men, auf denen Jugend­li­che landen, weil sie für sich keine andere Wahl sehen – aus Kon­for­mi­täts­druck, aus Lan­ge­weile, aus dem Wunsch nach Aner­ken­nung. Groß­ar­tig, ja. In welche Richtung genau – das ist die Frage. Sie ist gemeint, wie sie klingt: theo­lo­gisch, anthro­po­lo­gisch, exis­ten­ti­ell. Was ist die Mensch­heit — und was droht sie zu ver­lie­ren?

Magni­fica huma­ni­tas. Der Titel ver­spricht beides: Staunen und Warnung, Lobpreis und Sorge. Das ist kein Wider­spruch. Es ist ein Spiegel im Zeit­al­ter der KI. Sieht die Mensch­heit darin groß­ar­tig aus? Sieht sie noch mensch­lich aus?

Diese Frage zieht sich durch alle fünf Kapitel des Doku­ments und macht es, bei allen Grenzen, zu einem der gedan­ken­reichs­ten kirch­li­chen Texte zur digi­ta­len Trans­for­ma­tion der Gegen­wart.

Großartig, weil nicht verdient

Das christ­li­che Men­schen­bild gründet nicht in mensch­li­cher Leistung, sondern in gött­li­cher Schöp­fung. Die Würde des Menschen, schreibt Leo, „hängt nicht von seinen Fähig­kei­ten, seinem Reichtum oder der Position ab, die er einnimmt“ – sie geht dem Men­schen­sein voraus (50; die Zahlen in Klammern ver­wei­sen auf die Rand­num­mern der Enzy­klika). Du kommst hin­ter­her. Du wirst hin­ein­ge­bo­ren in etwas, das dich bereits erwartet – und das bleibt, was auch immer kommt.

In der KI-Debatte wird meistens gefragt: Was kann KI leisten? Was kann sie ersetzen? Welche mensch­li­chen Fähig­kei­ten bleiben uner­setz­bar? Der Mensch wird dabei nach­träg­lich defi­niert – durch das, was er leistet, was die Maschine nicht kann. Die Enzy­klika hält dagegen – und erinnert an eine Einsicht, die in der Kir­chen­ge­schichte selbst umkämpft war: Nicht die Effi­zi­enz, nicht die Werke bestimmt den Menschen. Die Existenz. Und das bleibt wahr – auch wenn mächtige Inter­es­sen es nicht hören wollen, nicht jetzt, wo die Welt nach Effi­zi­enz­zie­len neu ver­mes­sen wird (51). Für evan­ge­li­sche Ohren klingt das vertraut. Luthers Recht­fer­ti­gung aus Gnade, nicht aus Werken – Würde, die nicht verdient wird, sondern emp­fan­gen. Die kon­fes­sio­nelle Distanz über­brückt sich hier fast von selbst.

Ermächtigt oder ausgeliefert?

Der Papst eröffnet seine Enzy­klika mit einer kühnen Aussage: „Die von Gott geschaf­fene groß­ar­tige Mensch­heit steht heute vor einer ent­schei­den­den Wahl“ – das klingt ermäch­ti­gend, und soll es wohl sein: als Ruf zur Ver­ant­wor­tung. Doch wer im Alltag mit Künst­li­cher Intel­li­genz in Berüh­rung kommt, erlebt oft genug auch das genaue Gegen­teil: nicht Gestal­tungs­macht, sondern Aus­ge­lie­fert­sein. Beschäf­tigte in der Sach­be­ar­bei­tung, die Micro­soft Copilot nutzen, weil es ein­ge­führt wurde – ohne zu wissen, nach welchen Kri­te­rien es Ent­schei­dun­gen trifft oder welche Daten genau gespei­chert werden. Sie wurden nicht gefragt, wie sie arbeiten wollen oder ob sie ein anderes Tool – oder gar kein Tool – bevor­zu­gen würden. Jugend­li­che, die auf TikTok sind, weil sie für sich keine andere Wahl sehen – aus Kon­for­mi­täts­druck, aus Lan­ge­weile, aus dem Wunsch nach Aner­ken­nung – und die durch die Funk­ti­ons­weise der App gefes­selt bleiben, weil das nächste Video auto­ma­tisch beginnt. Beschäf­tigte im Amazon-Lager, deren Arbeits­rhyth­mus ein Algo­rith­mus vorgibt und deren Pau­sen­zei­ten er misst – auf die Sekunde. Ohne Ermessen, ohne Gespräch.

Die Enzy­klika kennt dieses Ohn­machts­ge­fühl. Abschnitt 212 benennt die Ver­su­chung, „zu denken, dass die Probleme zu groß und wir zu klein sind“ – und qua­li­fi­ziert sie als „elegante Form der Kapi­tu­la­tion, die oft als Rea­lis­mus getarnt ist“. Groß­ar­tige Mensch­heit: nicht, weil sie die KI-Ent­wick­lung kon­trol­liert, sondern weil sie sich ihr nicht ergeben muss. Jedem seinen Mau­er­ab­schnitt, sagt das Nehemia-Bild, das die Enzy­klika als Leit­me­ta­pher ver­wen­det: Lehr­kräfte, die ent­schei­den, wann KI im Unter­richt nichts zu suchen hat. Ent­wick­le­rin­nen und Ent­wick­ler, die fragen, was ihre Systeme mit Menschen machen. Ver­ant­wort­li­che, die leicht ver­säu­men, ihr eigenes Ziel und die Aus­wir­kun­gen ihrer KI-Ent­schei­dun­gen auf andere wirklich zu durch­den­ken. Manche lernen die Grenzen der KI erst durch inten­si­ven Gebrauch – und tragen dann Ver­ant­wor­tung dafür, was sie dabei sehen. Niemand ist ohne Hand­lungs­raum. Niemand ist ohne Ver­ant­wor­tung – aber Ver­ant­wor­tung ohne Rahmen bleibt Appell. Die Enzy­klika ist in diesem Punkt struk­tu­rell gedacht. Abschnitt 107 for­mu­liert es direkt: „Eine mora­li­schere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird.“ Was gebraucht wird, ist nicht der einzelne gute Wille, sondern ver­än­derte wirt­schaft­li­che Grund­be­din­gun­gen – Instru­mente, die öko­lo­gi­sche und soziale Kosten in den Preis ein­rech­nen, statt sie aus­zu­la­gern –, und eine Politik, die gestal­tet statt nur ver­wal­tet. Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen, die bei der Ein­füh­rung von KI-Werk­zeu­gen nicht nur infor­miert werden, sondern den Zweck mit­be­stim­men. Gesetz­ge­ber, die Platt­form­kon­zerne in die Pflicht nehmen. Inter­na­tio­nale Arbeits­stan­dards, die faire Bedin­gun­gen auch dort ein­for­dern, wo gewerk­schaft­li­che Struk­tu­ren fehlen oder unter­drückt werden. Kirchen, die öffent­lich Stellung beziehen – nicht als Macht­an­spruch, sondern als pro­phe­ti­sche Aufgabe und dabei die eigene digitale Infra­struk­tur nicht aus­klam­mern.

Großartig – und verführbar

Was die Enzy­klika schärfer ana­ly­siert als viele KI-Ethik-Papiere ist die kul­tu­relle Tie­fen­di­men­sion. Leo greift das Konzept des „tech­no­kra­ti­schen Para­dig­mas“ auf (92): die Tendenz, alle Ent­schei­dun­gen – per­sön­li­che, wirt­schaft­li­che, gesell­schaft­li­che – allein der Logik von Effi­zi­enz, Kon­trolle und Profit zu unter­wer­fen. KI ist nicht die Ursache dieses Para­dig­mas, sondern sein Beschleu­ni­ger und Nor­ma­li­sie­rer.

Was das im Alltag bedeutet, for­mu­liert Abschnitt 112: Das tech­no­kra­ti­sche Para­digma lässt eine Anschau­ung als richtig und normal erschei­nen, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwä­chen zu redu­zie­ren, Unvor­her­ge­se­he­nes aus­zu­schlie­ßen und alles unter Kon­trolle zu haben. Groß­ar­tige Mensch­heit – oder opti­mier­tes Projekt? Wer sich selbst als zu opti­mie­rende Res­source betrach­tet, hat das tech­no­kra­ti­sche Para­digma ver­in­ner­licht. Nicht als bewusste Ent­schei­dung, sondern als schlei­chende Nor­ma­li­tät, zu der niemand aus­drück­lich Ja gesagt hat.

Für die Arbeits­welt bedeutet das: Die Frage nach KI ist nicht zuerst eine Frage der Technik, sondern des Men­schen­bil­des, das in tech­no­lo­gi­sche Systeme ein­ge­schrie­ben ist. Abschnitt 104 for­mu­liert es klar: „Wir können KI nicht als mora­lisch neutral betrach­ten. In Wirk­lich­keit bringt jedes tech­ni­sche Artefakt Ent­schei­dun­gen und Prio­ri­tä­ten mit sich: was es misst, was es igno­riert, was es opti­miert und wie es Menschen und Situa­tio­nen einstuft. Wenn ein System so kon­zi­piert oder ein­ge­setzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behan­delt oder sie ohne Ein­spruchs­mög­lich­keit aus­schließt, dann ist es nicht ein ein­fa­ches Werkzeug, das „gut genutzt“ werden kann“.  Wer KI-Systeme in kirch­li­che oder dia­ko­ni­sche Ein­rich­tun­gen einführt – auch in Form von Pro­duk­ti­vi­täts­werk­zeu­gen großer Tech­no­lo­gie­kon­zerne –, impor­tiert damit das Men­schen­bild, das in diese Systeme ein­ge­schrie­ben ist, und tritt in eine digitale Infra­struk­tur ein, über deren Gover­nance er oder sie keine Kon­trolle hat. Das ist keine tech­ni­sche, sondern eine ethische Ent­schei­dung. Sie verdient eine ent­spre­chende Sorgfalt: Mit­be­stim­mung, Trans­pa­renz, die Frage nach Daten­sou­ve­rä­ni­tät und Ver­ant­wort­lich­keit.

Großartig – in wessen Händen ist die KI?

Tech­no­lo­gie ist nie neutral. Sie nimmt die Züge derer an, „die sie kon­zi­pie­ren, finan­zie­ren, regu­lie­ren und nutzen“ (9). Hinter jedem KI-System stehen Ent­schei­dun­gen: über Trai­nings­da­ten, über Opti­mie­rungs­ziele, über das, was als Ergebnis zählt und was nicht. Und hinter diesen Ent­schei­dun­gen stehen Menschen – mit Inter­es­sen, blinden Flecken, manchmal auch mit erheb­li­chen Macht­po­si­tio­nen.

Abschnitt 95 warnt: Wenn sich Kon­trolle über Platt­for­men, Infra­struk­tu­ren, Daten und Rechen­leis­tung in den Händen weniger privater, oft trans­na­tio­na­ler Akteure kon­zen­triert, besteht die Gefahr, dass diese Macht undurch­sich­tig wird und sich der öffent­li­chen Kon­trolle entzieht. Was Pius XI. 1931 für den Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus beschrieb – Kon­zen­tra­tion der Wirt­schafts­macht in wenigen Händen –, hat heute eine digitale, unsicht­ba­rere Gestalt ange­nom­men. Die großen Cloud-Anbieter, die KI-Infra­struk­tur kon­trol­lie­ren, sind die­sel­ben Konzerne, deren Pro­duk­ti­vi­täts­werk­zeuge in Büros, Schulen und Kir­chen­ver­wal­tun­gen ein­ge­setzt werden. Die Macht­frage stellt sich nicht erst bei auto­no­men Waffen – sie stellt sich bereits beim nächsten Software-Abon­ne­ment.

Abschnitt 108 stellt präzise fest: „Kleine, sehr ein­fluss­rei­che Gruppen können Infor­ma­tio­nen und Konsum lenken, demo­kra­ti­sche Prozesse kon­di­tio­nie­ren und die wirt­schaft­li­che Dynamik zu ihrem eigenen Vorteil beein­flus­sen.“ Kleine Gruppen, großer Einfluss. Das Dokument nennt keine Namen. Aber die Namen sind bekannt.

Wunderbar, weil fürsorglich

Eine der stärks­ten Aussagen der Enzy­klika ist so schlicht, dass man sie fast über­liest: „Der Wert einer Zivi­li­sa­tion lässt sich nicht an der Macht ihrer Mittel messen, sondern an der Fürsorge, die sie zu leisten vermag“ (114).

Das ist kein abs­trak­tes Prinzip. Leo XIV. zeigt es an Gesich­tern – und zwar nicht unter dem Stich­wort Fürsorge, sondern unter dem Stich­wort Gestal­tung der Geschichte: Dorothy Day, Wangari Maathai, Marie Curie, Teresa von Kalkutta unter anderen (124). Frauen, die nicht ver­wal­tet, sondern ver­än­dert haben. Dass ein Papst einer nach wie vor männlich domi­nier­ten Insti­tu­tion – in der Frauen von Lei­tungs­äm­tern weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen bleiben – genau diese Frauen als Maßstab nennt, ist eine Spannung, die der Text selbst nicht auflöst. Es ist zugleich ein impli­zi­ter Kom­men­tar zur Struktur der KI-Branche, in der Frauen teils weniger als ein Drittel der Beleg­schaft stellen und nur etwa 12 Prozent der For­schen­den aus­ma­chen. Die Systeme, die ent­wi­ckelt werden, spiegeln diese Homo­ge­ni­tät wider – in Trai­nings­da­ten, in Design­ent­schei­dun­gen, in den Anwen­dungs­fäl­len, die als relevant gelten. Für­sor­ge­ar­beit gilt als schwer auto­ma­ti­sier­bar – also wird sie entweder weg­ra­tio­na­li­siert oder durch Systeme ersetzt, die Empathie imi­tie­ren, ohne sie zu kennen. Beides ist billiger als Aner­ken­nung. Es ist nicht die Mensch­heit, die KI gestal­tet. Es ist ein Teil von ihr – männlich, über­wie­gend nord­ame­ri­ka­nisch und chi­ne­sisch, wohl­ha­bend. Der Rest der Welt kommt vor: als Trai­nings­da­ten, als Rohstoff, als Markt. Wun­der­bar wäre das Gegen­teil.

Großartig – auf wessen Kosten?

Abschnitt 173 beschreibt die unsicht­bare Arbeits­kette hinter KI: Daten­be­schrif­tung, Mode­ra­tion trau­ma­ti­sie­ren­der Inhalte, Abbau seltener Erden – „eine lange Kette von Ver­mitt­lun­gen, ein aus­ge­dehn­tes Netzwerk aus natür­li­chen Res­sour­cen, Ener­gie­infra­struk­tur und vor allem Menschen.“ Oft junge Frauen, für Nied­rigst­löhne: Mode­ra­to­rin­nen in Nairobi, die stun­den­lang schwerste Gewalt- und Miss­brauchs­bil­der sichten, damit KI-Systeme sie später erkennen und sperren können – und dabei selbst trau­ma­ti­siert werden. Berg­leute im Kongo, die unter gefähr­li­chen Bedin­gun­gen die Roh­stoffe abbauen, ohne die kein Chip läuft. „Körper werden verletzt, ver­stüm­melt und ver­braucht, damit der Rechen­fluss nicht zum Still­stand kommt.“

Das trifft das KDA-Jah­res­thema der unsicht­ba­ren Arbeit in seiner schärfs­ten Form: Was hinter der glatten Ober­flä­che und dem ein­fa­chen Ein­ga­be­feld ver­bor­gen bleibt, ist nicht Magie, sondern Mühe – mensch­li­che, oft weib­li­che, globale Arbeit – und die Arbeit der mehr-als-mensch­li­chen Welt: Wasser für die Kühlung der Rechen­zen­tren, Energie für den Rechen­fluss, Öko­sys­teme, die die Kosten der Aus­beu­tung tragen, die kein Preis abbildet. All das wird unsicht­bar gemacht, damit das Produkt rei­bungs­los erscheint. Wer über KI-Ein­füh­rung ent­schei­det, ent­schei­det auch darüber, ob diese Kette sichtbar gemacht oder weiter ver­schlei­ert wird. Groß­ar­tige Mensch­heit ent­schei­det sich dafür, hin­zu­se­hen.

Ein evangelisches Wort dazu

Die Prin­zi­pien der katho­li­schen Sozi­al­lehre – Men­schen­würde, Gemein­wohl, Sub­si­dia­ri­tät, Soli­da­ri­tät – sind öku­me­nisch anschluss­fä­hig und in evan­ge­li­schen Kon­tex­ten vertraut. Vieles in dieser Enzy­klika ent­spricht dem, was der KDA seit Jahr­zehn­ten in der Arbeits­welt vertritt: dass Würde nicht von Leistung abhängt, dass Macht­kon­zen­tra­tion dem Gemein­wohl schadet, dass unsicht­bare Arbeit sichtbar gemacht werden muss. Das Dokument bestä­tigt, vertieft und theo­lo­gisch fundiert, was wir aus Erfah­rung kennen.

Was evan­ge­li­sche Ethik ergänzen kann, ist keine Über­le­gen­heit – es ist eine andere Akzen­tu­ie­rung: eine zusätz­li­che Nüch­tern­heit gegen­über allen insti­tu­tio­nel­len Selbst­be­schrei­bun­gen, ein­schließ­lich der eigenen, und die Bereit­schaft, Dissens nicht nur zuzu­las­sen, sondern als pro­duk­tive Kraft zu ver­ste­hen. Wenn die Enzy­klika Syn­oda­li­tät als Gegen­mo­dell zum unge­ord­ne­ten Plu­ra­lis­mus emp­fiehlt, trägt das Bild nur, wenn die ein­la­dende Insti­tu­tion Plu­ra­lis­mus selbst wirklich aushält – eine Anfrage, die sich an evan­ge­li­sche Kirchen nicht weniger stellt. Wer keine Lehr­au­tori­tät hat, kann trotzdem Dissens ungern hören.

Was dieses Dokument leistet – Stel­lung­nahme im Namen des Evan­ge­li­ums, ohne Welt­macht anzu­stre­ben, im Sinne einer öffent­li­chen Theo­lo­gie –, das ist eine Haltung, die der KDA teilt. Deshalb emp­feh­len wir die Lektüre – nicht als päpst­li­che Weisung, sondern als Denk­an­stoß für alle, die in der Arbeits­welt, in Bildung und Gesell­schaft fragen: Was macht das mit uns? Was darf nicht verloren gehen? Die Enzy­klika gibt keine tech­ni­schen Ant­wor­ten. Aber sie stellt die rich­ti­gen Fragen – mit einer Ernst­haf­tig­keit, die über kon­fes­sio­nelle Grenzen hinaus wirkt.

Großartig – wirklich?
Die Enzy­klika gibt keine Garan­tien. Sie sagt: Die Mensch­heit könnte groß­ar­tig sein – wenn sie die eigene Begrenzt­heit aner­kennt, sich in ein größeres Bezugs­sys­tem ein­ord­net. Sie dürfte dabei wun­der­bar mensch­lich sein – ver­letz­lich, ver­schie­den, für­sorg­lich, unop­ti­mier­bar. Das ist die Stadt, die vom Himmel kommt (Offb 21). Nicht errich­tet. Emp­fan­gen.
Oder sie könnte Babel bauen. Wieder. Mit besserer Software.
Was es braucht, um das eine statt das andere zu werden, hat das Dokument beschrie­ben. Einen Rahmen, der Ethik will, nicht nur Wachstum. Mit­be­stim­mung bei denen, die betrof­fen sind. Trans­pa­renz dort, wo Algo­rith­men ent­schei­den. Pro­phe­ti­sche Stimmen, die unbe­queme Wahr­hei­ten sagen – auch über sich selbst. Das ist nicht wenig. Es ist auch nicht unmög­lich.
Die Frage ist nicht, ob die Mensch­heit groß­ar­tig ist. Die Frage ist, wofür sie ihre Groß­ar­tig­keit einsetzt. Und ob sie dabei mensch­lich bleibt. Magni­fica huma­ni­tas – eine Ent­schei­dung.
Die deutsche Über­set­zung der Enzy­klika „Magni­fica huma­ni­tas“ finden Sie hier.

Lesen Sie auch diesen Artikel: Was die KI ver­schweigt von Dr. Con­stan­tin Gröhn: https://zeitzeichen.net/node/12563

Kontakt: Dr. Con­stan­tin Gröhn, Wis­sen­schaft­li­cher Referent für Theo­lo­gie und Wirt­schafts­ethik, Kirch­li­cher Dienst in der Arbeit­welt (KDA)
Ev.-Luth. Kirche in Nord­deutsch­land, T 0151–18687130, E constantin.groehn@kda.nordkirche.de
https://www.kda-nordkirche.de/personen/name/constantin-groehn