Text: Johannes Küstner

Fotos: Brot für die Welt

Eine besondere Reise nach Indien

Die Aktion 5000 Brote unterstützt Brot für die Welt-Projekte aus drei verschiedenen Kontinenten. Dafür werden meist Projekte ausgewählt für die bereits Fotos und Texte vorhanden sind. Damit kann interessantes Bildungsmaterial für die Konfirmandenarbeit erstellt werden. Dieses Jahr gab es eine Ausnahme. Die in Indien unterstützte Partnerorganisation Samvada haben wir extra für 5000 Brote besucht. Ziel der Reise war es, die Arbeit von Samvada kennen zu lernen und zu dokumentieren. Dabei wollten wir auch 5000 Brote-Multiplikatoren die Möglichkeit geben, die Projektarbeit einmal vor Ort selbst zu sehen und mit den Akteuren ins Gespräch zu kommen. Zur Reisegruppe gehörten fünf Personen: Florian Lang, ein in Indien lebender Fotograf; Jini Srisuphannaraj, Online-Redakteurin der Diakonie Württemberg, Ingo Lehnick, Chefredakteur beim epd; Karin Wildberger, Mitglied im Brot für die Welt-Jugendausschuss und Johannes Küstner, Jugendbildungsreferent bei Brot für die Welt. Im Februar flogen wir nach Bangalore im südindischen Bundesstaat Karnataka. Sieben Tage hatten wir nun Zeit vor Ort.

Samvada bedeutet Dialog

Samvada bedeutet in der Regionalsprache Kanada Dialog. Die Organisation will durch Bildungsarbeit zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen. Sie bietet Ausbildungen für Berufe an, die für die Umgestaltung der Gesellschaft besonders wichtig sind. Dazu gehören kritischer Journalismus, Sozialpädagogik und nachhaltige Landwirtschaft. Außerdem betreibt Samvada Jugendzentren, in denen Jugendliche und junge Erwachsene sich treffen können und gemeinsam überlegen, wie sie die Gesellschaft verbessern können. In den letzten Jahren entstanden daraus mehrere spannende Kampagnen. In einem Jahr setzten sich die Jugendlichen für die Abschaffung der Mitgiftpraxis ein. Im letzten Jahr forderten die Jugendlichen Bildung für alle. Dieses Jahr heißt die Kampagne der Jugendlichen „Move On“ und fordert gleichberechtigten Zugang für alle zu Hochschulbildung. Im Gespräch mit den Jugendlichen werden die Herausforderungen schnell deutlich. „Es gibt immer mehr teure, private Hochschulen. Die Ausbildungsqualität an den staatlichen Hochschulen wird immer schlechter und es gibt nicht genug Studienplätze“ berichtet uns ein Student. „Frauen wird ein Studium oft von der Familie verwehrt. Außerdem ist es für Familien mit niedrigem Einkommen sehr schwierig während des Studiums die Lebenshaltungskosten aufzubringen“ erklärt eine Studentin.

25 Jahre erfolgreiche Arbeit

Wir hatten die Möglichkeit Samvada während der Feierlichkeiten zu ihrem 25-jährigen Jubiläum zu besuchen. Nachdem wir am ersten Tag die Mitarbeitenden von Samvada und das Jugendzentrum in Bangalore kennenlernten, fand am zweiten Tag gleich eine von Samvada ausgerichtete Konferenz zum Thema „Neuerfindung von Jugendalter und höherer Bildung im Indien der Gegenwart“ statt. Dort bekamen wir einen Einblick in den akademischen Diskurs über Bildung, Jugendpartizipation und Gerechtigkeit, den Samvada in Indien mitgestaltet. Bei einem Treffen mit Weggefährten von Samvada aus den letzten 25 Jahren waren wir beeindruckt, wie viele inzwischen einflussreiche Menschenrechtsaktivisten, Politikerinnen, Akademiker und Bildungsakteure maßgeblich durch ihre Begegnung mit Samvada geprägt wurden. Der Höhepunkt unseres Besuches war ein zweitäigiges Treffen der SAMVADA-Jugendaktivisten aus mehreren Städten in Karnataka. Dort berichteten die engagierten Jugendlichen von ihren Aktivitäten. Es wurde viel getanzt, gesungen und gelacht. Am Rande nutzten wir die Gelegenheit, zahlreiche Interviews mit den Jugendlichen zu führen.

Eindrucksvolle Geschichten

Vineeth, ein 25-jähriger Mann erzählte mir, wie er als Kind oft hungerte. Danke seiner Gemeinde konnte er die Schule abschließen und studieren. Bei Samvada fasste er den Mut trotz seiner niedrigen Kaste ein Master-Studium in Wirtschaft zu absolvieren. Nun hat er noch einen Master in Jura begonnen und will sich für eine Wirtschaft einsetzen, die niemandem schadet und niemanden ausgrenzt.

Die 18-jährige Sunita erklärte mir, dass es sich für  Mädchen aus niedrigen Kasten  nicht gehört, sich öffentlich zu äußern. Bei den von Jugendlichen umgesetzten Kampagnen von Samvada fasste sie erstmals den Mut auf Marktplätzen zu sprechen und spielte bei Theaterauftritten mit. Das erforderte viel Mut. Inzwischen ist sie eine selbstbewusste junge Frau. Sie gründet und begleitet Umwelt-Clubs an Schulen. Sunita will nun Hochschuldozentin werden und dazu beitragen, dass Frauen in der Gesellschaft respektiert werden.

Nanju, ein 24-jähriger Landwirt, erzählte wie er mit der Ausbildung von Samvada seine Landwirtschaft nachhaltiger gestalten konnte. Durch die Kontakte von Samvada kann er seine Ernte zu guten Preisen direkt an einen Bio-Laden in Bangalore verkaufen. Dort arbeitet er nun außerhalb der Erntesaison in Teilzeit als Verkäufer. So hat er ein richtig gutes Einkommen und die nachhaltige Landwirtschaft ist für ihn ein attraktiver Beruf.

Verblüffende Erkenntnis

Ich hatte vor der Reise allerhand Berichte und Publikationen von Samvada gelesen. Im Prinzip wusste ich also, was die Organisation tut. Als mir dann im Gespräch fast alle Jugendlichen sagten „Samvada hat mein Leben völlig verändert!“ war ich doch überrascht. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass diese Arbeit fast alle so außerordentlich stark beeinflussen konnte. Nach mehreren Gesprächen hatte ich dann eine simple, aber wesentliche Erkenntnis: Die Arbeit von Samvada ist so bedeutend, weil sie im gesellschaftlichen Kontext so ungewöhnlich ist. Junge Frauen und Männer haben in Karnataka praktisch keine Möglichkeit sich ungezwungen zu treffen und miteinander zu sprechen. Die Jugendzentren von Samvada machen das möglich. Es gibt in Karnataka auch noch keine pluralistische Kultur, die Werte wie Toleranz und Gleichberechtigung verbreitet. Die meisten Jugendlichen hätten die Utopie einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft schlicht nicht kennengelernt, wenn sie nicht Samvada begegnet wären.

5000 Brote Botschafter

Den Menschen mit denen wir sprachen, berichteten wir von der Aktion 5000 Brote. Wir erzählten, dass wir Jugendlichen in Deutschland von Samvada berichten wollen. Das fanden alle sehr gut. Sie wünschten uns für die Aktion viel Erfolg und baten uns die Beteiligten herzlich zu grüßen. Mit reichen Eindrücken kehrten wir von unserer Reise heim, um die Geschichten und Berichte in den verschiedenen Arbeitszusammenhängen zu nutzen. Für die Konfirmandenarbeit ist Bildungsmaterial zum Projekt „Gemeinsam für Gerechtigkeit“ entstanden, das Sie auf www.5000-brote.de herunterladen können.

Nora Langerock-Siecken

Nora Langerock-Siecken

Referentin für Arbeit und Soziales bei Evangelischer Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)
Nora Langerock-Siecken

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