Kreuzfahrten gelten für viele Reisende als Ausdruck eines absoluten Luxusurlaubs: Mit nur einmal Koffer packen verschiedene Häfen und Länder sehen, ein Rundum-Sorglos-Paket an Verpflegung und Unterhaltung, tagsüber neue Orte entdecken und abends die Annehmlichkeiten des Schiffes genießen. Doch was viele nicht wissen, für dieses Idealbild eines Urlaubs arbeiten und leben viele Menschen unter prekären Bedingungen.
Verborgenes Leben unter Deck
So gibt es auf Kreuzfahrtschiffen zum Beispiel ungefähr ein Drittel so viele Crewmitglieder, wie Passagiere auf das Schiff passen. Das bedeutet wiederum, dass auf den größten Kreuzfahrtschiffen bis zu 2.000 Menschen aus verschiedenen Nationen arbeiten und leben. Hauptsächlich im Inneren des Schiffes in Räumen ohne natürliches Licht, in kleinen Doppelkabinen ohne Privatsphäre.
Auch freie Tage oder regelmäßiger Landgang sind keine Selbstverständlichkeit, dabei wäre ein freier Tag pro Woche, möglichst mit Landgang, dringend notwendig. Dies gilt besonders für die Besatzung von Kreuzfahrtschiffen, für die es an Bord nur wenig Aufenthaltsmöglichkeiten gibt, denn Crew- und Passagierbereiche sind strikt getrennt. Dennoch ist aufgrund von kurzen Liegezeiten und häufigen Passagierwechseln oft wochenlang kein Landgang möglich.
Woran Mindestlohn und gleiche Arbeitsbedingungen für Alle scheitern
Weiterhin werden Nicht-EU-Staatsbürger auf Kreuzfahrtschiffen oft untertariflich bezahlt. Hier spielen die Reederei, die Position und das Herkunftsland eine Rolle. So kommen zum Beispiel die mit Abstand meisten Servicemitarbeiter:innen auf Kreuzfahrtschiffen von den Philippinen und werden, zumindest im Vergleich mit Europäischen Standards, unter dem Mindestlohn bezahlt. Die meisten Angaben liegen ungefähr bei zwei bis drei US-Dollar in der Stunde, wovon häufig noch die Kosten für die eigene Ausbildung abgezogen werden.
Des Weiteren gibt es Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen. Ein Beispiel dafür sind die Arbeitszeiten. So ist es zum Beispiel nicht selten, dass Crewmitglieder 14-Stunden-Schichten arbeiten, kurz schlafen, dann wieder 14 Stunden arbeiten und das sieben Tage die Woche bei einer Vertragslaufzeit von 9 bis 12 Monaten. Zum Vergleich: Die meisten nautischen Offiziere, oft aus europäischen Ländern, sind zwischen 3 und 6 Monaten an Bord. Ein weiteres Beispiel für die enormen Differenzen ist die Zahlung der Kranken- oder Sozialversicherung. EU-Staatsbürger sind für den Zeitraum des Anstellungsvertrages nach EU-Richtlinien umfassend sozial- und krankenversichert (Kranken-, Unfall-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung), während alle anderen diese Kosten entweder selbst zahlen oder ohne Absicherung zur See fahren müssen.
Das Problem ist, dass die meisten Kreuzfahrtschiffe unter sogenannten „Billigflaggen“ fahren. Jedes Schiff unterliegt den Gesetzen des Staates, dessen Flagge es führt, das gilt auch für das Tarifrecht, Sicherheits- und Arbeitsschutzbestimmungen. Sind Schiffe deutscher Redereien ausgeflaggt, gelten an Bord also nicht deutsche Tariflöhne oder Gesetze zur Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeits-Organisation (ILO), sondern die des jeweiligen Flaggenstaates. Besonders „Billigflaggenstaaten“ zeichnen sich durch Sozialdumping, unkontrollierte Arbeitsverhältnisse und ungeregelte Arbeitsbedingungen aus. Seit Jahren fährt beispielsweise kein einziges Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge.
Rechtliche Regelungen oft ohne Wirkung – zivilgesellschaftliches Engagement ist gefragt
Um die Situation für die Seeleute zu verbessern, verabschiedete die ILO 2006 die Maritime Labour Convention (MLC), die u.a. Deutschland 2013 ratifiziert hat. Die Konvention definiert Mindestanforderungen für die Arbeit auf Schiffen und beinhaltet grundlegende Beschäftigungs- und Sozialrechte der Seeleute. Durch die MLC haben die Behörden vor Ort mehr Möglichkeiten einzugreifen, da alle Schiffe in den Häfen ratifizierender Staaten kontrolliert werden können, unabhängig von der Flagge, unter der sie fahren. Dennoch hapert es bei der Durchsetzung aufgrund fehlender Kontrollen und Sanktionen.
Daher ist es umso wichtiger, auch auf dem Festland auf diese Missstände aufmerksam zu machen und ein nachhaltiges Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Arbeits- und Lebensbedingungen hinter der perfekten Fassade von Kreuzfahrtschiffen herrschen.
Autor*innen: Karl Zapff (BeN), Sonja Borski (KDA Bremen), Kathleen Schulze (KDA Nordkirche)
Ressourcen/Quellen
(jeweils letzter Zugriff Februar 2026):
BEI SH, Wirtschaft und Menschenrechte in Schleswig-Holstein (2022): Menschenrechte und die Seeschifffahrt, https://www.kda-nordkirche.de/f/c7deb792c5.pdf
Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung:
- https://toolbox.bizme.de/?sfid=1805&_sf_s=Kreuzfahrt
- https://toolbox.bizme.de/kreuzfahrt-quiz/
- https://toolbox.bizme.de/studie-traumschiff/
- https://toolbox.bizme.de/factsheets-kreuzfahrt/
Die Zeit, Fahnenflucht auf hoher See, https://www.zeit.de/2016/35/kreuzfahrtschiffe-flaggen-ausland-steuern-loehne-mitarbeiter
ITF, Cruise Ships, https://www.itfseafarers.org/en/resources/cruise-ships
Kreuzfahrtschiffe (k)entern, https://kreuzfahrt.nirgendwo.info/hintergrund/arbeitsbedingungen/
Leibniz-Magazin, Kein Traumschiff, https://www.leibniz-magazin.de/alle-artikel/magazindetail/newsdetails/kein-traumschiff
Mittendrin am Rande (2023), 20-Stunden-Tage und kein Wochenende – Arbeitszeiten auf dem Schiff; https://www.kda-nordkirche.de/f/d9cd69fb3e.pdf
Pro7 Galileo, Traumjob oder Ausbeutung? Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff, https://www.youtube.com/watch?v=S95ws_oSJSM
Schiffsradar, Harte Realität: Die Wahrheit über Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen, https://schiffsradar.org/arbeitsbedingungen-auf-kreuzfahrtschiffen/
Doku-Tipps zu Arbeits- und Lebensbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen
(Stand Februar 2026):
Reisen in ferne Welten: Captain Cook auf Kreuzfahrt, Saarländischer Rundfunk, ARD-Mediathek
Inside Kreuzfahrtschiff: Arbeiten an Bord, Bayrischer Rundfunk PULS Reportage, ARD-Mediathek
Giganten der Meere, ZDF-Info, ZDF-Mediathek







