Hannover. Der Lan­des­so­zi­al­pas­tor der han­no­ver­schen Lan­des­kir­che, Matthias Jung, sieht die aktuelle Ener­gie­krise als Anstoß, neu über eine soli­da­ri­sche, zukunfts­fä­hige Gesell­schaft nach­den­ken. „Die Krise fordert uns auf vielen Ebenen heraus: Sie stellt Fragen nach sozialer Gerech­tig­keit, nach der Ver­ant­wor­tung des Gemein­we­sens für die Schwächs­ten unter uns und nach unserem Umgang mit immer knapper wer­den­den Res­sour­cen“, sagte der evan­ge­li­sche Theologe am Mittwoch im Gespräch mit dem Evan­ge­li­schen Pres­se­dienst (epd).

Um diese Fragen erfolg­reich zu beant­wor­ten, bedürfe es mutiger Visionen für eine bessere Zukunft: „Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten, in denen wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen sollten, wofür wir eigent­lich leben, welche Welt wir kom­men­den Gene­ra­tio­nen hin­ter­las­sen wollen.“

Jung betonte, dass sich viele Her­aus­for­de­run­gen der Ener­gie­krise durch den von Menschen ver­ur­sach­ten Kli­ma­wan­del schon seit Längerem stellten, bislang aber nicht kon­se­quent genug ange­gan­gen worden seien. „Das ist einer­seits bitter, aber darin liegt nun auch eine Chance“, sagte der Lan­des­so­zi­al­pas­tor. „Jetzt sind wir als Gesell­schaft gezwun­gen, zügig zu reagie­ren. Hof­fent­lich stellen wir nun auf allen Ebenen Weichen in Richtung Nach­hal­tig­keit und Res­sour­cen­scho­nung – von der Wirt­schaft bis hinein in unsere privaten Lebens- und Kon­sum­ge­wohn­hei­ten.“

Zugleich unter­strich Jung, dass stei­gende Energie- und Lebens­hal­tungs­kos­ten sowie die im Oktober in Kraft tretende Gas­um­lage die Menschen höchst unter­schied­lich belas­te­ten: „In der jetzigen Krise wird über­deut­lich sichtbar, was auch vorher schon eine traurige Tatsache war: Die soziale Schere geht immer weiter aus­ein­an­der.“ Mil­lio­nen Menschen stünden ange­sichts dras­ti­scher finan­zi­el­ler Mehr­be­las­tun­gen mit dem Rücken zur Wand. Bei den bislang dis­ku­tier­ten Ent­las­tun­gen sei unklar, ob sie tat­säch­lich den­je­ni­gen zugu­te­kom­men, die durch stei­gende Preise dras­tisch belastet sind. „Dafür zu sorgen, dass diese Menschen nicht durch die Maschen fallen, muss bei den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen Prio­ri­tät haben – auch, wenn dazu neu über eine Ver­tei­lung von Gütern und Lasten in unserer Gesell­schaft ver­han­delt werden muss“, forderte Jung.

Der Lan­des­so­zi­al­pas­tor regte an, dass sich Kir­chen­ge­mein­den und kirch­li­che Ein­rich­tun­gen vor Ort in Zeiten des Wandels und der Suche nach neuer Ori­en­tie­rung stärker für gesell­schaft­li­che Gruppen und Anliegen von Menschen öffnen. „Auch wenn unsere Mög­lich­kei­ten begrenzt sind, den Menschen durch die Krise zu helfen: Sie brauchen Räume zur Begeg­nung und zum Dialog. Wir können unsere Kirchen und Gemein­de­häu­ser offen­hal­ten, um Anlauf­punkte für Aus­tausch und gegen­sei­tige Hilfe zu bieten.“

Jung sagte, er selbst wende sich in schwie­ri­gen Zeiten ver­stärkt der Bibel zu – und stoße dabei immer wieder auf teils über­ra­schende Stellen, die gut in die Zeit passten. Ihn bewege gerade ein Wort aus dem Buch der Sprüche, auf das er zufällig gestoßen sei: „Wenn ein Volk keine Vision hat, dann ver­wil­dert es.“ In diesen wenigen Worten sei viel Wucht zu spüren, sagte der Theologe.

epd Lan­des­dienst Nie­der­sach­sen-Bremen

 

Dr. Matthias Jung
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