Wie Tim aus dieser Twitter-Nachricht kann man sich leicht fühlen. Ganz wenig Frieden in sich selbst tragen, auch innerlich zerrissen sein angesichts der vielen oft konfliktiven Ereignisse um einen herum. Sei es durch Umbrüche in der großen Weltpolitik beeinflusst, durch innergesellschaftliche Konflikte und Schieflagen oder durch innere Kriege mit sich selbst oder seinem nächsten Umfeld – alles das kann lähmen oder einen auf Wege treiben, aus denen man sich nur schwer lösen kann und die scheinbar nicht zu einer Beendigung dieser Kriege und Konflikte führen.

So ging es wohl auch Peer Gynt selbst, dem Protagonisten des Dramas von Henrik Ibsen aus dem Jahre 1874, welches Edvard Grieg – nebenbei gesagt nur mit großen Mühen und über zwei Jahre lang – vertonte. Peer Gynt, so liest sich in dem Drama, ließ sich seit seiner Jugend orientierungslos durch die Welt treiben, legte unterwegs viele moralischen Werte ab, um durchzukommen. Peer Gynt betrog und raubte – und wurde selbst auch oft betrogen und beraubt. – Aber er schafft es nicht allein, sein Leben in friedlichere Bahnen zu führen.

Natürlich kann man sich in turbulenten und unsicheren Zeiten, in inneren und äußeren Kriegsmomenten mehr auf sich besinnen, kann achtsamer werden oder versuchen, mit äußeren Gegebenheiten leben zu lernen. Aber bringt das Frieden? Führt einen dieses auf einen Weg, der Kriege beendet oder verbreitert es doch nur den Radius beim Kreisen um sich selbst?

In den letzten Wochen bin ich zufällig immer wieder jenseits massenmedialer politischer und gesellschaftlicher Berichterstattung über kleine Geschichten und Fragmente gestolpert, die mich fasziniert haben, ohne dass ich genau verstanden habe, warum. Mit der Morgenstimmung im Ohr merke ich nun, dass es insbesondere Informationen und Bilder über drei unterschiedliche Frauen waren, deren persönliche Haltung bei den jeweils sie umgebenden Konflikten für mich wegweisend erscheinen.

Da ist zuerst einmal Amel Karboul, eine muslimische Tunesierin, deren überraschende politische Karriere als Tourismusministerin in ihrem Heimatland durch den Arabischen Frühling ermöglicht wurde, aber eben auch nach nur zwei Jahren wieder vorbei war. Seitdem ist sie zwar überaus erfolgreich international als Führungskräftecoach unterwegs, zahlt dafür aber auch einen hohen Preis und fühlt sich immer als Fremde und einer Heimat beraubt.

Dieses Gefühl als Stärke umzumünzen und nun vorwiegend weißen, christlich geprägten Männern gesetzteren Alters Offenheit, Perspektivwechsel und Pragmatismus im internationalen Wirtschaften beizubringen, ist nur eine Facette von ihr. Zusätzlich engagiert sie sich im Namen vieler NGOs und Think Tanks für gerechte Bildungschancen.
Mich persönlich hat gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Renationalisierungstendenzen in Europa und Übersee ihre eingängige und mit Leichtigkeit vorgetragene Argumentation beeindruckt und für einen Perspektivwechsel gesorgt, den ich seitdem immer gerne mal wieder folge. Amel Karboul plädiert aus ganz rationalen Gründen für eine engere Kooperation zwischen Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten, für ein gemeinsames Regionsverständnis, bei der sich das demographisch alternde Europa mit seinem hohen (Management-)Wissen aufs Beste mit gut ausgebildeten jungen nordafrikanischen Arbeitskräften und den finanziellen Mitteln des Nahen Ostens kombinieren ließe.

Da ist das Foto einer jungen verschleierten Frau, die sich dem Betrachter mit strahlendem Lächeln zudreht und mit zum Victory-Zeichen gespreizten Fingern an einer Straße entlanggeht. Das Foto, ein Schnappschuss, hat eine magische Anziehungskraft und hat sich Ende August 2018 in den Sozialen Medien viral verbreitet. Es handelt sich bei der Frau um die Iranerin Roya Saghiri, eine junge Studentin, die im Juli zu 23 Monaten Haft verurteilt wurde und auf dem Weg zum Haftantritt fotografiert wurde.

Roya Saghiri ist durch dieses Foto das Gesicht für die vielen Frauen im Iran, die seit einiger Zeit gegen ihre Unterdrückung durch das autoritäre Regime im Iran protestieren. Diese Frauen legen ihr Kopftuch ab, bewegen sich ungezwungen in der Öffentlichkeit, stellen Fotos und Videos davon online und solidarisieren sich untereinander mit Hilfe sozialer Netzwerke. Roya hatte Ende Dezember 2017 an einer Protestaktion teilgenommen, die gleichzeitig in rund einhundert iranischen Städten stattfand und dabei ihr Kopftuch abgelegt, um für Frauenrechte zu protestieren. Dafür wurde sie zusammen mit anderen Demonstranten auf dem Sa’at-Platz in Täbris verhaftet. Landesweit sollen nach Angaben der Washington Times rund 8000 Menschen für die Teilnahme an den Protesten im Dezember 2017 und Januar 2018 verhaftet worden seien.

Und vor kurzem hing da in einer Fotoausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum dieses Bild einer Frau aus dem Jahre 1968, das Gesicht spiegelt gleichzeitig tiefe Trauer und freudige Hoffnung wider. Und sie hält, nein sie reckt vor der Kirche ein Kreuz in die Höhe, um ein Bekenntnis zu setzen, während sie der Beerdigungsfeier von J.F. Kennedy beiwohnt. Der Name dieser Frau ist leider nicht bekannt. Robert Lebeck, der Fotograph, widmet ihr dennoch einen prominenten Platz in einer der Fotoreportagen, mit dem er die gesellschaftliche Stimmung in den USA aus dem Jahre 1968 dokumentiert.

„Mein Bruder muss nicht idealisiert werden oder im Tode größer gemacht werden als er im Leben war; er sollte einfach erinnert werden als guter und ehrlicher Mann, der Unrecht sah und versuchte Recht zu schaffen, der Leid sah und versuchte, es zu lindern, der Krieg sah und versuchte, ihn zu stoppen.“ Ted Kennedy, Trauerrede für seinen Bruder Robert F. Kennedy

Was haben diese Frauen alle gemeinsam? Sie alle haben ihren inneren Kompass gefunden, sie glauben – an ihren Gott, an gesellschaftliche Werte, an das friedliche Zusammenleben von Menschen. Und sie stehen dafür öffentlich ein, über ihren individuellen Rahmen hinaus.

Mit diesem Schritt über den eigenen Tellerrand beginnt für mich der erste Schritt, einen Konflikt zu befrieden und Kriege zu beenden.

Welch Kraft und welch Geschenk ist dafür der Glaube! Dieser hilft über den steinigen Beginn dieses Weges, der manchmal erst durch tiefe Täler führt. Bei den drei Beispielen ins Gefängnis, über unvorhergesehene Wendungen im Beruf oder erst einmal über tiefe Trauer.

Bei Peer Gynt ist es eine Frau, Solvent, die seine Seele Jahrzehnte später durch ihre ungebrochene Liebe zu ihm rettet, auch wenn sie von ihm betrogen und hintergangen wurde. Und auch bei der Musik beginnt in der Morgenstimmung für Peer Gynt der neue Tag erst, wenn sich die dunklen Wolken lichten und – so wird es von Grieg selbst überliefert – die Sonne beim ersten Fortissimo sich ihren Weg durch die Wolken bricht.

 

link Youtube "Morgendämmerung"

Annelies Bruhne
Referentin für Wirtschaft und Europa
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Referentin für Europa und Wirtschaft bei Evangelischer Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)
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