15.3.2023 | „Du bist Gott und siehst mich“ und mein uner­hör­tes NEIN

Ver­hal­ten wir Frauen uns in unserer Arbeits­welt völlig anders, als in unserer privaten Welt? Wohl kaum. Hier wie dort kommt den meisten von uns ein JA viel leichter über die Lippen als ein NEIN. Leider führt das oft zu Über­las­tun­gen. Unser NEIN bleibt unerhört, weil ungesagt.

Warum fällt uns das so schwer? Die Wurzeln reichen weit zurück in Erzie­hung und gesell­schaft­li­che Rol­len­zu­schrei­bung. Alle Kinder grenzen sich in der kind­li­chen Trotz­phase mit einem NEIN ab. Das Aus­tes­ten von Grenzen hilft bei der Abna­be­lung aus der sym­bio­ti­schen Bezie­hung mit der Mutter. Das ist völlig normal auf dem Weg ins Leben und hilf­reich, um darin bestehen zu können.
Aber das Umfeld reagiert auf diese Nor­ma­li­tät höchst unter­schied­lich, je nachdem welchem Geschlecht das Kind angehört. Denn die kapi­ta­lis­ti­sche Arbeits­tei­lung hat den Geschlech­tern unter­schied­li­che Funk­tio­nen zuge­dacht: Während Grenz­zie­hung und Selbst­be­haup­tung der Jungen belohnt wird, gehen die Mädchen des Lobes leer aus oder werden sogar für ver­gleich­ba­res Ver­hal­ten bestraft. Denn die Jungen sollen sich in ihrer späteren Rolle als Fami­li­en­er­näh­rer und in der Arbeits­welt behaup­ten können, die Mädchen später einmal Hüterin des trauten Heimes, aus­glei­chen­den Mutter und lie­be­volle Ehefrau sein. Also werden sie für diese Ver­hal­tens­wei­sen belohnt. So funk­tio­niert das System.

Dank der Kämpfe der Frau­en­be­we­gung hat sich inzwi­schen vieles geändert – beson­ders die Erwerbs­quote von Frauen. Doch das System funk­tio­niert noch tra­di­tio­nell und führt zur Doppel- und Drei­fach­be­las­tung von Frauen. Das Ver­hal­ten, das wir von Kin­des­bei­nen an ver­in­ner­licht haben, ist so tief in uns ver­an­kert, dass es indi­vi­du­ell und gesell­schaft­lich nur sehr langsam auf­bricht.
Und so kommt es, dass Frauen sich oft lieber selbst über­for­dern, als jemand anderem etwas abzu­schla­gen. Sagen wir NEIN, stellt sich fast unmit­tel­bar ein schlech­tes Gewissen ein, meinen wir uns recht­fer­ti­gen zu müssen, wünschen wir uns Abso­lu­tion für dieses uner­hörte NEIN. Oft geben wir nach und sagen JA, obwohl wir eigent­lich nicht wollen oder können.

So aber kommt keine Frau gegen die Doppel- und Drei­fach­be­las­tung an!

„Du bist Gott und siehst mich“ heißt vor diesem Hin­ter­grund zual­ler­erst: Gott sieht mich, so wie ich bin. So wie ich vor ihm bin und nicht vorm kapi­ta­lis­ti­schen System. Sein Blick auf mich ist unver­stellt, die Gründe für mein NEIN sind ihm bereits bekannt und gerecht­fer­tigt. Ich bin auf keine Funktion im System redu­ziert, sondern nichts Gerin­ge­res als sein Ebenbild!

Und Jesus bekräf­tigt „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“! „Wie Dich selbst“ – das bedeutet, unserer Fähig­keit zur Nächs­ten­liebe ist abhängig vom guten Umgang mit uns selbst. Das Kern­stück des christ­li­chen Glaubens bedarf also unserer Selbst­ach­tung und Selbst­liebe. Und deshalb kommt frau auch nicht umhin, ihr NEIN erhörbar zu machen!

Wie geht das? Es ist bei Ver­hal­tens­än­de­run­gen wie beim sport­li­chen Mus­kel­auf­bau – allein das Training bringt den Erfolg! Sagen Sie NEIN, wenn Sie NEIN meinen und bleiben Sie dabei! Üben Sie es! Wo Sie zunächst noch Herz­klop­fen bekommen bei so viel Uner­hört­heit, wird mit etwas Übung die Gewiss­heit wachsen, dass Sie das gott­ge­ge­bene Recht haben, Ihre eigenen Bedürf­nisse wichtig zu nehmen und sie nicht immer­wäh­rend hintenan zu stellen!

Und was gut ist für Sie, ist auch gut für unerhört viel Nächs­ten­liebe!

 

Martina Spohr | Fach­re­fe­ren­tin und Coach | Referat Wirt­schaft-Arbeit-Soziales | Evan­ge­li­sche Kirche von Kur­hes­sen-Waldeck | Mail: martina.spohr@ekkw.de

Bei­trags­foto von Edu Lauton auf Unsplash

 

 

Dies ist eine Andacht zum Frauenmonat März 2023 mit dem Schwerpunkt: „Gott sieht mich und meine Arbeit“.

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