Es geht ums Ein­ge­machte, um den wahren Kern der euro­päi­schen Inte­gra­tion. Die in den EU-Ver­trä­gen ver­briefte Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit ist gelebte Völ­ker­ver­stän­di­gung, Garant für ein his­to­risch ein­ma­li­ges Maß an per­sön­li­cher Freiheit und unmiss­ver­ständ­li­cher Ausdruck der auf Wett­be­werb aus­ge­leg­ten EU-Wirt­schafts­ord­nung. In Kom­bi­na­tion mit der EU-Nie­der­las­sungs­frei­heit über­win­det sie natio­nale Grenzen und lässt Europa ganz unmit­tel­bar zusammen wachsen.

Sprich­wört­lich mit den Füßen können die Bür­ge­rin­nen und Bürger der EU täglich darüber abstim­men, wo sich ihnen und ihren Familien die besten Per­spek­ti­ven bieten. Ob wirt­schaft­li­che Pro­spe­ri­tät, soziale Sicher­heit oder gelebte gesell­schaft­li­che Toleranz – die inner­eu­ro­päi­schen Migra­ti­ons­ströme decken die Stärken und Schwä­chen der EU-Mit­glieds­staa­ten und ihrer Regionen klarer und brutaler auf als alle anderen sozio­öko­no­mi­schen Indi­ka­to­ren zusammen.

Im Ver­gleich zur USA mag die Mobi­li­tät des Faktors Arbeit in der EU zwar wei­ter­hin schwach aus­ge­prägt sein, man­cher­orts führt sie jedoch zu massiven Kon­se­quen­zen. So drohen ganze Land­stri­che in Ost- und Süd­eu­ropa ihre Zukunfts­fä­hig­keit durch anhal­tende Abwan­de­rung vor allem in die dyna­mi­schen Metro­pol­re­gio­nen Nord­west­eu­ro­pas zu ver­lie­ren. Diese wiederum pro­fi­tie­ren wirt­schaft­lich zwar enorm von dem Zuzug, kommen aber kaum mit dem not­wen­di­gen Ausbau der Daseins­vor­sorge und Infra­struk­tur nach.

In der Folge sieht sich selbst eine liberale Hochburg wie London mit dem wach­sen­den Unmut breiter Bevöl­ke­rungs­schich­ten kon­fron­tiert. Hier trifft die unver­min­dert hohe Ein­wan­de­rung aus allen EU-Staaten auf ein durch natio­nale Steuer- und Sozi­al­po­li­tik bewusst redu­zier­tes Angebot in wich­ti­gen Lebens­be­rei­chen wie Wohnen oder Bildung. Nicht von ungefähr ist die EU-Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit daher zu einem zen­tra­len Streit­punkt in der emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Brexit-Debatte geworden.

Nicht nur in Groß­bri­tan­nien, in vielen EU-Staaten werden immer wieder For­de­run­gen nach Abschaf­fung oder zumin­dest spür­ba­re­rer Ein­schrän­kung der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit laut. Pro­tek­tio­nis­mus oder gar natio­nale Abschot­tung als Pro­blem­lö­sungs­an­satz hat Kon­junk­tur, quer durch fast alle poli­ti­schen Lager. Unbe­strit­ten ist, dass der EU-Bin­nen­markt im All­ge­mei­nen und die EU-Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit im Spe­zi­el­len eine Wett­be­werbs­dy­na­mik erzeugen, die alle Mit­glieds­staa­ten unter per­ma­nen­ten Reform­druck setzt. Staaten, die diese Reformen auf Dauer schuldig bleiben, machen ihre eigene Bevöl­ke­rung zu Ver­lie­rern der Inte­gra­tion und leisten anti­eu­ro­päi­schen Res­sen­ti­ments fahr­läs­sig Vorschub.

Falsch ver­stan­dene Soli­da­ri­tät kann hier fatale Folgen haben. Sollte sich die Ein­schrän­kung euro­päi­scher Grund­rechte wei­ter­hin als legi­ti­mes Instru­ment für kurz­fris­ti­ges Kri­sen­ma­nage­ment eta­blie­ren, verlöre das euro­päi­sche Projekt seine Seele, seine schöp­fe­ri­sche Kraft. Deutsch­land und Öster­reich waren bei der (befris­te­ten) Aus­set­zung der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit im Zuge der Ost­erwei­te­rung bereits 2004 unrühm­li­che Vor­bil­der. Der aktuelle EU-Deal mit Cameron im Vorfeld des bri­ti­schen Refe­ren­dums knüpft direkt an diese Tra­di­tion an.

Die unein­ge­schränkte Ver­wirk­li­chung der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit in der ganzen EU muss ein zen­tra­les Ziel euro­päi­scher Politik bleiben. Dies schließt die Wei­ter­ent­wick­lung und tat­säch­li­che Gewäh­rung grenz­über­schrei­ten­der Sozi­al­stan­dards für Migran­tin­nen und Migran­ten aus­drück­lich mit ein. Ohne per­ma­nente Über­zeu­gungs­ar­beit und poli­ti­schen Druck wird es aller­dings nicht gehen. Die EU-Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit braucht laute Für­spra­che, leider.

Ach, und die Kirchen? Auf euro­päi­scher Ebene sind sie unver­hofft gut auf­ge­stellt. Seit Jahren tritt die Churches‘ Com­mis­sion for  Migrants in Europe (CCME) mit enormer Exper­tise und Über­zeu­gungs­kraft für eine bessere recht­li­che und soziale Absi­che­rung aller Migran­tin­nen und Migran­ten in der EU ein. Sicher nicht immer im Einklang mit den Inter­esse aller Mit­glieds­kir­chen oder natio­na­len Regie­run­gen, wohl aber in unmiss­ver­ständ­li­cher Soli­da­ri­tät mit den Betrof­fe­nen. Diese Arbeit braucht mehr ideelle und finan­zi­elle Unter­stüt­zung. Sollte möglich sein …