Die Hälfte ist geschafft! Mittwoch um zwölf Uhr ist der halbe Mittwoch vorbei, die Hälfte der klas­si­schen Montag-bis-Freitag-Woche und auch die Hälfte der Woche, die nach christ­li­chem Ver­ständ­nis mit dem Sonntag beginnt, liegt hinter einem. Von manchen wird dieser Moment als „Hump-day“ oder „Bergfest“ bezeich­net.

Wer die Hälfte hinter sich hat, hat schon viel erlebt und geschafft – Schönes und Trau­ri­ges, Aben­teu­er­li­ches und Lang­wei­li­ges, Ver­wun­der­li­ches oder Begeis­tern­des. Wer die Hälfte noch vor sich hat, kann sich noch auf Vieles freuen und so Manches meistern.

Die „Halbzeit“ ist also ein guter Moment, um kurz inne­zu­hal­ten und sich eine gedank­li­che Pause zu gönnen. Mit kurzen Texten und Bildern laden wir Sie jeden Mittwoch zu einer kurzen Mitt­woch­s­an­dacht ein. Gönnen Sie sich diese kurze Halbzeit-Pause!

Jeden Don­ners­tag ver­sen­den wir die Halbzeit-Andacht in unserem News­let­ter. Um auch am Don­ners­tag noch mal inne zu halten.

„Einmal Erbarmen, bitte!“

Schnell kommt das Gespräch am Tisch auf den jungen Mann, der uns bedient. Bei einem Teller weiß er nicht, von welcher Seite er ihn bringen soll, bei jemand anderem fehlt das Besteck. Er wird immer wieder gemus­tert während er uns bedient, aber keiner sagt was zu ihm. Erst als er weg ist, bricht es aus zweien heraus: „Also das geht ja gar nicht.“ „Ich habe was anderes bestellt, ich wollte keine Kar­tof­feln dazu.“ Murren macht sich breit am Tisch.

Ich bin etwas irri­tiert von der ganzen Szenerie die sich mir bietet. „Wie läuft es den eigent­lich mit deinem Azubi?“ frage ich den einen nach ein paar Bissen. „Ach der, der macht ja nix. Und wenn er mal was macht, dann macht er es bestimmt falsch.“ Diese Sätze kenne ich doch, denke ich mir. Sowas kam mir in meiner Lehrzeit auch immer wieder mal unter. Bis ich keine Lust mehr hatte, immer das Gefühl zu haben, alles falsch zu machen und es damals zu einem große Krach kam.

„Ent­schul­di­gung?“, rufe ich den jugen Mann zu unserem Tisch. Dieser kommt zwar zügig zu uns, steht aber leicht unsicher da. „Machen Sie eine Aus­bil­dung hier?“, frage ich ihn während ich die ersten Blicke meiner Tisch­nach­barn spüre. „Ja, aber erst seit kurzem. Eigent­lich bin ich ja bei uns in der Küche, aber diese Woche soll ich im Service aus­hel­fen“, sagt er. Es ist Mittwoch, Montag hat das Restau­rant zu, es ist also sein zweiter Arbeits­tag hier im Gastraum. „Ist sicher nicht einfach“, sage ich und zeige auf die Runde am Tisch: „Hier sitzen lauter Leute am Tisch, die mit Lehr­lin­gen zu tun haben – wenn Sie Fragen haben, dann einfach Fragen.“ Ich sehe wie der junge Mann noch ein wenig nervöser wird und unsicher in die Runde schaut.“Hat etwas nicht gepasst?“, fragt er unsicher. Schwei­gen am Tisch, ich werde ange­schaut, der junge Mann wird ange­schaut.
„Eigent­lich hatte ich keine Kar­tof­feln als Beilage bestellt“, ist dann zu hören. Der junge Mann zuckt sofort, ent­schul­digt sich mehrfach und will gerade den Teller nehmen. „Passt schon, die Kar­tof­feln sind auch gut.“ „Es tut mir leid, das wusste ich nicht, da habe ich was durch­ein­an­der gebracht. Sie hatten nichts gesagt, da wusste ich nicht, dass ich einen Fehler gemacht habe“, bricht es aus dem jungen Mann heraus. „Kann ja pas­sie­ren. Aus Fehler lernt man. Ich hätte auch gleich was sagen müssen.“ Der junge Mann ent­schul­digt sich nochmals, bedankt sich und geht.

„Das musste jetzt sein, oder?“ werde ich gefragt. Ich grinse, nicke leicht und sage nur „Sprüche 28. Vers 13. Auch wenn es kein Ver­bre­chen war.“ Ein paar lachen, einer zückt sein Handy und fängt gleich an zu suchen. „Öha!“, höre ich. „Starker Tobak… Wer seine Ver­bre­chen zudeckt, wird keinen Erfolg haben; wer sie aber bekennt und lässt, wird Erbarmen finden.“ „Ich sage ja, kein Ver­bre­chen. Aber wenn man jemanden nicht sagt, was oder warum er es falsch gemacht hat, wie soll der sich dann ändern oder es besser machen? Wenn ich nicht sage, dass was am Essen falsch ist und mich lieber darüber aufrege, das hilft doch keinem. Und jetzt lasst uns fertig essen. Sonst werden die Kar­tof­feln noch kalt. Die du nicht bestell hast.“ Geläch­ter am Tisch und es wird zu Ende gegessen.

Eine ganze Zeit geht es dann über die aktuelle Situa­tion, auch über Aus­zu­bil­dende und dass es manchmal echt nicht einfach ist. Am Ende bekomme ich noch ein „jaja, Du und die Sprüche“ zu hören und sehe wie der Aus­bil­der, der sich über seinen Lehrling beschwert hat, noch zu dem jungen Mann geht, mit ihm redet und ihm letzt­end­lich auf­mun­ternd auf die Schulter klopt. „Und?“, frage ich ihn beim Raus­ge­hen. „Dein Lehrling?“ „Erbarmen, oder?“ lacht er. „Ja, auch“, sage ich „Man kann nur aus Fehlern lernen, wenn man die zulässt und danach sagt, was besser hätte laufen sollen.“ „Ja viel­leicht erbarme ich mich ja doch – Essen gehen mit Dir ist echt anstren­gend“, lächelt und geht.

Autor: Ulrich Gottwald, kda Augsburg

Alle Mitt­woch­s­an­dach­ten zum Nach­le­sen finden Sie hier: https://kda-bayern.de/mensch-und-arbeit/halbzeit/

 

Lukas Spah­lin­ger
Poli­tik­wis­sen­schaft­ler
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