… wir, der Kirch­li­che Dienst in der Arbeits­welt und die Gewerk­schaf­ten.

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In der letzten VER.DI Publik 5 findet sich ein inter­es­san­ter Artikel zum Thema im euro­päi­schen Kontext, den ich hier zitiere:

Die tiefe Krise der abhän­gi­gen Arbeit
Der Politik des Dumpings endlich ein Ende setzen

Werner Rügemer ist freier Autor und Publi­zist

Die Euro­päi­sche Union hat viele Krisen: bank­rotte Pri­vat­ban­ken, über­schul­dete Staaten (auch die mit der schwar­zen Null), unge­lieb­tes Füh­rungs­per­so­nal und so weiter. Der Kri­sen­mix zeigte sich auch beim „Brexit“. Die Mehrheit der Briten wollte, dass ihr Staat die EU verlässt. Aber „Drin­blei­ben“ oder „Raus­gehen“: Beides kann für die Mehrheit der Bevöl­ke­rung genauso schlecht bleiben oder werden, wenn nicht die Krisen­ursachen und die Alter­na­ti­ven genauer benannt werden.

Die wohl am meisten ver­drängte und am meisten verzerrt darge­stellte Krise ist die der abhän­gi­gen Arbeit. Das gilt für die gesamte Euro­päi­sche Union, für Groß­bri­tan­nien, für Grie­chen­land und Portugal, aber auch für die wich­tigs­ten EU-Staaten wie Frank­reich und Meister Deutsch­land.

„Es geht uns allen gut“, so die Dau­er­bot­schaft der deut­schen Bundes­kanzlerin. So gna­den­los schlicht kann man die tiefste Krise der Arbeit beschö­ni­gen, die die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land je hatte: Die Erpres­sungs­si­tua­tion von Mil­lio­nen Arbeits­lo­sen, Mindest­löhnern, Werk­ver­traglern, „Auf­sto­ckern“, unfrei­wil­lig Teilzeit­arbeitenden und Leih­ar­bei­tern, Mehr­fach­job­bern, Ein-Euro-Jobbern, befris­tet Beschäf­tig­ten, aus Not arbei­ten­den Rentnern und Rentne­rinnen und der vielen, die sich täglich ein paar Nah­rungs­mit­tel bei den ein­tau­send mild­tä­ti­gen Tafeln in Deutsch­land abholen müssen.

Unter­neh­mens­chefs nötigen Beschäf­tigte zu immer mehr unbezahl­ten Über­stun­den. Gegen­wär­tig werden so pro Jahr die Gewinne der Aktio­näre und die Ein­kom­men der Top­ma­na­ger mit min­des­tens 40 Mil­li­ar­den Euro zusätz­lich sub­ven­tio­niert, und das sind nur die doku­mentierten Über­stun­den, während die Zahl der nicht dokumentier­ten Über­stun­den eben­falls wächst. Aus Angst um ihren Job ver­zich­ten Beschäf­tigte auf immer mehr Urlaubs­tage. Während Mil­lio­nen Beschäf­tigte mit Voll­zeit­stel­len 45 und auch viel mehr Stunden in der Woche arbeiten, sind Mil­lio­nen andere Beschäf­tigte gezwun­gen, sich mit 15 oder 20 Stun­den mit Teil­zeit­jobs über Wasser zu halten. Und die Sta­tis­ti­ken über die Zahl der Arbeits­lo­sen werden mani­pu­liert. Keine Krise der Arbeit? Es geht uns allen gut?

Diese ver­hee­rende Ent­wick­lung haben die Ver­ant­wort­li­chen der Euro­päi­schen Union spä­tes­tens seit dem Jahr 2000 gezielt vor­an­ge­trie­ben.

Mit der „Stra­te­gie von Lissabon“ sollte die EU „der wettbewerbs­fähigste Wirt­schafts­raum der Welt“ werden. Die deutsche Regie­rung unter Kanzler Gerhard Schröder instal­lierte damals die Agenda 2010: Deutsch­land sollte vor­an­ge­hen. So wurde Deutsch­land zum größten Nied­rig­lohn­ge­biet der EU „refor­miert“.

Dabei blieb es nicht. Die EU richtete nach deut­schem Vorbild 2010 das „Euro­päi­sche Semester“ ein. Die Staaten sollen Leis­tun­gen kürzen und noch güns­ti­gere Rah­men­be­din­gun­gen für Unter­neh­men schaffen – mit Straf­zah­lung bei Nicht­be­fol­gen. Das kon­trol­liert die Euro­päi­sche Kom­mis­sion in allen 28 EU-Mit­glieds­staa­ten jährlich. Sie inter­ve­niert lohn­po­li­tisch, nicht nur in Grie­chen­land, Zypern, Spanien, Finnland und Portugal. Sie inter­ve­niert nun auch in den großen Staaten.

Athen 2014

Die Kom­mis­sion zwang die Regie­rung von Matteo Renzi in Italien, den Arbeits­markt „wett­be­werbs­fä­hi­ger“ zu machen. Die Kommis­sion steht – gemein­sam mit dem Unter­neh­mer­ver­band MEDEF – auch hinter dem aggres­si­ven Arbeits„reform„gesetz der französi­schen Regie­rung unter dem Staats­prä­si­den­ten Francois Hollande. Diese „Reform“ geht noch über die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze hinaus: Zum Beispiel sollen die Lohn­ver­hand­lun­gen in die ein­zel­nen Unter­neh­men ver­la­gert werden. Die Parole lautet: Gewerk­schaf­ten über­flüs­sig machen! Und dieses Gesetz will die Regie­rung per Not­ver­ord­nung am Par­la­ment vorbei durch­zie­hen.

Im Jah­res­be­richt 2016 der Kom­mis­sion befindet sich übrigens auch die Bun­des­re­pu­blik unter den Staaten mit „makro­öko­no­mi­schem Ungleich­ge­wicht“, deshalb seien weitere Struktur„reformen“ nötig. Die Kom­mis­sion will zudem für jeden Mit­glieds­staat einen nationa­len „Wett­be­werbs­aus­schuss“ ein­rich­ten, der die Löhne über­wacht und in die Tarif­au­to­no­mie ein­grei­fen darf. Das zer­stö­re­ri­sche Lohn- und Rechts-Dumping inner­halb der EU-Staaten und zwischen ihnen würde noch aggres­si­ver und würde nie aufhören.

Dieser Ent­wick­lung muss ein Ende gesetzt werden! Frank­reich ist das erste große EU-Land, in dem breiter und per­spek­ti­ven­rei­cher Wider­stand gegen solche Arbeits­ge­setze orga­ni­siert wird. Er sollte endlich der Anstoß sein für einen euro­päi­schen koor­di­nier­ten Wider­stand, als Teil einer demo­kra­ti­schen, kon­sti­tu­tio­nel­len und sozialen Neu­grün­dung Europas.