Shopping oder see­li­sche Erbauung? Mehr ver­kaufs­of­fene Sonntage, darauf drängt der Ein­zel­han­del in der Coro­na­krise. Nur so könnten die ent­stan­de­nen Verluste auf­ge­fan­gen werden. Ein alter Konflikt bricht neu auf: Denn Kirchen, Gewerk­schaf­ten und die Mehrzahl der Beschäf­tig­ten wollen den Sonntag als Ruhetag retten.

„Ver­kaufs­of­fene Sonntage als Kon­junk­tur- und als Impuls für die Innen­städte wären deshalb wichtig, um Fre­quen­zen zu errei­chen, um beson­dere Ein­kaufs­at­mo­sphä­ren zu schaffen, weil gerade der Nicht-Lebens­mit­tel­han­del, Tex­ti­lien, Schuhe, Sport­ar­ti­kel, über vier Wochen geschlos­sen hatte“, sagt Stefan Genth, Geschäfts­füh­rer des Han­dels­ver­bands Deutsch­land. „Wir haben 30 Mil­li­ar­den Euro verloren. Wir können uns gut vor­stel­len, dass ins­be­son­dere in der Herbst– und Weih­nachts­zeit diese ver­kaufs­of­fe­nen Sonntage gut ange­nom­men werden, um verloren gegan­ge­nen Umsatz wie­der­zu­ho­len.“ Die Rege­lun­gen zu ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­gen sind zwar von Bun­des­land zu Bun­des­land unter­schied­lich, doch in der Regel gilt: An bis zu vier Sonn­ta­gen pro Jahr können Geschäfte öffnen, meistens aber nicht in der Advents­zeit. „Wir glauben, dass es in solchen Kri­sen­zei­ten einfach erfor­der­lich ist, Denk­ver­bote an die Seite zu legen. Wir müssen ein anderes Ver­hält­nis zur Sonn­tags­ar­beit haben, ohne die Grund­werte komplett zu ver­ges­sen“, so Genth.

„Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“

Die Grund­lage für einen Ruhetag in der Woche wurde vor rund 5.000 Jahren gelegt: Die Chaldäer, die im Zwei­strom­land, im heutigen Irak lebten, erfanden einen Sieben-Tage-Rhythmus mit einem Ruhetag, der dann später als Sabbat von den Juden über­nom­men wurde. Im Buch Mose ist zu lesen: „Gedenke des Sab­bat­ta­ges, dass du ihn hei­li­gest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am sie­ben­ten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes.“

Zu den eher aktu­el­len Grund­la­gen des Sonntags zählt nicht zuletzt das Grund­ge­setz. Darin heißt es in Artikel 139: „Der Sonntag und die staat­lich aner­kann­ten Fei­er­tage bleiben als Tage der Arbeits­ruhe und der see­li­schen Erhebung gesetz­lich geschützt.“ Wenn, dann dürfen Läden sonntags erst ab mittags öffnen, um nicht in zeit­li­che Kol­li­sion mit den Got­tes­diens­ten zu geraten. Aber ist das noch zeit­ge­mäß, wenn etwa bei den Pro­tes­tan­ten nur noch rund drei Prozent sonntags in die Kirche gehen?

„Einen anderen Blick auf Leben und Welt gewinnen“

„Da ist es so, dass wir aus pro­tes­tan­ti­scher Sicht den Auftrag haben, diesen Tag für alle zu bewahren, und zwar zur Ruhe und zur see­li­schen Erbauung“, sagt Gudrun Nolte, Bun­des­vor­sit­zende des Ver­ban­des Kirche-Wirt­schaft-Arbeits­welt der evan­ge­li­schen Kirche. „Die Got­tes­dienste stehen im Fokus. Aber es geht letzt­end­lich um die Bewah­rung der Ruhe und zur see­li­schen Erbauung. Und gerade die wird benötigt in dieser Zeit, wo so viel Ver­un­si­che­rung herrscht. Es ist im Moment eine kri­sen­ge­schüt­telte Zeit, wo es den Menschen gut tut, zur Ruhe zu kommen. Also see­li­sche Erbauung hat was damit zu tun, auch Reflek­tion über das eigene Leben und die Zukunft in den Blick zu bekommen, und dazu braucht es Zeit und Räume.“

Der Artikel von Michael Hol­len­bach ist bei deutschlandfunk.de erschie­nen. Sie möchten wei­ter­le­sen? Bitte klicken Sie hier.

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