Über­schul­dete Haus­be­sit­zer, Rekord­ar­beits­lo­sig­keit, jah­re­lan­ger Spar­haus­halt, insol­vente Regionen, Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren beim kom­mis­sa­risch regie­ren­den Partido Popular (PP), Füh­rungs­krise bei den oppo­si­tio­nel­len Sozia­lis­ten (PSOE), ster­bende Dörfer, Sepa­ra­tis­mus in Kata­lo­nien, ver­fes­tigte Per­spek­tiv­lo­sig­keit für eine ganze Gene­ra­tion – eigent­lich ist Spanien der perfekte Cocktail für einen veri­ta­blen Rechts­ruck. Eigent­lich.

Tat­säch­lich aber hebt sich Spanien seit Jahren wohl­tu­end von der Ent­wick­lung in anderen EU-Staaten ab. Zwar ist das poli­ti­sche System auch hier ordent­lich in Bewegung gekommen. Aber anders als etwa in Frank­reich, den Nie­der­lan­den oder Öster­reich werden die beiden eta­blier­ten Parteien nicht vom rechten, natio­na­lis­ti­schen Rand her­aus­ge­for­dert, sondern vielmehr von den libe­ra­len „Ciu­da­d­a­nos“ sowie der kom­pe­tent und geschickt agie­ren­den linken Bewegung „Podemos“.  Diese stabile Aus­gangs­lage lassen offen­kun­dig auch die aktu­el­len Schwie­rig­kei­ten bei der Regie­rungs­bil­dung nahezu unbe­rührt.

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Ein nicht zu unter­schät­zen­der Grund für den spa­ni­schen Son­der­weg liegt sicher darin, dass die meisten Spa­nie­rin­nen und Spanier darin über­ein­stim­men, dass das Land für seine Krise in erster Linie selbst ver­ant­wort­lich ist, die Über­win­dung der Krise daher auch weit­ge­hend aus eigener Kraft gelingen muss.  Popu­lis­ti­sche For­de­run­gen nach Abschot­tung oder Aus­gren­zung fallen da kaum auf frucht­ba­ren Boden. Bereits im Wahl­kampf 2011, also mitten in der Krise, hatte der damalige Oppo­si­ti­ons­füh­rer Mariano Rajoy (PP) umfas­sende struk­tu­relle Reformen und einen harten Sanie­rungs­kurs in enger Zusam­men­ar­beit mit der EU ange­kün­digt – und anschlie­ßend mit abso­lu­ter Mehrheit gewonnen. Die anderswo üblichen, pau­scha­len Schuld­zu­wei­sun­gen an Brüssel ver­fin­gen hingegen nicht und sind bis heute weit­ge­hend aus­ge­blie­ben. Mit anti­eu­ro­päi­schen Res­sen­ti­ments sind in Spanien wei­ter­hin keine Wahlen zu gewinnen, und dies trotz heftiger Aus­ein­an­der­set­zun­gen über konkrete Maß­nah­men des EU-Kri­sen­ma­nage­ments.

Inzwi­schen, nach acht teils dra­ma­ti­schen Kri­sen­jah­ren, gibt es wieder Licht am Ende des Tunnels. Sollte sich die begon­nene wirt­schaft­li­che Erholung ver­ste­ti­gen und sogar weiter an Fahrt gewinnen, könnte Spanien erneut zu einer euro­päi­schen Erfolgs­ge­schichte werden. Die erste begann vor gerade mal 30 Jahren, als das Land zusammen mit Portugal der dama­li­gen Euro­päi­schen Gemein­schaft (EG) beitrat. Damals lagen die faschis­ti­sche Franco-Ära und der letzte ver­suchte Mili­tär­putsch erst wenige Jahre zurück. Mit dem EG-Beitritt setzte jedoch eine atem­be­rau­bende Ent­wick­lung zu wirt­schaft­li­cher Pro­spe­ri­tät und demo­kra­ti­scher Sta­bi­li­tät ein. Wenn Spanien heute trotz lang­jäh­ri­ger Krise poli­tisch bewun­derns­wert stabil und weit und breit kein Rechts­ruck in Sicht ist, ist dies auch ein nach­hal­ti­ger Erfolg der euro­päi­schen Inte­gra­tion –  und Balsam für die geschun­dene euro­päi­sche Seele.

Ach, und die Kirchen? Sie sollten Spanien und seine poli­ti­sche Sta­bi­li­tät als euro­päi­sche Erfolgs­ge­schichte bewusst in ihren Narrativ eines soli­da­ri­schen Europas ein­bin­den. Gerade in der  Aus­ein­an­der­set­zung mit eher euro­pa­skep­ti­schen Bewe­gun­gen könnte dies die ursprüng­li­che Strahl­kraft des euro­päi­schen Projekts wieder deut­li­cher zum Vor­schein bringen.