Der Brexit ist ein Symptom der Krise der EU, aber sicher nicht die Ursache einer Zuspit­zung dieser Krise. Die Krise der EU war eine not­wen­dige, aber für den Brexit allein nicht hin­rei­chende Vor­aus­set­zung.
Jürgen Habermas weist am 9.7.2016 in der Zeit zu Recht darauf hin, dass wir es in Groß­bri­tan­nien mit einer Nation zu tun haben, die, als Groß­macht im 20. Jahr­hun­dert zweimal sieg­reich war, aber nun schon geraume Zeit welt­po­li­tisch im Abstieg begrif­fen ist.  Das kol­lek­tive poli­ti­sche Bewusst­sein arran­giere sich, so Habermas, mit dieser neuen Lage nur mit Ver­zö­ge­rung.
Dazu kommen nun die Bestand­teile der Krise der Union.
Lange Zeit war das Narrativ der EU wirksam, in dem die EU als Raum des Wohl­stan­des und der sozialen Sicher­heit, von Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit und von Frieden inner­halb der EU und Sicher­heit vor Bedro­hun­gen von außen wirkt.

Der Prozess der immer engeren Union, fest­ge­schrie­ben in den Ver­trä­gen und von den EU-Insti­tu­tio­nen, ins­be­son­dere Kom­mis­sion und Euro­päi­schem Gerichts­hof  extensiv aus­ge­legt, schien unum­kehr­bar.

Kri­ti­sche Hinweise anläss­lich der Ein­füh­rung des Bin­nen­mark­tes, dieser  Prozess  vertiefe die Dominanz der Ökonomie und des Marktes und berück­sich­tige zu wenig die sozialen Folgen wurden weit­ge­hend igno­riert. Für den Sektor der Dienst­leis­tun­gen vollzog sich dies mit der Dienst­leis­tungs­richt­li­nie, die es den Mit­glieds­staa­ten erheb­lich erschwerte, selbst darüber zu ent­schei­den, welche Bereiche sie öffnen und welche nicht.

Die Debatte um das Ver­hält­nis von Ver­tie­fung und Erwei­te­rung der Union in den 90-er Jahren wurde von den Befür­wor­tern wesent­lich mit den Schlag­wor­ten von Alter­na­tiv­lo­sig­keit und der his­to­ri­schen Stunde bestrit­ten. Aus über­wie­gend geo­po­li­ti­schen Erwä­gun­gen wurden die Bei­tritte der ost- und süd­ost­eu­ro­päi­schen Länder durch­ge­setzt, die mit noch wenig stabilen  demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, nur rudi­men­tär vor­han­de­nen  Sozi­al­sys­te­men und wenig ent­wi­ckel­ter und  kaum kon­kur­renz­fä­hi­ger Wirt­schaft die öko­no­mi­schen Unter­schiede in der EU dra­ma­tisch anstei­gen ließen.
Die Euro­päi­sche Kom­mis­sion mit der Rücken­de­ckung des EuGH bestand in dieser Situa­tion ein­sei­tig auf der abso­lu­ten Frei­zü­gig­keit und Gleich­be­hand­lung aller EU-Bürger, ohne die realen Ver­hält­nisse ekla­tan­ter öko­no­mi­scher und sozialer Unter­schiede zu berück­sich­ti­gen.

Viel Por­zel­lan zer­schla­gen wurde von der EU schließ­lich beim Umgang mit der Ableh­nung des Ver­fas­sungs­ver­tra­ges in den Volks­ab­stim­mun­gen in Frank­reich und den Nie­der­lan­den. Anstatt zu beraten, wie durch Ver­än­de­run­gen des Ver­fas­sungs­ent­wurfs  dem Votum des Wahl­vol­kes in den beiden bedeu­ten­den Mit­glieds­staa­ten ent­ge­gen­ge­kom­men werden könnte, wurde nach bewähr­ter Manier  hinter ver­schlos­se­nen Türen der Lissabon-Vertrag  erar­bei­tet.

Generell wurden und werden kri­ti­schen Beiträge zur Politik der EU gern mit Bezeich­nun­gen wie „EU-feind­lich“ oder neu­er­dings „popu­lis­tisch“ cha­rak­te­ri­siert. Dahinter steckt häufig eine Immu­ni­sie­rungs­stra­te­gie gegen­über einem offenen und herr­schafts­freien Diskurs.
Ob  eine solche Stra­te­gie dazu beiträgt, dass auch sachlich fun­dierte Kritik ins rechte und ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Lager abwan­dert und sich dort radi­ka­li­siert, kann nur vermutet werden.

Die Finanz­krise und ihre Folgen schließ­lich, ins­be­son­dere die maß­geb­lich von Deutsch­land durch­ge­drückte Austeri­täts­po­li­tik, führten dazu, dass auch das Ver­spre­chen für Wohl­stand und soziale Sicher­heit nicht mehr trug.

Im Gegen­teil nimmt in den meisten Mit­glieds­staa­ten die Armut, fast 25% aller EU-Bür­ge­rin­nen und Bürger sind von Armut und sozialer Aus­gren­zung bedroht. Und  die Arbeits­lo­sig­keit in vielen Mit­glieds­staa­ten ist hoch, sie beträgt im Mai 2016 in allen EU Staaten zusammen 21 Mil­lio­nen.
Auch die Ergeb­nisse der ambi­tio­nier­ten Stra­te­gie Europa 2020 sind, wie die EU-Kom­mis­sion selbst ein­räumte, ernüch­ternd.
All dies bildet den Nähr­bo­den für eine Bewer­tung, die die EU wesent­lich als Eli­ten­pro­jekt bezeich­net.

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Zurück zu den Folgen des Brexit:
Wie in der geschil­der­ten kri­sen­haf­ten Gemenge­lage, in der die tra­dier­ten Nar­ra­tive nicht mehr wirksam sind, ein „Weiter so – mehr Europa“ funk­tio­nie­ren soll, bleibt das Geheim­nis der Prot­ago­nis­ten diese Vor­ge­hens.

Was also ist zu tun? Es gibt wohl keine schnell wirk­sa­men Lösungen.
Ob, wie von dem ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Außen­mi­nis­ter  Hubert Vedrine in einem Beitrag  in der FAZ vor­ge­schla­gen, die Kom­bi­na­tion eines zwei­jäh­ri­gen Mora­to­ri­ums weiterer Inte­gra­ti­ons­schritte mit einer Kon­fe­renz zur Neu­grün­dung der Union prak­ti­ka­bel ist, wäre zu dis­ku­tie­ren.

Auf jeden Fall muss das Thema wirt­schaft­li­cher Wohl­stand und soziale Sicher­heit wieder eine zentrale Rolle spielen.  Der Sozi­al­staat in seiner west – und nord­eu­ro­päi­schen Aus­prä­gung ist eine zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaft, die nicht auf­ge­ge­ben werden darf, sondern  zu ver­tei­di­gen ist (was nicht heißen
muss, alles muss so bleiben wie es ist).  Leider hat die EU in den letzten Jahren hierzu kaum einen Beitrag geleis­tet. Wer Fle­xi­cu­rity predigt, aber vor allem Flex meint, wie die EU-Kom. , und das Ren­ten­al­ter  an die Ent­wick­lung des Lebens­al­ters koppeln will, darf sich nicht wundern  wenn dies bei vielen Bür­ge­rin­nen und Bürgern als Ausdruck neo­li­be­ra­ler Politik ankommt.

Wer bei der Daseins­vor­sorge Markt und Wett­be­werb Prio­ri­tät ein­räu­men möchte und damit zugleich neue Anlagen für privates Kapital schaffen möchte, darf sich nicht wundern, wenn der Bürger und die Bürgerin miss­trau­isch werden.

Vor diesem Hin­ter­grund sollten die Kirchen die Errun­gen­schaf­ten des Sozi­al­staa­tes vehement ver­tei­di­gen.
Natür­lich geschieht dies bisher auch schon – aber häufig auf einer zu abs­trak­ten Ebene – allein die For­de­rung nach einem sozialen  Europa, das auch die Armen und Aus­ge­grenz­ten mitnimmt, ist noch keine poli­ti­sche Stra­te­gie.
Die gerechte und par­ti­zi­pa­ti­ons­ori­en­tierte Gestal­tung sozialer und sozial- und arbeits­recht­li­cher  Ver­hält­nisse, eine gemein­wohl­ori­en­tierte Orga­ni­sie­rung der Daseins­vor­sorge  und manch anderes, sind Ausdruck von poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­sen. Diese auf euro­päi­scher Ebene stärker zu beein­flus­sen,  mit Bünd­nis­part­nern zu koope­rie­ren,  nicht national beschränkt zu agieren kann und wird einen Beitrag zum Aufbau einer euro­päi­schen poli­ti­schen Öffent­lich­keit leisten, die leider bisher noch unter­ent­wi­ckelt ist.

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Das Dilemma der EU mit „dem Sozialen“ besteht ist eben auch, dass die Sozi­al­po­li­tik vor allem in der Ver­ant­wor­tung der Mit­glieds­staa­ten liegt, die EU-Ebene aber gleich­wohl die öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen stark beein­flusst.
Es muss daher gelingen, auf EU-Ebene Elemente einer Gestal­tung des Sozi­al­staa­tes zu ver­an­kern, die sich auf Prin­zi­pien der Siche­rung des Lebens­stan­dards beim Bezug von Sozi­al­leis­tun­gen und Renten, auf einen ent­wi­ckel­ten Schutz von Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mern, auf Mit­be­stim­mung und Par­ti­zi­pa­tion stützt.
Grund­sätz­lich sollte gelten: das höchste Schutz­ni­veau, die wei­test­ge­hen­den Rechte sollten Richt­schnur sein.
Gelingt dies nicht, wird die EU immer Gefahr laufen, mit­ver­ant­wort­lich gemacht zu werden für Armut, für Soziale Aus­gren­zung, für eine Absen­kung sozialer Leis­tun­gen.
Da braucht man sich dann um die Akzep­tanz der EU in der Bevöl­ke­rung keine Sorgen machen und dem Brexit folgt viel­leicht ein weiterer Exit.