Neben all der Kritik, die tag­täg­lich auf Europa her­ein­pras­selt, ver­ges­sen wir manchmal, dass wir es hier mit einem ein­zig­ar­ti­gen Demo­kra­tie- und Frie­dens­pro­jekt zu tun haben – und das seit 70 Jahren.

Ich bin stolz in einem ver­ein­ten Europa zu leben ohne Angst vor Krieg. Ich freue mich heute mit Kol­le­gin­nen und Kollegen zusam­men­ar­bei­ten zu können, die zu meiner Jugend noch hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben.

Mit jeder Erwei­te­rung der Union, mit jeder Bei­tritts­ver­hand­lung schärfen wir unser Ver­ständ­nis von Soli­da­ri­tät und Demo­kra­tie. Ein solches Modell der Ver­mitt­lung von Bür­ger­rech­ten ist in der Welt ein­zig­ar­tig.

rigging-918920_1280

In der heutigen Bericht­erstat­tung wird Europa leider vor allem mit Krisen asso­zi­iert: Wirt­schafts­krise, Finanz­krise, Grie­chen­land­krise, Flücht­lings­krise, BREXIT-Krise. Das Ver­trauen in Europa sinkt – vor allem, wenn es darum geht die großen Her­aus­for­de­run­gen unserer Zeit zu meistern. Europa ist für viele im besten Fall ein gut funk­tio­nie­ren­der Bin­nen­markt; im schlech­tes­ten Fall ein Büro­kra­tie­mons­ter, das das eigene Leben ein­schränkt.

Zuge­ge­ben: die Euro­päi­sche Union hat es in den letzten Jahren zu wenig gegen die  stei­gende Ungleich­heit in Europa getan. Viele Menschen fühlen sich ver­un­si­chert und haben Angst vor der Zukunft. Das „Soziale Europa“ ist für sie nicht wahr­nehm­bar. Dabei ist Europa auch eine Solidar- und Sozi­al­ge­mein­schaft. Doch genau das kommt in den letzten Jahren immer zu kurz. Soziale Rechte werden als Belas­tung und Wett­be­werbs­hin­der­nis dar­ge­stellt.

Diese neo­li­be­rale Politik in Europa muss endlich ein Ende haben. Wir müssen die soziale Dimen­sion stärken, um  die  Unter­stüt­zung der Bür­ge­rin­nen und Bürger für Europa zurück­zu­ge­win­nen. Wir benö­ti­gen sie mehr als je zuvor. Aktuelle Her­aus­for­de­run­gen, wie zum Beispiel die Flücht­lings­krise oder auch die Ver­än­de­rung der Arbeits­welt durch die Digi­ta­li­sie­rung, werden wir nur gemein­sam lösen können. Dafür muss der Mensch vor den Markt gestellt werden.

Das ist auch ein öko­no­mi­scher Fakt: Europa kann weltweit nicht um die bil­ligs­ten Arbeits­kräfte kon­kur­rie­ren. Unser Anspruch muss sein mit bester Qualität auf dem welt­wei­ten Markt zu über­zeu­gen. Die sozialen Ange­le­gen­hei­ten sind dabei weder ein Anhäng­sel des Bin­nen­markts, noch sind sie eine regu­la­to­ri­sche Belas­tung. Diese Ansich­ten ver­lei­hen ledig­lich den Popu­lis­ten und Euro­skep­ti­kern weiteren Auftrieb.

Wir müssen vielmehr auf eine Sozi­al­union hin­ar­bei­ten, die auf hohen gemein­sa­men Stan­dards basiert und die natio­na­len Sozi­al­staa­ten bei der Anpas­sung ihrer Sozi­al­po­li­tik auf natio­na­ler Ebene unter­stützt und anleitet.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­sion hat dazu eine Kon­sul­ta­tion zur Eta­blie­rung einer sozialen Säule gestar­tet, die noch bis Ende des Jahres läuft. Der Vor­schlag der Kom­mis­sion ist sehr vage. Die Kom­mis­sion will jetzt erstmal zusam­men­tra­gen, was es in Europa bereits an Sozi­al­ge­setz­ge­bung gibt und dann daraus einen Refe­renz­rah­men für euro­päi­sche Sozi­al­po­li­tik machen.

Aus meiner Sicht ist klar: ein Rahmen reicht nicht! Ich will, dass die Säule auch eine Säule ist; also ein tra­gen­des Element. Sie muss die euro­päi­sche Gesell­schaft stützen können. Das euro­päi­sche Sozi­al­mo­dell bedarf einer Über­ar­bei­tung, so dass es eine Ver­läss­lich­keit für alle Europäer bietet.

Derzeit zeigt sich euro­pa­weit hin­sicht­lich der sozialen Siche­rung eine gefähr­li­che Spirale abwärts. Die Gründe sind unter anderem der Druck des Marktes und die Funk­ti­ons­weise der Eurozone. Die soziale Säule muss die soziale Kon­ver­genz wieder nach oben schrau­ben und dafür muss sie mehr sein als die Zusam­men­fas­sung bestehen­der Regeln.

Wir brauchen bei­spiels­weise eine klare Liste von sozialen Stan­dards, die für alle Arten von Beschäf­ti­gung gelten. Hier­un­ter fallen auch die Defi­ni­tion des Arbeit­neh­mer­be­griffs und die Umset­zung des Prinzips „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.

Wir brauchen wir­kungs­volle Stra­te­gien zur Bekämp­fung von Arbeits­lo­sig­keit, Armut und sozialer Aus­gren­zung. Hierzu gehören für mich die Sicher­stel­lung von exis­tenz­si­chern­den Löhnen und Min­dest­ein­kom­men und die Ein­füh­rung einer „Child Gua­ran­tee“. Letztere soll dafür sorgen, dass jedes Kind, das von Armut betrof­fen ist, Zugang zu kos­ten­lo­ser Gesund­heits­für­sorge, Bildung und Betreu­ung, zu einer men­schen­wür­di­gen Unter­kunft und einer ange­mes­se­nen Ernäh­rung erhält.

Um dem demo­gra­phi­schen Wandel zu begegnen, müssen die Sozi­al­sys­teme inklusiv und nach­hal­tig gestal­tet werden. Hier muss die Bekämp­fung von prekärer Beschäf­ti­gung eine zentrale Rolle spielen. Denn mehr sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tige Jobs bedeuten auch mehr Geld für die Sozi­al­sys­teme. Bildung und Wei­ter­bil­dung und Ver­ein­bar­keit von Familie und Beruf sind zentrale Elemente einer guten Beschäf­ti­gung und eines guten Lebens.

Das alles kann dazu bei­tra­gen, dass das soziale Europa für die Menschen greifbar wird. Soziales muss den gleichen Stel­len­wert haben wie Wirt­schaft und Finanzen – und vor allem müssen diese Bereiche gemein­sam gedacht werden. Wenn Europa dieses Sozi­al­mo­dell kon­se­quent umsetzt, kann es das Ver­trauen der Bür­ge­rin­nen und Bürger zurück­ge­win­nen. An dieser Stelle ist auch und vor allem die Mit­wir­kung aller gesell­schafts­po­li­ti­schen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteure wichtig. In der Ver­mitt­lung des Nutzen und des Mehr­werts Europas sind Politik, NGOs, Vereine und Kirchen glei­cher­ma­ßen gefor­dert.

Gemein­sam müssen wir uns für eine soziale Säule stark­ma­chen, die die euro­päi­sche Gesell­schaft stützt und dem Sozialen Europa eine Zukunft gibt!